Zwei Kinder, die komplett anders sind als andere Kinder. Dazu noch Diagnostiken und zahlreiche Gespräche mit Institutionen. Als die Diagnose ADHS feststand, war die einzige Empfehlung, die ich bekam: Medikamente. Ohne Aufklärung und ohne Alternativen im Diagnostik-Gespräch. Daher hat mich das Thema der Blogparade von Sona Terlohr „Damit habe ich als Mutter nicht gerechnet“ direkt angesprochen. Das ist also mein Beitrag, und wir konzentrieren uns hier auf eine Begebenheit, die mich sprachlos gemacht hat. Ich erzähle ihn dir hier, weil ich mir wünsche, dass er anderen Müttern in einer ähnlichen Situation etwas Halt gibt.
Wenn Kinder sich anders entwickeln, als du hoffst
Wenn du Kinder hast, wünschst du dir natürlich, dass sie gesund und einigermaßen normal aufwachsen. Dass sie Freunde finden, in Vereinen tätig sind, gut in der Schule mitkommen, irgendwann ihren Abschluss machen, um gestärkt in ihr eigenes, selbstständiges Leben zu starten.
Nach der Erziehungsberatung kam die Diagnostik
Und dann bekommst du zwei Kinder, die diese Pläne über den Haufen werfen. Einfach so, ohne Vorwarnung. Du bist also völlig unvorbereitet, wenn du als Mutter zu Elterngesprächen im Kindergarten eingeladen wirst, weil dein Kind wieder einmal ein Marmeladenglas im Kakao versenkt hat oder sämtliche Wasserhähne in der Toilette aufgedreht hat. Die Empfehlung für eine Erziehungsberatung folgte.
Dann kam die Einschulung und mit ihr die erste Diagnostik. Denn nachdem die Erziehungsberatung wenig fruchtete, erhielten wir eine Empfehlung für eine ADHS-Diagnostik. Nach ein paar Terminen saßen wir mit der Psychologin an einem Tisch und besprachen die Ergebnisse. Das ADHS bestätigte sich, gepaart mit einer überdurchschnittlichen Begabung mit einem IQ von 121, die aber vernachlässigt wurde. ADHS steht für
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und zeigt sich unter anderem durch Impulsivität und Konzentrationsschwierigkeiten.
Bullshit-Bingo "Hochbegabung” für genervte Eltern und neugierige Lehrkräfte.
Nie mehr sprachlos: 24 Mythen über Hochbegabung und ihre Auflösung.
Die Empfehlung für Medikamente ließ mich sprachlos zurück
Am Ende des Gesprächs empfahl uns die Psychologin, dass unser Kind Medikamente nehmen sollte, um in der Schule gut mitzukommen. Diese Empfehlung machte mich erst einmal sprachlos, denn es war das Einzige, was sie dazu sagte. Wir wussten nun weder, was das ADHS wirklich bedeutete, noch, ob es Alternativen in der Therapie gibt.
Also fuhren wir mit dieser Empfehlung im Gepäck nach Hause. Wir fühlten uns allein gelassen, auch wenn dich so eine Diagnose erst einmal erleichtert. Denn du weißt endlich, was mit deinem Kind los ist. Auf der anderen Seite spürten wir eine gewisse Ratlosigkeit sowie Sprachlosigkeit über diese einzige Empfehlung, die wir schwarz auf weiß im Bericht vor uns liegen hatten.
Die Recherche über ADHS begann
Es ist schon eine Hausnummer, deinem Kind Medikamente zu geben, die in den öffentlichen Diskussionen damals als sehr umstritten galten. Also machte ich mich auf die Suche und begann zu recherchieren über ADHS. Was bedeutete das? Wie wirkte sich das aus? Was hilft, damit das Kind sich besser im Unterricht fokussieren kann? Was hat es mit dem Vorwurf der Modediagnosen auf sich?
Viele dieser Fragen stellte ich mir, immer auf der Suche nach einer Alternative zu den Medikamenten. Denn wir haben die Empfehlung für die Medikamente nicht einfach so hingenommen. Stattdessen haben wir sie überdacht und diskutiert, von allen Seiten betrachtet, und uns am Ende dagegen entschieden. Wir spürten, dass kann nicht der einzige Weg sein.

Das „Versuchskaninchen“-Gefühl nach der Diagnostik
Natürlich ist noch viel mehr passiert in unserem Eltern-Dasein. Nach vielen weiteren Jahren, als unser Sohn bereits 17 Jahre alt war, begann ich mein Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ zu schreiben. Hier erzähle ich über unsere gesamten Erlebnisse im Zusammenhang mit Hochbegabung und Underachievement sowie Schulverweigerung. Ein Kapitel daraus behandelt die Zeit um die Einschulung, von der ich eben erzählte.
Immer auf der Suche nach einer Lösung
Es trägt den Titel „Das Versuchskaninchen“. Genau so hat es sich in dieser Zeit für uns angefühlt. Wir mussten und wollten selbst herausfinden, welche Alternativen funktionieren und welche nicht. Von hochdosierten Vitaminen, Koffein, glutenfreie Ernährung bis hin zu Mindwaves und Homöopathie probierten wir alles aus. Aber leider auch alles nur mit mäßiger Wirkung.
Der wichtigste Baustein dabei war der enge, regelmäßige Austausch mit den Lehrkräften. Und glücklicherweise hatten wir eine Lehrerin, die uns dabei sehr unterstützte. Wir haben miteinander gesprochen, haben beobachtet, angepasst und neu justiert. Es war für uns alle ein guter Weg, der zu unserem Kind passte und den wir gemeinsam mit den Menschen gegangen sind, die es im Schulalltag begleiteten.
Medikamente begleiteten uns zwischen der 3. Klasse und der Pubertät
In der dritten Klasse haben wir dann doch nach dem letzten Strohhalm gegriffen. Die Lehrerin hatte mittlerweile die Schule verlassen, die Noten rutschten ab, und der Charakter unseres Sohnes veränderte sich. Er wurde immer frustrierter, weil er wusste, dass er es konnte, aber es eben nicht aufs Papier brachte. Das war der Moment, wo wir gemeinsam mit dem Kinderarzt den Versuch mit den Medikamenten gestartet haben.
Bis zur Pubertät funktionierte das für uns gut. Unser Sohn konnte sich besser fokussieren, dem Unterricht leichter folgen und die Noten verbesserten sich. Doch das nur bis zu einem gewissen Grad, denn wir hatten eins nicht auf dem Schirm. Seine hohe Begabung. Diese kam mit Eintritt in die Pubertät immer mehr zum Vorschein, währenddessen sich gleichzeitig das ADHS abschwächte und sogar verschwand, worüber ich hier schreibe. Er setzte die Medikamente wieder ab, da er sie nicht mehr vertrug. Irgendwann verweigerte er die Schule und wurde schulabstinent.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
In meinem Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich" kannst du mehr über all die Herausforderungen, die wir bewältigen mussten, erfahren.
Bei Amazon - oder im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3982620169

Meine Haltung und was ich anderen Müttern mitgeben möchte
Ich möchte erst einmal klarstellen, dass die Gabe von Medikamenten bei ADHS eine sehr persönliche Entscheidung ist. Und ich möchte an dieser Stelle niemandem ein schlechtes Gewissen machen, der sich für Medikamente entscheidet. Für manche Familien sind sie der letzte Strohhalm, nach allem, was vorher schon versucht wurde. Und das ist völlig in Ordnung so.
Medikamente sind eine persönliche Entscheidung.
Diese Entscheidung ist zutiefst persönlich, und es steht niemandem zu, das von außen zu bewerten. Tatsächlich sind die Medikamente und ihre Wirkung aus meiner Erfahrung heute besser dokumentiert als jemals zuvor. Für viele ADHSler sind sie eine große Unterstützung, auch wenn viele die Superkräfte von ADHS als Lösung propagieren.
Und ja, ADHS kann auch einen großen Schatz in sich tragen. Oft braucht es nur eine andere Sichtweise darauf, um das Verhalten dahinter besser zu verstehen. Mein Gamechanger war damals das Buch „ADHD – eine andere Art, die Welt zu sehen.“ (Werbung*)
Was hätte mir als Mutter geholfen?
Noch einmal zurück zu meinem Erlebnis, was mir vorher niemand gesagt hat. Denn darum soll es in diesem Artikel hauptsächlich gehen. Was mir damals gefehlt hat, war etwas Gravierendes, nämlich eine frühe und umfassende Aufklärung. Was bedeutet ADHS eigentlich? Welche Folgen kann das für die Schule haben? Und welches Spektrum an Möglichkeiten gibt es neben Medikamenten, etwa Therapie, ein Schulwechsel oder alternative Methoden?
Diese Informationen hätten mir damals geholfen, eine Entscheidung zu treffen, die wirklich auf einer Grundlage steht, und nicht im luftleeren Raum. Aus diesem Grund habe ich mir überlegt, was dir in so einer Situation helfen könnte und habe ein kleines Fazit vorbereitet.
Sprachlos im Diagnostik-Gespräch? Meine 7 Impulse für dich
- Impuls 1: Lass dich nicht verunsichern von einer puren Empfehlung für Medikamente.
- Impuls 2: Bleib offen in alle Richtungen und vertrau auf dein Bauchgefühl, was die nächsten Schritte angeht.
- Impuls 3: Hol dir Informationen zur Diagnose und tausch dich mit anderen Betroffenen aus.
- Impuls 4: Schau immer auch auf die Potenziale und Stärken deines Kindes, gerade wenn eine Doppeldiagnose, eine Hochbegabung oder Masking im Raum stehen, und fördere sie.
- Impuls 5: Sei immer für dein Kind da. Du bist oft der einzige Verbündete, den es hat.
- Impuls 6: Bleib zur Not hartnäckig dran, wenn es um die Verwirklichung von Lösungen geht.
- Impuls 7: Kommuniziere immer wertschätzend und auf Augenhöhe mit den Verantwortlichen, um das Beste für dein Kind herauszuholen.
Das gemeinsame Ziel bleibt immer, dass es dem Kind gut geht und dass es seine Ziele erreichen kann. Das ist das, was wir uns für unsere Kinder wünschen, und was sicher auch für die Lehrkräfte und die Bildungsverantwortlichen gilt oder gelten sollte. Sprachlosigkeit ist nicht das Ende, eine Diagnostik ist es ebenso wenig. Oft ist sie erst der Anfang der eigenen Suche nach dem richtigen Weg. Dabei wünsche ich dir alles Gute!
Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Diagnostik
Nein, Medikamente sind eine Möglichkeit unter mehreren. Ob sie sinnvoll sind, hängt vom einzelnen Kind, der Ausprägung und der Familiensituation ab.
Dazu zählen unter anderem eine enge Abstimmung mit den Lehrkräften, Verhaltenstherapie, sowie das gezielte Fördern von Stärken und Potenzialen.
Das ist individuell und sollte immer mit den Ärzten und Psychologen abgesprochen werden. Bei uns war es die dritte Klasse, als andere Wege ausgeschöpft waren und der Leidensdruck stieg.
Bei unserem Sohn kam es genau in der Pubertät zu einer Veränderung: Seine Hochbegabung trat stärker hervor, während die ADHS-Symptome nachließen. Mehr zum Zusammenhang liest du in meinem Artikel dazu, den ich weiter oben verlinkt habe.

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Du bist nicht allein.





















Liebe Susanne, danke dir, dass du mit dieser Geschichte bei meiner Blogparade mitmachst.
Diese Sprachlosigkeit nach der Empfehlung für Medikamente, ohne Einordnung, ohne Alternativen, kenne ich aus vielen Gesprächen mit Eltern nur zu gut. Ich selbst hatte damals schon einige Bücher zu ADHS gelesen 😅 und habe gefragt, was man denn noch tun könnte, was der Psychiater neben Methylphenidat empfiehlt?
"Hm, weiß nicht, ....vielleicht bisschen Yoga..."....die 5 Minuten Behandlungszeit waren anscheinend schon um...
Das hat mich sprachlos gemacht. (Hätte nicht wenigstens der Flyer von der lokalen Selbsthilfegruppe im Wartezimmer ausliegen können?)
Man hat plötzlich eine Diagnose in der Hand - was ich an und für sich super fand! - und ist trotzdem völlig allein mit der Frage, was jetzt richtig ist.
Besonders deine Impulse am Ende nehme ich mit, vor allem der mit dem Bauchgefühl - denn Du bist die Expertin für Dein Kind!, sage ich den Eltern im Elterncoaching immer wieder 🩷.
Danke für deine persönliche Geschichte und Offenheit!
Herzlich, Sona
Liebe Sona,
herzlichen Dank für das schöne Feedback! Es ist wichtig, den Eltern beizustehen, jede auf ihre Art. 🙂
Danke für deine Arbeit!
Liebe Grüße
Susanen