Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, über dieses Thema zu schreiben. Wenn du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, ob ich hochbegabt bin, hätte ich abgewunken, gelacht und gesagt: „Ich nicht, aber mein Mann.“ Mit dem Aspekt, dass ich selbst hochbegabt sein könnte, habe ich mich erst beschäftigt, als meine Kinder fast erwachsen waren und ich selbst 53 Jahre alt war. Die Ursache war die Lektüre eines Buchs, auf welches ich gleich eingehen möchte. Es war der Grund, warum ich mich heute mit dem Thema spät erkannte Hochbegabung als erwachsene Frau beschäftige und darüber diesen Artikel schreibe.
Hochbegabte Schüler werden nicht immer erkannt
Ich war eine durchschnittliche Schülerin, eher leise und still. Musik war mein Lieblingsfach in der Schule und auch in der Freizeit drehte sich mein Leben darum. Als 9-Jährige spielte ich Querflöte in einem Spielmannszug, lernte mit 12 Jahren Klavier und legte meine erste Dirigentenprüfung mit 17 Jahren ab.

Musik war mein Rückzug, sie gab mir Halt und Selbstbewusstsein. Heute spiele ich 7 Instrumente und habe in einer Band gesungen. Wichtig dabei war mir immer die Vielfalt. Von Kirchenorgel bis Gothic-Band war alles dabei.
Hochbegabte zweifeln oft an sich selbst
Doch eins erlangte ich nie: Perfektion auf einem Instrument. Das ist etwas, was mich mein ganzes Leben verfolgt und worunter ich hier und da leide. Ich mache sehr viel, aber dass ich eine Sache perfektioniere, das sehe ich nicht bei mir selbst. Vielleicht liegt es aber auch an meinem Impostor-Syndrom, also einer Art Hochstapler-Syndrom, über das ich noch explizit schreiben werde.
Spät erkannte Hochbegabung als erwachsene Frau
Es gibt aber eine Sache, in der ich heute mein ganzes Herzblut stecke: Das Schreiben von Büchern, Blogartikel und Gastartikel. Der Schreibvorgang ist für mich magisch. Am Anfang gibt es einen Impuls, eine Idee und das Wissen, dass daraus etwas wird. So ist mein drittes Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ entstanden.

Zu unserer persönlichen Geschichte mit Hochbegabung, ADHS und vielen Diagnostiken habe ich ein Buch geschrieben: „Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich“.
Bei Amazon - oder im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3982620169
Wenn ich einen Impuls erhalte, die nächsten Zeilen aufs Papier zu bringen, dann ist das wie ein innerer Drang, dem ich nachgeben muss. Meine Finger sind dabei ein wichtiges Werkzeug. Dank dem 10-Finger System bin ich in der Lage, meine Gedanken schnell in die Tastatur zu bringen. Ich gerate in einen Flow, der mich Raum und Zeit vergessen lässt.
Nach der Schulzeit vom Minderleister zum Hochleister
In der Schule sah das aber noch ganz anders aus. In Diktaten war ich immer sehr gut, da ich aus dem Gefühl heraus alles richtig machte. Sollte ich es begründen, versagte ich. Bei freien Texten und Aufsätzen prangten zahlreiche rote „A“s für Ausdruck am Rand.
Ich kam hier nie auf einen grünen Zweig. Umso mehr erstaunt es mich, dass das Schreiben und Formulieren zu einer meiner größten Stärken geworden ist. Daher meine Botschaft an dich: Glaub an dich und deine Fähigkeiten, auch wenn du in der Schule andere Erfahrungen gemacht hast.
Vielfalt leben als hochbegabte Erwachsene
Letztendlich habe ich mein Abitur mit der Abschlussnote 3,2 geschafft. Ich studierte Grundschullehramt, brach das Studium aber kurz vor dem ersten Staatsexamen ab. Mein Hauptfach war Musik. Heute denke ich, dass ein Magisterstudium besser gewesen wäre. Da ich aber bereits Musik-Lehrgänge für Kinder leitete, dachte ich, dass ein Pädagogik-Studium optimal für mich ist.
Vom Musikstudium zur Diskothek-Inhaberin
Dem war aber nicht so. Zudem waren die Studienbedingungen während der damaligen Lehramtsschwemme in den 1990er-Jahren alles andere als gut. Die Vorlesungen waren ständig überfüllt, die Plätze wurden ausgelost. Trotzdem erwarb ich wertvolle Fertigkeiten und brauchbares Wissen in dieser Zeit.

Es ergab sich danach, dass wir eine Diskothek übernehmen konnten. Es war unsere Lieblingsdiskothek, der Ausweg in Gießen. Nach einiger Zeit verspürte ich aber den Wunsch, etwas Richtiges lernen zu wollen. Ich ging zur Arbeitsagentur und durfte eine Umschulung zur Werbekauffrau machen.
Vom zweiten Studium in die Selbstständigkeit
Während des zweiten Praktikums wurde ich von der Werbeagentur direkt übernommen und absolvierte dort den Rest meiner Ausbildung im Eigenstudium. Als Projektmanagerin arbeitete ich dort ein paar Jahre, als meine beiden Kinder geboren wurden.
Mir war klar, dass ich Hirnfutter während der Elternzeiten brauchte. So meldete ich mich zu einem BWL-Fernstudium an, welches ich 5 Jahre später erfolgreich absolvierte. Es folgte die Suche nach einer Arbeitsstelle. Da diese erfolglos war, machte ich mich 2011 mit meiner Werbeagentur SpürSinn selbstständig. 2018 schrieb ich mein erstes Buch.
Hochbegabung hat viele Gesichter
Du siehst, mein Lebenslauf ist alles andere als gradlinig. Aber das ist gut so, denn ich liebe die Abwechslung. Diese lebe ich in meiner Agentur durch die vielfältigen Projekte mit unterschiedlichen Kunden. Doch mein Herzensprojekt ist derzeit die Vermarktung meines dritten Buchs „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“. Und so schließt sich der Kreis zum Thema Hochbegabung.
Rückblickend gab es keine Anzeichen von Hochbegabung in meiner Kindheit und Jugend. Mein Freundeskreis beschränkte sich auf 4 beste Freundinnen, mit den anderen Mitschülern konnte ich nur wenig anfangen. Ich träumte oft vor mich hin und war in meinen eigenen Welten versunken.
Soziale Anpassung ist für viele Hochbegabte ein Problem
Von außen wurde ich als oberflächlich wahrgenommen und einmal frotzelte sogar jemand, ich käme von einem anderen Stern. Leider war ich dadurch ein willkommenes Mobbingopfer. Ich wurde noch stiller und wiederholte die 8. Klasse, da meine Leistungen immer schlechter wurden. Aber das war ein Segen für mich, die neue Klassengemeinschaft war wohlwollend.
Außerdem unterliege ich einem gewissen Perfektionismus, welchen ich aber erst im Nachhinein erkannte. Ich habe stets Schwierigkeiten damit, meine Meinung zu äußern. Das liegt daran, dass es mir oft unmöglich erscheint, alle Fakten ins Kalkül ziehen zu können, um mir daraus meine eigene Meinung zu bilden. Oft ist die Sachlage so verworren für mich, dass mir das unmöglich erscheint.
Perfektionismus bei Hochbegabten als Ursache für Minderleistung
Perfektionismus kann ein Grund sein, warum Hochbegabte ihre Leistungen nicht auf die Straße bringen können. Sie suchen nach der perfekten Antwort, sind aber unfähig, sie zu geben. Sie könnte in ihren Augen falsch sein oder ihren Ansprüchen nicht genügen. In der Schule erbringen Schüler dann beispielsweise keine erkennbare Leistung oder sie verweigern die Aufgaben.
Auch bei der Entscheidungsfindung bin ich oft gehemmt. Dann entsteht bei mir eine Art Gedankenballon mit vielen Eventualitäten, die ich gleichzeitig versuche zu bewerten. Besonders in der Kindererziehung fiel mir dies oft auf die Füße. Ich wollte das Richtige tun, wusste aber nicht, welche Folgen meine Entscheidung haben könnte. Die Klarheit meines Mannes hat mich in vielen Situationen gerettet.

Hochbegabung wird zu einem großen Teil vererbt
Um die Frage vom Beginn des Artikels aufzunehmen: Ich schob die Hochbegabung unserer Kinder stets darauf zurück, dass mein Mann hochbegabt sein müsse. Daran zweifle ich bis heute nicht. Dass die Intelligenz vererbt wird, dazu gibt es Studien. Eine Studie besagt, dass die Intelligenz mit doppelter Wahrscheinlichkeit von der Mutter vererbt wird, da sich die Gene für Intelligenz vor allem auf dem X-Chromosom befinden.
Andere Studien sprechen davon, dass jeweils zur Hälfte die Intelligenz wie alles andere auch von beiden Elternteilen vererbt wird. Festzuhalten ist, dass ca. 50-60 % der Eigenschaften genetisch bedingt sind, der Rest wird von der Umwelt beeinflusst. So schreibt es die KARG-Stiftung. Festzuhalten bleibt, dass die Intelligenz als Grundlage für die Hochbegabung von beiden Elternteilen beeinflusst und vererbt wird.

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Spät erkannte Hochbegabung als erwachsene Frau
Während der Literaturrecherche zu meinem Buch stieß ich auf ein Buch von Andrea Brackmann: „Ganz normal hochbegabt – Leben als hochbegabter Erwachsener“. In diesem erzählen hochbegabte Erwachsene ihre Geschichte. Unter anderem auch eine Mutter, die zwei hochbegabte Söhne hatte. Mir stockte der Atem, da ihre Geschichte der meinen fast haargenau ähnelte.
Das war der Zeitpunkt, in dem ich mir das erste Mal Gedanken darüber machte, ob ich selbst auch hochbegabt sein könnte. Ich überlegte eine Zeitlang, ob ich mich einem IQ-Test unterziehen sollte. Schließlich vereinbarte ich nervös einen Termin bei einer Begabungsdiagnostikerin.
Überraschendes Ergebnis der Begabungsdiagnostik
Mir war nicht wohl dabei. Ich dachte: „Ok, so doof bist du nicht, vielleicht erreiche ich einen Wert von über 110.“ Mit diesen Gedanken und mit starker Aufregung stellte ich mich der Testung. Danach war ich überrascht, wie einfach der Test war und dachte schon, sie hätte mir den falschen Test gegeben. Als das Ergebnis ein paar Tage später per Post eintraf, war ich erst einmal sprachlos.
Ungläubig betrachtete ich das Ergebnis, welches mit einem IQ von 138 weitaus höher ausfiel, als ich vermutete. Jetzt war klar: Ich bin hochbegabt. Oder nicht? Ich kontaktierte die Begabungsdiagnostikerin und fragte, ob ein Rechenfehler vorliegen könne. Sie verneinte es. Sicherheitshalber fragte ich noch einmal. Doch sie bestätigte mir, dass alles in Ordnung sei, die Werte würden vom System automatisch berechnet. Sie hätte keinen Einfluss darauf.

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Eine erkannte Hochbegabung hilft beim Impostor-Syndrom
Ich atmete tief durch und legte das Gutachten in unseren Sekretär. Das Ergebnis war für mich immer noch überwältigend. Tatsächlich holte ich es in regelmäßigen Abständen hervor, um mich davon zu überzeugen. Da stand es aber schwarz auf weiß.
Weiter vorne habe ich von meinem Impostor-Syndrom geschrieben. Es ist die Angst, dass jemand entdecken könnte, dass ich doch nicht so klug bin oder etwas gut kann. Das Testergebnis bewies mir aber das Gegenteil. Zumindest besitze ich ein großes Potenzial, welches sich bei mir vor allem in einer sehr hohen Verarbeitungsgeschwindigkeit ausdrückt. Es hilft meinem Selbstbewusstsein, wenn ich mal wieder stark an mir und meinen Fähigkeiten zweifle.
Mein Leben als hochbegabte Erwachsene
Mein Leben hat sich durch die Begabungsdiagnostik nicht wesentlich verändert. In der Schule war ich ein Kind, welches sich gut anpassen konnte. Eine besondere Begabung lag nicht auf der Hand, höchstens im Bereich der Musik. Aber dies konnte ich ausleben, daher war alles für mich in Ordnung.

Dass ich heute weiß, dass ich hochbegabt bin, beruhigt mich oft und macht mich sogar stolz. Es ist für mich schon etwas Besonderes, aber nicht in Form von Überheblichkeit. Es ist schön, es bestätigt bekommen zu haben, dass ich doch etwas draufhabe und ein gewisses Potenzial besitze, worauf ich stolz sein darf.
Viele hochbegabte Mütter haben eine ähnliche Geschichte
In den letzten Jahren habe ich mich mit vielen Müttern unterhalten und von vielen Geschichten gelesen. Eine spät erkannte Hochbegabung als erwachsene Frau folgt einem gewissen Muster: Ihre Kinder sind hochbegabt und haben möglicherweise Probleme in der Schule. Sie schieben die Vererbung der Hochbegabung auf den Vater der Kinder.
Irgendwann trauen sich einige doch, sich einer IQ-Testung zu unterziehen. Natürlich zweifeln sie bis zu diesem Punkt an einer eigenen Hochbegabung. Umso überraschter sind sie, wenn der Test etwas anderes sagt und sie den Beweis für ihre Hochbegabung in ihren Händen halten. Nicht wenige fragen 1–2-mal nach, ob die Berechnung korrekt ist. Viele holen von Zeit zu Zeit die Testergebnisse noch einmal hervor, um sich davon zu überzeugen, dass sie wirklich hochbegabt sind.
Vor allem Frauen zweifeln an ihrer Hochbegabung
Vielleicht liegt es am Rollenverständnis von Mann und Frau, von Mutter und Vater, welches wir anerzogen bekommen haben. Denn schließlich sind wir geprägt von unseren Eltern und diese wiederum von ihren Eltern. Die Zweifel an sich selbst und den eigenen Fähigkeiten treiben viele Frauen um. Sie spüren ihr Potenzial und denken doch in eine ganz andere Richtung. Das ist schade, denn es liegen dabei so viele Potenziale brach.
Wenn du dich also in meiner Geschichte oder in anderen wiedererkennst, dann trau dich und mach einen Test. Es könnte sich lohnen und dein Leben könnte sich verändern.
Adressen für Begabungsdiagnostiken:
- Die Begabungsspezialisten (Netphen)
- Ulrike Alt (Haar)
- Wenn du weitere Adressen hast und gute Erfahrungen gemacht hast, teile es gerne in den Kommentaren. Ich nehme sie dann hier auf.
Liebe Susanne, das ist ein sehr interessanter Beitrag. Ich habe mich an meine Schulzeit erinnert, denn mir ging es ähnlich. Aufsätze waren nie phantasievoll genug. Rechtschreibung war okay. Jetzt hole ich mir den Schreibspaß zurück, der zu dieser Zeit verloren ging.
Herzliche Grüße von Anita ❤️🙋🏼♀️
Guten Morgen, Susanne,
ich finde deinen Blogartikel sehr gut gelungen! Du wirkst sowohl im Text als auch auf den Bildern sympathisch und authentisch. Deine Schreibweise macht Freude beim Lesen und lädt dazu ein, weiterzulesen. Ein wichtiges Thema – denn nur wenn wir uns selbst erkennen, annehmen und unsere individuelle Art zu sein leben, können wir auch ein Vorbild für andere sein und glücklich durchs Leben schreiten
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