In den letzten Jahren hält der Begriff Underachievement immer mehr Einzug in die deutsche Bildungs- und Arbeitswelt. Es gibt einige Menschen, die als Underachiever gelten und auch darunter leiden. Daher fokussiert sich dieser Artikel auf die Frage: Was ist Underachievement und wie wirkt sich das in der Schule aus?
Definition von Underachievement
Underachievement bedeutet wörtlich übersetzt Minderleistung. Der Gegensatz dazu sind die Overachiever, also die Hochleister bzw. Überperformer. Speziell im Zusammenhang mit besonders begabten oder hochbegabten Schülern wird dieser Begriff häufig genutzt. Denn diese können ihr hohes Potenzial, welches sie aufgrund ihrer Intelligenz besitzen, nicht in Leistungen umsetzen. Es entsteht eine Diskrepanz.
Auffällig ist, dass das Underachievement oft nur in der Schule auftritt. In ihrer Freizeit können diese Kinder durchaus Overachiever sein. Felix Paturi übersetzt in seinem Buch „Denken unerwünscht“ das Phänomen Underachievement als Resignation des Genies.
3 und mehr Ursachen für Underachievement
Da das Underachievement besonders begabte oder hochbegabte Schülerinnen und Schüler betrifft, sind die Ursachen in den Eigenschaften von Hochbegabung zu finden. Drei davon führe ich hier detailliert aus, weitere Ursachen findest du im Schaubild weiter unten:
Perfektionismus:
Die Schüler möchten die Lösung oder die Antwort perfekt auf das Papier bringen. Dieser hohe Anspruch an sich selbst verlangsamt sie in ihren Antworten auf gestellte Fragen. Es ist ebenfalls möglich, dass sie resignieren in Erwartung oder im Wissen, dass sie ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllen können.
Praxisbeispiel: Sie haben ein bestimmtes Bild im Kopf zu einem Begriff, den sie malen sollen. Sie bringen es aber nicht aufs Papier, weil sie wissen, dass sie den künstlerischen Anforderungen nicht gewachsen sind. Daher fangen sie erst gar nicht an, das Bild zu malen. Von außen wird dies so wahrgenommen, als ob sie es nicht können.
Schnelle Auffassungsgabe:
Begabte Kinder und Jugendliche haben eine schnelle Auffassungsgabe. Wird der Schulstoff zu oft wiederholt, langweilt sie das. Sie würden viel lieber zu einem spannenden Thema wechseln und neues dazulernen, werden aber von den Lehrkräften ausgebremst.
Praxisbeispiel: Schwierige Situationen können während der Hausaufgaben auftreten. Sollen hier Wiederholungsaufgaben gelöst werden, brechen die Kinder sie oft ab in der Begründung, dass sie es schon können und etwas Schwierigeres lernen möchten. Leider zweifeln viele Lehrkräfte an, dass das Kind dazu in der Lage ist. Sie hätten das Beherrschen der Basisaufgaben noch nicht bewiesen.
Lösungsorientierung:
Höher begabte Schüler lieben es, eigene Lösungen zu entwickeln. Sie beißen sich regelrecht an einem Thema fest, möchten alles darüber bis in die Tiefe erfahren und entwickeln eigene Lösungsansätze und neue Ideen. Diese sind oft ungewöhnlich und anders.
Praxisbeispiel: Wenn Lehrkräfte erkennen würden, welches besondere Potenzial hinter dieser Lösungsorientierung steckt, wäre viel gewonnen. Doch leider hören diese Kinder stattdessen, dass sie nicht so viele Fragen stellen sollen oder dass dafür keine Zeit sei. Sie werden ausgebremst und resignieren. Das Kind wird als aufmüpfig oder störend erlebt, da es so viel hinterfragt.

Underachievement: Unterforderung, Langeweile, Minderleistung, Resignation
Underachievement resultiert aus Unterforderung und Langeweile, die von den Betroffenen empfunden wird. Dauert dieser Zustand an, kommt es zur Minderleistung und schließlich zur Resignation. Widmen wir uns den wichtigsten Fragen zu Underachievement.
Wie werden Schüler in der Schule zu Underachiever?
Das Schulsystem orientiert sich an normalbegabten Schülerinnen und Schülern. Das betrifft zum einen die Geschwindigkeit, in der der Lernstoff erarbeitet wird und zum anderen das Anspruchsniveau. Dazu wird der Lernstoff mehrfach geübt und wiederholt, um allen das Verständnis zu ermöglichen.
An diesen Punkten scheitern besonders begabte und hochbegabte Kinder. Sie lernen schneller, weil sie eine schnelle Auffassungsgabe haben. Dadurch benötigen sie auch weniger Übungen und lehnen daher Wiederholungen ab. Das Anspruchsniveau ist für sie oft zu niedrig und zu oberflächlich. Deswegen unterliegen sie einer ständigen Unterforderung und möchten den Themen lieber auf den Grund gehen. Doch die getakteten Lehrpläne lassen dies selten zu.
Wie viele Hochbegabte sind Underachiever?
Laut der Marburger Studie von Detlev H. Rost betrifft das Underachievement ca. 12 % aller Hochbegabten. Die Hochbegabung beginnt ab einem IQ-Wert von 130. Dipl.-Psych. Thomas Eckerle vom Institut für Leistungsentwicklung geht sogar von 15-20 % Underachievern innerhalb der Gruppe der Hochbegabten aus. Zu beachten ist, dass bereits überdurchschnittlich Begabte ab einem IQ von 115 Auffälligkeiten im Underachievement zeigen können.
Dazu ein Rechenbeispiel: In einer Stadt mit 280.000 Einwohner sind ca. 9 % von ihnen Schüler, also 25.000. Von ihnen sind ca. 15,9 % überdurchschnittlich begabt oder hochbegabt, das entspricht 3.975 Kindern und Jugendlichen. Wenn davon 15 % Underachiever sind, dann sind das 596 Betroffene in einer Stadt. An dieser Zahl wird deutlich, wie wichtig es ist, dass sich diesem Thema angenommen wird.
Sind Lehrkräfte auf Underachievement geschult?
Die Lehramtsausbildung ist aufgrund des Bildungsföderalismus in jedem Bundesland anders geregelt. Die Themen Hochbegabung und Underachievement sind jedoch selten bis nie Teil der Lehramtsausbildung. Daher sind Lehrkräfte zu diesem Phänomen selten geschult. Wird ein Underachievement nicht erkannt, oder werden Symptome falsch gedeutet, besteht die Gefahr von Fehldiagnosen.
Dazu kommt, dass es viele fragwürdige Glaubenssätze zu Hochbegabung in der Bevölkerung, also auch unter Lehrkräften gibt. Viele denken, dass Hochbegabte leicht durch die Schule kommen und nie Probleme haben werden. Schwierigkeiten von hochbegabten Kindern wird von vielen als Luxusproblem gesehen.
Eine Umfrage der Bosch-Studie unter Lehrkräften belegt diese Einschätzung. Die Fördermöglichkeiten von Hochbegabten in ihrer Schule schätzen Lehrkräfte als sehr gering ein im Gegensatz zu den Fördermöglichkeiten für Schüler mit Lernstörungen. Die genauen Zahlen findest du in diesem Artikel.
Hilfestellung für Underachievement der KARG-Stiftung
Underachievement ist ein Phänomen, welches hochbegabte Kinder in die Schulvermeidung oder Schulverweigerung führen kann. Viele Lehrkräfte kennen sich mit dem Thema kaum oder gar nicht aus. Daher ist ein Vermittler oft hilfreich, der Schulen und Betroffene unterstützt, gezielte Lösungen zu finden. Das Ziel ist eine Förderung dieser hochbegabten Kinder, auch wenn das für viele als Widerspruch klingt.
Die KARG-Stiftung nimmt sich diesem Thema und hat Programme für Kita, Schule und Beratung entwickelt. Das Ziel ist, dass hochbegabte oder besonders begabte Kinder und Jugendliche ihr Potenzial wieder voll nutzen können. Auf der Seite der KARG-Stiftung findest du alle weiteren Informationen dazu.

Underachievement ist der Grund für meinen Nachsatz im Buchtitel "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich".
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