Während meiner Recherche zu meinem Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ stieß ich irgendwann auf den Begriff des Nörgelmuttersyndroms. Das, was ich da las, hatte mich tief getroffen, denn ich erkannte, dass ich als Mutter diesem Syndrom unterlag. Es war zwar bereits Jahre her, aber was ich damit bei unserem Sohn auslöste, beschäftigte mich über Tage hinweg. Daher gehen wir heute dem Thema „Was ist das Nörgelmuttersyndrom“ auf die Spur. Dazu gebe ich dir 5 Strategien, die dir helfen, aus dem Kreislauf herauszukommen.
Definition des Nörgerlmuttersyndroms
Das Nörgelmuttersyndrom oder auch Nörgelmamasyndrom betrifft vor allem Mütter. Es ist ein Verhaltensmuster von Eltern hochbegabter Kinder, die aus Sorge um schulische Leistungen ihrer Kinder nörgeln. Sie drängen darauf, dass die Hausaufgaben ordnungsgemäß erledigt werden und überwachen diese. Die Eltern sehen, dass das Kind kognitiv leicht in der Lage wäre, die Aufgaben zu erledigen, aber sie verzweifeln daran, wenn dies nicht geschieht.
Auf der anderen Seite erlebt das Kind einen wachsenden Hausaufgabenfrust. Als hochbegabtes oder sehr gut begabtes Kind lehnt es Übungen und Wiederholungen ab und möchte lieber schneller zum nächsten Thema wechseln. Das führt zu einem innerfamiliären Konflikt. Die Eltern stellen sich, weil sie es nicht besser wissen, auf die Seite der Schule und somit gegen das Kind. Das Kind reagiert unter Umständen damit, dass es sich emotional verschließt.

Was ist mit dem Nörgelvätersyndrom?
Wenn wir von einem Syndrom sprechen, welches explizit die Mütter im Namen benennt, lautet die berechtigte Frage was mit den Vätern ist. Gibt es also auch ein Väternörgelsyndrom? Väter können selbstverständlich in dieselbe Dynamik geraten.
Der Ausdruck „Nörgelmuttersyndrom“ spiegelt vor allem die traditionelle Erwartung wider, dass Mütter häufiger als hauptsächliche Ansprechpartnerinnen der Schule auftreten. Das schließt Väter aber inhaltlich nicht aus.
So habe ich das Nörgelmuttersyndrom erlebt
Die Hausaufgabensituation mit unserem älteren Sohn war stets problematisch. Er träumte, schaute aus dem Fenster und weigerte sich oft, die Aufgaben zu erledigen. Unser Sohn war ein twice exceptional student, also eine Kombination einer besonderen Begabung und ADHS. Dass er hochbegabt ist, wussten wir damals noch nicht. Also begleitete ich ihn jeden Tag mehrere Stunden mit dem Ziel, dass er die Aufgaben vollständig erledigte.
Teilweise reagierte er mit Wutausbrüchen. Er drückte seinen Stift so fest auf das Papier, bis er zerbrach. Andere Male radierte er so lange, bis ein Loch im Heft war. Ich wusste, dass er die Aufgaben leicht schaffen könnte und forderte ihn immer wieder dazu auf. Dahinter steckte auch meine eigene Angst, dass er einen schulischen Nachteil erleiden würde, wenn er die Aufgaben nicht macht.
Wir haben Angst, dass unsere Kinder Nachteile erleiden
Irgendwann verschloss sich unser Sohn emotional, es war ein schleichender Prozess. Jahre später, als ich vom Nörgelmuttersyndrom las, weinte ich viel. Ich war schockiert über mich selbst, dass ich dies so geschehen habe lassen. Mein Verhalten tat mir unendlich leid. Vielmehr hätte unser Sohn jemanden gebraucht, der genau hinschaut. Der gemeinsam mit ihm zu den Lehrkräften geht und nach Alternativen sucht. Aber so weit waren wir damals noch nicht.
Rückblickend können wir die Dinge immer anders beurteilen. Aber wenn du in der Situation drin bist, fehlt dir der ganzheitliche Blick dafür. Es hat mehrere Tage gedauert, bis ich durch den Prozess des Trauerns durch war. Denn ich machte mir große Vorwürfe, was ich mit meinem Verhalten bei meinem Sohn ausgelöst haben könnte. Dazu gehörte auch, dass ich mich bei ihm im Nachhinein entschuldigte und wir darüber sprachen.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
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Das Nörgelmuttersyndrom in der Forschung
Das Syndrom ist kein medizinisches Krankheitsbild. Es stammt aus dem Kontext der Hochbegabtenförderung, da das Potenzial des Kindes sowie seine Verweigerungshaltung einen großen Konflikt darstellen, den die Eltern zu lösen versuchen. Die Auseinandersetzungen führen zu einem Bruch der Solidarität, indem die Mutter oder die Eltern sich auf die Seite der Schule stellen.
Gerade unsere hochbegabten Kinder, die möglicherweise ein ADHS oder eine andere Neurodivergenz gleichzeitig begleitet, erleben das als Verrat. Ihr Schulalltag und Familienalltag ist größtenteils von Vorwürfen und Passungsproblemen geprägt. Wir reagieren jedoch meist aus einem Unwissen heraus. Wir denken, dass das Kind mit Absicht handelt und kämen nicht auf den Gedanken, dass es einfach nicht anders kann. Aufklärung ist deswegen dringend notwendig.
Typische Anzeichen des Nörgelmuttersyndroms
Es ist schwer, wenn man im Familiensystem integriert ist, einen Metablick auf die Abläufe zu erlangen. Daher stelle ich dir hier ein paar Hinweise zusammen, die als Anzeichen für das Nörgelmuttersyndrom dienen:
- Häufiges Kritisieren des kindlichen Verhaltens (Aufräumen, beeilen)
- Gereiztheit bei Kleinigkeiten
- Das Gefühl, die ganze Last allein tragen zu müssen ohne Hilfe von anderen
- Ein dauerndes schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst (sich schuldig fühlen)
- Eine emotionale Erschöpfung, Schlafmangel oder das Fühlen einer inneren Leere (nur noch funktionieren)
- Konflikte mit Partner oder Kindern
- Rückzug von Familienmitgliedern
Auswirkungen des Nörgelmuttersyndroms
Die Auswirkungen des Nörgelmuttersyndroms können vielfältig sein und betreffen alle Beteiligten. Auf das Kind kann das ständige elternliche Meckern und Beschweren demotivierend wirken. Es reagiert mit einem oppositionellen Verhalten, Wut oder Rückzug. Die emotionale und soziale Entwicklung kann ins Stocken geraten, das Risiko des Schulversagens steigt aufgrund der Verweigerungshaltung.
Auf die Eltern-Kind-Beziehung wirkt sich dies so aus, dass Eltern und insbesondere Mütter sich hilflos fühlen. Die Bindung zum Kind ist ambivalent und der Einfluss der Eltern sinkt. Langfristig kann dies zur Vereinsamung in der Familie und in der Schule führen, das Kind kann psychosomatische Beschwerden zeigen.
Mehr kannst du auf der Seite der Hochbegabtenhilfe von Anna Eckerle lesen.

Psychologische Hintergründe
Das Verhalten, welches dem Nörgelmuttersyndrom zugrunde liegt, haben psychologische Hintergründe, auf die ich hier kurz eingehen möchte. Sie bilden die Basis für die Überlegungen, welche Strategien du ergreifen kannst, um dem Syndrom entgegenzuwirken:
- Mental Load: Meist beschäftigen sich die Mütter mit dem Management der Familie. Sie organisieren Termine, begleiten Hausaufgaben kümmern sich um Geburtstag und alles Weitere. Mit der Zeit können die unterschiedlichen Herausforderungen und Anforderungen überfordern.
- Perfektionismus & hoher Selbstanspruch: Neben den Anforderungen haben viele Frauen einen hohen Anspruch an sich selbst. Sie wollen sich kümmern, alles richtig machen und einen guten Eindruck hinterlassen. Das erzeugt einen enormen Druck auf sie selbst.
- Chronischer Stress: Gerade Eltern von hochbegabten oder neurodivergenten Kindern sind einem höheren Stress ausgesetzt. Neben den besonderen Anforderungen im Familienalltag gilt es die Herausforderungen in Schule und Freizeit, beispielsweise bei Vereinen, zu regeln. Das kann überfordern und zu einem erhöhten Stresspegel führen. Besonders dann, wenn die Eltern selbst neurodivergent sind, wie es oft der Fall ist.
- Fehlende Unterstützung oder Anerkennung: Eltern von neurodivergenten Kindern beobachten eine Entwicklung ihrer Kinder, die nicht der Norm entspricht. Sie befinden sich in einem Rechtfertigungsmodus und werden unter Umständen als Helikoptereltern abgestempelt. Diese fehlende Anerkennung und Unterstützung hinterlassen Spuren.
5 Strategien, um dem Kreislauf des Nörgelmuttersyndrom zu entkommen
1. Selbstfürsorge
Es ist wichtig, dass sich Eltern und insbesondere Mütter Auszeiten nehmen können. Plane regelmäßige Pausen, ausreichenden Schlaf und Zeit für soziale Kontakte oder zum Rückzug fest in deinen Tages- oder Wochenablauf ein.
2. Bewusstsein
Begib dich in eine Art Metaebene und beobachte dein Verhalten. Warum gelangst du in den Nörgelmodus? Ist es Müdigkeit oder Überforderung? Oder das Bedürfnis nach Kontrolle? Nur, wenn du weißt, woran es liegt, kannst du etwas dagegen unternehmen. Es ist der erste Schritt.
3. Verantwortung teilen
Du musst nicht alles allein machen, du darfst dir Hilfe hole. Hör auf dein Gefühl und gib Aufgaben an deinen Partner oder an die Kinder ab. Deinen Perfektionismus darfst du dabei in dieser Zeit außer Acht lassen und sollte keinen Anlass für neue Beschwerden geben.
4. Innere Haltung
Welche Gedanken beschäftigen dich den ganzen Tag über? Denkst du oft „Ich muss noch dies oder das erledigen“? Wenn du dich dabei ertappst, sag innerlich „Stopp“ und fokussiere dich darauf, was du bereits alles geschafft hast. Gönn dir diese kurze Pause und feire deine kleinen Erfolge.
5. Professionelle Unterstützung
Wenn dir alles zu viel wird, zieh die Reißleine und hol dir Hilfe. Dies können ganz praktische Unterstützungen im Haushalt sein, wie eine Putzfee oder freie Zeit durch einen Babysitter. Vielleicht hilft auch eine Elternberatung, um einen anderen Blick zu erhalten bis hin zu einem Coaching oder einer Psychotherapie. Sei unbesorgt, wenn du dir Hilfe holst, denn sie entspannt die Situation und du wirst davon profitieren.
Fazit zum Nörgelmuttersyndrom
Denk immer daran, dass das Nörgelmuttersyndrom kein persönliches Versagen ist, auch wenn du dich erst einmal schuldig fühlst, wie ich es getan habe. Aber wir wissen es oft nicht besser und vor allem sind wir in der Familiensozialisation gefangen. Oftmals reagieren und funktionieren wir nur noch, ohne darüber nachzudenken. Dieser Artikel soll dich ermutigen, den Blick zu öffnen und an den kleinen Stellschrauben zu drehen.
Das System Familie läuft gerade mit neurodivergenten Kindern, zu denen hochbegabte Kinder zählen, oft am Limit und an der Belastungsgrenze. Gerade wir Mütter tragen viel zu viel allein. Trau dich also, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und mehr für dich selbst zu sorgen. Denn geht es der Mutter gut, profitiert die ganze Familie davon.
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