Hochbegabte Kinder stehen in der Schule vor großen Herausforderungen. Das liegt an den Merkmalen, die eine Hochbegabung mitbringen. Diese kollidieren früher oder später mit dem Bildungssystem. Viele Lehrkräfte denken daher über geeignete Fördermaßnahmen für Hochbegabte nach. Diese werden unter dem Begriff „Enrichment“ zusammengefasst. Daher widmet sich dieser Artikel der Frage: „Was ist Enrichment“ und vor allem der Antwort, wie es hochbegabten Kindern in der Schule helfen kann.
Definition von Enrichment
Enrichment kommt aus dem englischen und bedeutet übersetzt „Anreicherung“. Im Rahmen des Schulsystems geht es dabei um eine Anreicherung des Lernstoffs, welche speziell im Kontext von Hochbegabung bei Unterforderung Einsatz findet. Es geht dabei um erweiterte Aktivitäten, die über den Standardunterricht hinausgehen. Im besten Fall werden dabei individuelle Interessen berücksichtigt. Der amerikanische Bildungswissenschaftler und Begabungsforscher Joseph S. Renzulli gilt dabei als Pionier der Enrichment-Förderung.
Unterschied Enrichment zu Akzeleration
Während Enrichment eine Anreicherung des Unterrichts bedeutet, widmet sich die Akzeleration der Beschleunigung. Das Ziel ist jedoch bei beiden gleich: Mit beiden Maßnahmen versuchen wir, eine Unterforderung des begabten Kindes oder des Jugendlichen zu vermeiden. Auch wenn die Ansatzpunkte unterschiedlich sind, wird die Akzeleration oft dem Enrichment zugeordnet.
Bei einer Akzeleration wird der Lernstoff beschleunigt erlernt. Der grundsätzliche Lehrplan wird also eingehalten, das Kind durchläuft diesen jedoch in einem beschleunigten Tempo. Das geschieht beispielsweise mittels vorzeitiger Einschulung, einer schulinternen Drehtür bis hin zum Überspringen einer Klassenstufe. Enrichment hingegen erweitert den Inhalt durch neue Lernthemen oder mehr Tiefe, während das Tempo des Lehrplans beibehalten wird.
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Warum Enrichment für hochbegabte Kinder wichtig ist
Eltern kennen es sehr gut, wenn hochbegabte Kinder unerlässlich nach neuem Input fragen. Sie haben eine unstillbare Neugier und möchten den Dingen auf den Grund gehen. Nach der Einschulung erleben daher viele hochbegabte Kinder eine Ernüchterung. Sie werden ausgebremst, dürfen für ihre Verhältnisse nur oberflächlich lernen und ecken mit ihrem fordernden Verhalten an.
Enrichment-Maßnahmen sind an dieser Stelle eine hilfreiche Möglichkeit, den Unterricht im Sinne der Hochbegabtenförderung und Inklusion für Hochbegabte anzureichern. Damit leisten Lehrkräfte einen wichtigen Beitrag dafür, dass diese Kinder nicht ins Underachievement rutschen und immer mehr resignieren. Dabei ist es wichtig, auf sinnvolle Enrichment-Maßnahmen zu setzen.
Wie funktioniert Enrichment in der Schule, und wie nicht?
Es gibt Lehrkräfte, die verstehen ein Enrichment in der Form, dass sie dem Kind, welches mit den Inhalten schneller fertig ist, Mandalas zum Ausmalen oder zusätzliche Aufgaben geben. Im Fall der Mandalas wird sich das hochbegabte Kind „veräppelt“ fühlen, zusätzliche Aufgaben wird es möglicherweise vermeiden, da es nicht versteht, warum es mehr als andere machen soll. Denn Hochbegabte verfügen über einen ausgeprägten Pragmatismus.
Vielmehr geht es hier um ein anderes oder höheres Anspruchsniveau. Wichtig ist, sich hierbei an den Interessen und Fähigkeiten des hochbegabten Schülers zu orientieren. Was reizt ihn? Wofür interessiert er sich? Worin hat er seine speziellen Stärken? Wozu hat er Lust? Das alles sind Fragen, die vor der Auswahl von Enrichment-Maßnahmen wichtig sind zu klären.
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Begabungsforscher Joseph Renzulli und das Triadische Enrichment-Modell
Für Joseph S. Renzulli ist es wichtig, dass die intrinsische Motivation geweckt wird und daraus die Lernfreude genutzt wird. Er definiert dazu in seinem Triadischen Enrichment-Modell drei unterschiedliche Typen des Enrichments, die generell im Unterricht Anwendung finden und somit für alle Schülerinnen und Schüler anregend sind:
- Typ 1 Enrichment: Das Entdecken von Interessengebieten. Dies geschieht mit vielfältigen Themenvorträgen, Exkursionen oder Workshops.
- Typ 2 Enrichment: Dies umfasst z. B. metakognitive Leistungen, Problemlösungen in Gruppen, bestimmte Arbeitsmethoden und trainiert die höheren Denkfähigkeiten.
- Typ 3 Enrichment: Hier übernehmen die Schüler eigene Projekte als Forschende. Das fördert die Selbstregulation und das Zeitmanagement und ergibt authentische Outputs in Form von Berichten.
Das Triadische Enrichment Modell ist eng verwandt mit dem Drei-Ringe-Modell, welches ich in diesem Artikel erkläre. Wenn du mehr über das Triadische Enrichment-Modell erfahren möchtest, empfehle ich dir die Lektüre des Artikels der KARG-Stiftung.
Konkrete Enrichment-Maßnahmen in der Schule
Wenn wir uns diese Modelle nach Renzulli anschauen, wird deutlich, dass es bei diesen um Vielfalt in der Methodik der Unterrichtsgestaltung geht. Die Abwechslung und das Erleben der Selbstwirksamkeit bietet gerade für Hochbegabte Kinder gute Gelegenheiten, ihre Potenziale herauszufinden, ihre Stärken einzubringen und ihr Lernen bewusst zu lenken. Gerade die metakognitiven Methoden sind gute Lernstrategien für Hochbegabte, weil sie ein hohes Maß an Selbstbestimmung ermöglichen.
Zu den konkreten Enrichment-Maßnahmen zählen besondere Arbeitsblätter oder vertiefende Aufgaben, in denen ihre Lösungsbegabung angesprochen wird. Ebenso das fächerübergreifende Lernen sowie digitale Tools und eigene Lernpläne oder der Einsatz von Wochenplänen. Auch das Erstellen von Spezialreferaten bis hin zum Leiten einer eigenen Themen-AG fallen unter Enrichment. Die Digitale Drehtür bietet mit Projekten eine gute Möglichkeit von Enrichment, bei denen unterschiedliche Interessen geweckt oder bedient werden können.
Außerschulische Enrichment-Maßnahmen
Gerade für hochbegabte Kinder ist es wertvoll, wenn sie unter Gleichgesinnten sein können. Eine Mitgliedschaft in einem Hochbegabtenverein mit Aktivitäten für Kinder und Jugendliche kann die kognitiven Ansprüche dieser Kinder in einem für sie positiven Umfeld ansprechen. In speziellen Vereinen können sie ihr Interesse ausleben. Auch hier sind die Kinder unter Gleichgesinnten, weil sie ein Themengebiet teilen und sich fachlich austauschen können.
Außerschulisch gibt es noch Schülerakademien, Exkursionen, Kinderunis oder die Teilnahme an Vorlesungen für ältere Jugendliche, Sprachkurse, Schachclubs, der Besuch von Museen oder naturwissenschaftlichen Aktivitäten etc. Hier können die Kinder ihrem Interesse nachgehen und ihren Wissensdurst stillen, was ein gutes Gegengewicht zum Schulalltag sein kann.
Grenzen und Herausforderungen mit Enrichment
Enrichment-Maßnahmen kosten Zeit. Gerade Lehrkräfte stehen vor der großen Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen. Große Klassen, Sprachbarrieren und Lehrplananforderungen sind nur einige Themen, die sie in Zeiten der Superdiversität von Schülerinnen und Schülern beschäftigen. Dazu kommt ein fehlendes Wissen zu Hochbegabung, sodass Hochbegabung oft als Luxusproblem angesehen wird.
Enrichment ist kein Wundermittel, um Hochbegabte aufzufangen. Es gibt auch Hochbegabte, die diese Maßnahmen verweigern. Hier ist es wichtig, die Ursachen dafür herauszufinden. Möglicherweise sind die Resignation und das Underachievement schon so weit vorangeschritten, dass das Kind generell in eine Verweigerungshaltung geht. Daher ist Enrichment nur dann sinnvoll, wenn das Kind oder der Jugendliche eingebunden wird.
Fazit zu Enrichment in Schulen
Ein sinnvolles Enrichment ist schulisch aber auch außerschulisch möglich. Gefragt sind die Eltern sowie die Lehrkräfte, oft bestehen große Anforderungen an kreativen Lösungen. Enrichment ist ein Schlüssel zur Förderung, wobei dieser nicht in jede Tür passt. Wichtig ist, dass die intrinsische Motivation geweckt wird und die Sinnhaftigkeit der Maßnahme als positiv wahrgenommen wird.
Werden die Enrichment-Maßnahmen auf das Kind oder den Jugendlichen individuell abgestimmt, kann dies eine große Chance für das Kind und sein Wohlergehen in der Schule sein. Dabei gilt es auch, Schule neu zu denken, den Austausch zu fördern und die Potenziale von Hochbegabung zu erkennen. Letzteres ist der erste Schritt für eine gezielte Förderung durch Enrichment.
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Wie wäre es, wenn LehrerInnen flexibler sich an den Wünschen und Vorschlägen der jungen Menschen orientieren würden? Ein offenerer Unterricht, der das Arbeiten an selbst gewählten Projekten , auch über längere Zeit, zulässt? Gerade HBS haben eine Fülle von Ideen. Das würde die Lehrer entlasten und weg von top-down mehr Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit ermöglichen. Natürlich müssen die Ergebnisse auch anerkannt erden und bestenfalls wieder in den Unterricht eingebracht werden können.
Aber starre Lehrpläne und Überfrachtung mit Klassenarbeiten und Test verhindern das.