Viele denken, dass hochbegabte Kinder gut durch die Schule kommen. Das ist ein Glaubenssatz, der sich hartnäckig hält. Denn Hochbegabte haben durchaus ihre Herausforderungen in der Schule. Offensichtlich wird es, wenn hochbegabte Kinder oder Jugendliche in ein Underachievement, also in eine schulische Minderleistung rutschen und eine Schulverweigerung droht. Die Frage nach den Lösungen stellt sich. Dabei sind es 2 Ebenen, die hier beachtet werden müssen, auf die ich in diesem Artikel eingehe.
Zwei Vorschläge vom Jugendamt, zwei Sackgassen
Unser älterer Sohn war bereits einige Monate schulabstinent. Einer unserer Wege führte uns zum Jugendamt. Wir erhofften uns Lösungen, damit er noch seinen Schulabschluss machen kann, nachdem wir bereits eine Odyssee mit Diagnostiken und Institutionen hinter uns hatten. Unsere Geschichte kannst du hier lesen. Das Jugendamt unterbreitete uns zwei Vorschläge für Schulen mit angeschlossenem Internat, in die er gehen könne.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
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Der Blick für die wahren Ursachen von Underachievement fehlt
Die erste Schule war ein Internat für Hochbegabte. Das klang erst einmal gut, aber ich suchte auf der Website vergebens nach ADHS oder Underachievement, geschweige denn nach einer psychologischen Begleitung. Es war klar, dass dies ein Internat für hochleistende Kinder war. Dort sahen wir unseren Sohn überhaupt nicht, denn er gehörte nicht zu den schulischen Hochleistern.
Der zweite Vorschlag war eine Schule für verhaltensauffällige Kinder und ebenfalls ein Internat. Hier waren alle Schülerinnen und Schüler versammelt, die aus dem Schulsystem aufgrund ihres aggressiven oder auffälligen Verhaltens herausgefallen waren mit dem Ziel, diese wieder zu integrieren. Auch hier sahen wir ihn nicht, denn wir fanden keinen Ansatz, dass er hier kognitiv gefördert würde. Im Gegenteil.
Underachiever befinden sich in einem Dilemma
An dieser Stelle wurde unser Dilemma deutlich. Entweder wurde der Schwerpunkt auf die Hochbegabung gelegt, wobei alle davon ausgehen, dass das Kind wie auf Knopfdruck hohe Leistungen erbringt. Oder aber es wird auf die Defizite geschaut, und das Kind sollte am besten eine „Schule für Kranke“ besuchen, wie uns ebenfalls einmal vorgeschlagen wurde.
Beide Möglichkeiten würden erfolglos bleiben, da hier nur jeweils eine Ebene der Herausforderungen von Underachievement betrachtet wird. Tatsächlich erlebe ich immer wieder, dass einem Kind mit Defiziten oder Verhaltensauffälligkeiten, wie es ein ADHS mit sich bringen kann, keine hohe Begabung zugesprochen wird. Andersherum ist es ähnlich: Ein hochbegabtes Kind „kann keine schlechten Noten schreiben“.
Ein Telefonat zeigte uns, wie wichtig Verständnis ist
Ich hatte selbst recherchiert und eine Schule gefunden: die Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, Abteilung 2e, in Offenbach. Bevor die Entscheidung fiel, führten wir gemeinsam ein Telefonat mit dem Gründer. Der Gründer sagte meinem Sohn, ohne dass er selbst etwas erzählte, wie er sich fühle und vor welchen Herausforderungen er stehe.
Das erstaunte ihn sehr. Als er ihm noch sagte, dass er in der Schule und Wohngruppe Orte finden würde, in denen er Gleichgesinnte trifft, strahlte unser Sohn und wollte völlig beseelt direkt seine Koffer packen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 16 Jahre. Hier erkannte ich, wie wichtig das Gefühl ist, gesehen zu werden, denn ich hatte ihn selten so glücklich erlebt. Unser Sohn brauchte zuerst dieses Gefühl, bevor irgendeine fachliche Förderung überhaupt bei ihm greifen konnte. Dessen war ich mir bis zu diesem Telefonat nicht bewusst.
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Die zwei Ebenen von Underachievement
Die beiden vom Jugendamt vorgeschlagenen Schulen waren also keine Lösungen für unsere spezielle Situation, das lag auf der Hand. Was ich damals intuitiv wahrnahm, bestätigte sich später durch Recherchen. Denn bei der Bewältigung von Underachievement sind zwei Ebenen wichtig, die sich bedingen. Zudem geschieht ein Underachievement nicht plötzlich, es ist ein Prozess. Es ist eine Entwicklung, die oft über Jahre geht.
Die psychologische und die kognitive Ebene bei Underachievement
Aus meiner Erfahrung wirken bei Underachievement immer zwei Ebenen zusammen. Die erste Ebene ist die psychologische. Oft fühlen sich diese Kinder von den Lehrkräften und ihrem schulischen Umfeld nicht gesehen. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, nagt an ihrem Selbstwert. Sie fühlen sich anders, ecken möglicherweise an und scheitern oft an ihrem Perfektionismus.
Die zweite Ebene ist die kognitive Leistungsebene, also was das Kind leistet. Es bringt ein hohes Potenzial mit und verlangt nach Tempo, Tiefe und Herausforderungen, die zu seinen Fähigkeiten passen. Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, beginnt das Kind zu resignieren und zu hinterfragen. Sein Verhalten ändert sich. So saß unser Sohn in der Mittelstufe in einigen Fächern oft nur noch apathisch und nicht ansprechbar im Unterricht.
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Beide Ebenen wirken zusammen und greifen ineinander
Wichtig zu verstehen ist, dass beide Ebenen ineinandergreifen und sich bedingen. Ein hochbegabtes Kind, das sich nicht gesehen fühlt, wird sich kaum auf neue fachliche Herausforderungen einlassen. Gerade weil es sich fehl am Platz fühlt, ist der persönliche Zuspruch und eine gute Beziehung zur Lehrkraft die Voraussetzung für das individuelle Wohlbefinden im Schulalltag. Das haben wir bei unserem jüngeren Sohn erlebt, der Höchstleistungen in Englisch erbrachte. Hier schaffte die Lehrerin ein äußerst wertschätzendes und zugewandtes Verhältnis zu ihren Schülern.
Auf der anderen Seite verliert ein Kind, das fachlich dauerhaft unterfordert bleibt, irgendwann die Lust am schulischen Lernen. In seiner Freizeit kann es durchaus eine hohe Motivation in den Interessen zeigen, weil es ihnen ungehindert nachgehen kann. Daher ist es wichtig, auch das im Blick zu haben und Anknüpfungspunkte für die Schule zu finden, z. B. in Gesprächen mit den Eltern. Hier ruhen Schätze und Erfahrungen, die für die Lehrkräfte wertvoll sein können.
Unser Sohn fühlte sich das erste Mal normal
Glücklicherweise durfte unser Sohn die von uns ausgewählte Schule besuchen, die bundesweit die einzige Schule für twice exceptional students ist. Welche Voraussetzungen noch notwendig waren, darüber liest du hier. Er wurde direkt in die 10. Klasse eingeschult. In dieser Schule fühlte er sich zum ersten Mal normal. Er war unter Gleichgesinnten und war mit Jugendlichen zusammen, die einen ähnlichen Hintergrund und Erfahrungen hatten wie er. Zudem wurde er in der Wohngruppe aufgefangen und durfte seine handwerklichen Neigungen dort ausleben.
Gleichzeitig war der Unterricht so aufgebaut, dass er schneller voranging und sich an den Bedürfnissen hochbegabter Kinder und Jugendlicher orientierte. Unser Sohn hat die Lerninhalte zwar weiterhin hinterfragt, denn auch hier wurde nach dem hessischen Lehrplan gearbeitet. Aber er hat mitgemacht. Und das allein war schon ein Zeichen, dass er sich dort gut aufgehoben fühlte.
Mittlerer Schulabschluss nach 2 Jahren Schulverweigerung
Wir sehen also, dass wir hier die zwei Ebenen miteinander verknüpft haben, die für Hochbegabte so wichtig sind. Auf der einen Seite befand sich unser Sohn unter Menschen, die seine Art zu Denken und zu Handeln teilten. Er war das erste Mal in seinem Leben unter Gleichgesinnten. Allein das half ihm, in der Schule dranzubleiben und durchzuhalten.
Das hatte Auswirkungen auf die kognitive Leistungsebene, denn die sozial-emotionale Grundlage war geschaffen. Es war für ihn jetzt leichter, sich auf die Lerninhalte einzulassen und seine Leistungen zu zeigen. Nach diesem einen Jahr, in dem er auch Freunde gefunden hatte, legte er seine Realschulprüfung bzw. den Mittleren Schulabschluss mit der Note 2,2 ab. In Mathe war er sogar Klassenbester mit der Note 1.

Wie es nach der Förderschule weiterging
Wir hatten großes Glück, dass wir diese Lösung für uns gefunden haben. Unser Sohn hat dank dieser Schule seine PS wieder auf die Straße bekommen. Er hat danach eine einjährige berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme absolviert und anschließend eine Ausbildung als Elektroniker erfolgreich mit der Gesellenprüfung abgeschlossen. Ohne den Besuch der Förderschule wäre das nicht möglich gewesen.
Aber nicht jeder hat das Glück, so eine passende Schule zu finden. Es gibt sicher viele Wege, die zum Ziel führen. Sie sind so individuell wie die Kinder selbst. Fest steht aber, dass hochbegabte Kinder und Jugendliche, die im Underachievement stecken, besondere und oft auch kreative Lösungen benötigen, damit sie wieder Selbstvertrauen erlangen und ihren schulischen Weg wieder aufnehmen können.
Eine frühe Diagnostik und Begabungsförderung beugen Resignation vor
Unsere Söhne wurden erst sehr spät mit 16 bzw. 14 Jahren hochbegabt getestet. Wenn ein Kind aber erst einmal in der Pubertät ist, wird es schwierig, es zu Aktivitäten zu bewegen. Daher plädiere ich immer dafür, wenn du bei deinem Kind eine höhere Begabung vermutest, einen IQ-Test in einer Begabungsdiagnostik machen zu lassen. Sollte sich eine Hochbegabung bestätigen, kannst du bereits im Kindesalter durch verschiedene Maßnahmen einem Underachievement vorbeugen.
Möglich wäre, dass du gemeinsam mit dem Kind Veranstaltungen von Hochbegabtenvereinen besuchst. Das Kind wächst früh unter Gleichgesinnten auf, was wichtig für den Selbstwert der Kinder ist. Auch ist die Diagnose an sich hilfreich für das Kind, damit es weiß, warum es sich im schulischen Umfeld anders fühlt. Auch schulisch kann durch eine kluge Begabungsförderung seitens der Lehrkräfte viel getan werden. Das beginnt bei der Beziehungsarbeit und geht weiter bis hin zur kognitiven Förderung. Lies dazu gerne meine 9 Tipps für Lehrkräfte.
So begegnen wir Underachievement gemeinsam
Underachievement zu erkennen und zu begegnen ist nicht einfach. Wir sind als betroffene Familie in das Thema über viele Jahre hineingewachsen. Und so unterschiedlich unsere beiden Kinder sind, so verschieden sind auch die Maßnahmen, die wir getroffen haben.
Als Eltern kennst du dein Kind am besten. Du merkst als Erste oder als Erster, wenn etwas nicht stimmt, und du bist es auch, die oder der im Gespräch mit Lehrkräften etwas Wichtiges beizutragen hat. Viele Lehrkräfte kennen sich mit Underachievement überhaupt nicht aus, einfach weil es in ihrer Ausbildung kaum vorkommt. Es ist also kein böser Wille ihrerseits.
Wenn du schon weißt, auf welchen Ebenen angesetzt werden muss, kannst du dieses Gespräch ganz anders führen. In meinem Blog habe ich zahlreiche Informationen, die du auch an Lehrkräfte weitergeben kannst. Hier empfehle ich dir den Eltern- & Lehrer-Guide zu Underachievement.
Ich wünsche unseren Kindern, dass Eltern und Lehrkräfte immer beide Ebenen im Blick behalten, die psychologische und die kognitive. Nur wenn beide aufeinander abgestimmt sind, kann das Kind in der Schule gut bestehen. Eine frühe Begabungsförderung stärkt beide von Anfang an. Damit unsere Kinder einen guten Start in ihre Zukunft haben.

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