Wer sich mit Hochbegabung und ADHS beschäftigt, stößt zwangsläufig irgendwann auf den Begriff der twice exceptional students. Während in den USA die Forschungen dazu bereits vorangeschritten sind, ist der Begriff in Deutschland relativ neu. In diesem Artikel gehe ich vor allem auf die Besonderheiten von twice exceptional students am Beispiel von Hochbegabung und ADHS ein und verweise in Praxisbeispielen auf unsere eigenen Erfahrungen.
Definition twice exceptional students
Twice exceptional students sind übersetzt zweifach außergewöhnliche Schüler. Abgekürzt wird der Begriff oft mit „2e“. Bei den Betroffenen treffen zwei neuroentwicklungsbezogene Beeinträchtigungen zusammen und können sich gegenseitig maskieren (Masking). Die beiden Neurodivergenzen Hochbegabung plus ADHS sind eine häufige Kombination, wobei es auch andere Kombinationen, wie ADHS plus Autismus Spektrum Störung und weitere gibt.
Besondere Herausforderungen mit twice exceptional students
Das eben erwähnte Masking ist eine der größten Herausforderungen von twice exceptional students. Die Merkmale der jeweiligen Neurodivergenz können sich abschwächen oder verstärken. Im Falle der Kombination Hochbegabung plus ADHS bedeutet dies, dass die Hochbegabung unerkannt oder ein ADHS unentdeckt bleiben kann. Das heißt für die Familien unter Umständen einen langen Leidensweg und eine Diagnostikodyssee in Kauf zu nehmen.
Forschungen zu twice exceptional students (2e)
Die Forschungen in den USA zum Thema twice exceptional students sind wesentlich weiter vorangeschritten als Forschungen in den deutschsprachigen Ländern.
US-Studien und Meta-Analysen
Seit den 1990er Jahren gibt es in den USA umfangreiche und systematische 2e-Forschungen. Getrieben werden diese durch Organisationen, wie NAGC (National Association for Gifted Children) oder das Davidson Institute. Dadurch gibt es Hunderte Publikation, Reviews und neurobiologische Ansätze. 2e wird als „Kinder mit Behinderung und Begabung“ definiert. Schulen sind dazu aufgerufen, beides zu fördern.
Dank großer Kohorten, Meta-Analysen, Längsschnittstudien und IQ-Profilen liegt der Fokus der Untersuchungen auf dem Masking und den Effekten in der Schule. Aktuelle Modelle sprechen davon, dass ca. 6 % der hochbegabten Schüler in den USA twice exceptional sind. Es gibt in den USA spezielle Fachstellen für 2e-Screenings.
Forschungen in Deutschland
In Deutschland sind die Forschungen zu 2e jünger und stehen noch am Anfang. Das bedeutet, dass es keine nationalen Studien gibt, der Begriff „twice exceptional“ ist kein klinisch festgelegter Begriff. Es gibt jedoch Klinikbeobachtungen und Umfragen, die ergeben, dass über 3 % der ADHS-Kinder gleichzeitig hochbegabt sind. (Quelle)

Twice exceptional students: wenn Hochbegabung auf ADHS trifft
Hochbegabung ist zunächst ein Potenzial mit einem IQ ab 130. Dieser wird mit einem IQ-Test beispielsweise in einer Begabungsdiagnostik oder in einer klinischen Diagnostik, z. B. während einer ADHS-Diagnostik, gemessen. ADHS ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Es zählt zu den psychischen Verhaltensstörungen, die im ICD-10-Katalog definiert sind. ADHS ist ein Spektrum, so kann die Hyperaktivität kaum ausgeprägt sein (früher wurde dies ADS genannt).
Praxisbeispiel: Ein Kind wird aufgrund seiner niedrigen Verarbeitungsgeschwindigkeit, die im IQ-Test geprüft wurde, ADHS-diagnostiziert. In Wahrheit steckt ein Perfektionismus oder Unsicherheit dahinter, der viele Hochbegabte begleitet. Das Kind zögert mit den Antworten, da es diese perfekt formulieren möchte, bevor es die Antwort mitteilt.
Warum ist eine eindeutige Diagnose so schwer?
In Deutschland gibt es im Gegensatz zu den USA keine Fachstellen, die ein 2e-Screening anbieten. Wenn ein Kind in der Schule oder zuhause auffällig wird, sprechen der Kinderarzt oder die Lehrkraft die Empfehlung für eine ADHS-Diagnostik aus. Diese findet in einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) oder in bei einem Kinder- und Jugendpsychologen statt.
Praxisbeispiel: Ein Kind stört in der Grundschule ständig den Unterricht und weigert sich, Hausaufgaben zu machen. In einer Diagnostik wird ADHS mit einer überdurchschnittlichen Begabung festgestellt. In der Folge liegt der schulische Fokus auf der Bewältigung der Defizite, die besondere Begabung spielt in der Förderung keine Rolle. Das Schulkind resigniert immer mehr, rutscht in ein Underachievement und verweigert schließlich die Schule. Mit 16 Jahren wird die Hochbegabung entdeckt.
Warum bleibt eine Hochbegabung bei ADHS oft unerkannt?
Die besonderen Anzeichen von Hochbegabung und die Symptome von ADHS gleichen sich in den Ausprägungen bei unterschiedlichen Ursachen. So kann eine Hochbegabung Verhaltensauffälligkeiten in der Schule auslösen. Liegt die Ursache im ADHS, steckt oft eine Reizüberflutung und eine geringe Selbstregulation dahinter. Bei einer Hochbegabung ist die Ursache in Langeweile und Unterforderung zu suchen. In beiden Fällen endet dies in einer Unmöglichkeit, Leistung zu zeigen.
Praxisbeispiel: Das Kind zeigt ein nonkonformes Verhalten und hinterfragt ständig den Unterricht. Es kann seine Emotionen schlecht regulieren, fällt aber durch eine hohe Kreativität, Hyperfokus und eine hohe körperliche Unruhe auf. Das Kind erhält eine ADHS-Diagnose. Die Hochbegabung wird erst mit 16 Jahren erkannt. Eine weitere Diagnose mit 17 Jahren zeigt keine Auffälligkeiten von ADHS oder anderen Neurodivergenzen, die Herausforderungen werden mit dem heterogenen Begabungsprofil begründet.
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Ausprägungen von twice exceptionals und multi exceptional students
Hochbegabung plus ADHS kann als die häufigste 2e-Kombination angesehen werden. Weitere Kombinationen sind:
- Hochbegabung plus Dyslexie oder LRS
- Hochbegabung plus Autismus Spektrum Störung (ASS)
- Hochbegabung plus Dyskalkulie
Eine gründliche, fachlich versierte Diagnostik für Hochbegabung und die vermutete Neurodivergenz ist daher wichtig, um Doppeldiagnosen aufzudecken und Fördermaßnahmen in beide Richtungen anzugehen.
Neben den twice exceptional students gibt es auch den Begriff der multi-exceptional students, also der mehrfach außergewöhnlichen Schüler oder vielfach besonderen Kinder. Die Kombinationen aus mehr als zwei verschiedenen Neurodivergenzen kommen sehr selten vor. Beispiele sind Hochbegabung plus ADHS plus Autismus Spektrum Störung. Hier haben wir eine wesentlich erhöhte Herausforderung für die Genauigkeit in der Diagnostik.
Das Problem ist allgemein, dass nicht alle Diagnostikstellen sich hinreichend mit Hochbegabung auskennen und daher die Besonderheiten fehlinterpretieren können. Die Eltern sehen sich dann damit konfrontiert, verschiedene Beratungsstellen aufzusuchen.
Twice exceptional students in der Schule
Schülerinnen und Schüler mit einer Hochbegabung oder mit ADHS sind eine große Herausforderung für Lehrkräfte. Ist das Kind jedoch twice exceptional, dürften die Kenntnisse von Lehrkräften im Umgang mit diesen Kindern sehr gering sein. Das liegt vor allem auch daran, dass Neurodivergenzen allgemein selten Thema in der Lehramtsausbildung sind und viele Vorurteile dazu einer optimalen Förderung im Weg stehen.
Wenn eindeutige Diagnosen vorliegen, sollten diesen Kindern mit einem stärkenbasierten Ansatz begegnet werden: die Förderung der besonderen Begabungen sowie einer gezielten Abfederung der Beeinträchtigungen. Dabei ist es wichtig, die Stärken nie für die Schwächen zu opfern. Entscheidend sind der ganzheitliche Blick auf das Kind, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Elternhaus sowie eine wertschätzende Zugewandtheit dem Kind gegenüber, die es so dringend braucht.
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