2 Tage Bildungsforum in Wetzlar wirken nach. Denn Astrid Kalantzis, die Schulleiterin der Albert-Schweitzer-Schule hatte zu vision@schule 2.0 im September 2026 nach Wetzlar eingeladen. Gefolgt waren ihr 300 Lehrkräfte, Aussteller, Referentinnen und Referenten und Keynote-Speaker. Die Aufbruchstimmung war wieder überall zu spüren, wie bereits bei der Premiere von vision@schule vor anderthalb Jahren. Ich selbst genieße nach 2 Tagen immer noch die positive Energie, die das ganze Schulteam mit seiner großartigen Organisation geschaffen hat.
Vier Keynotes sorgen für vielfältige Impulse
Meine Vorfreude auf die vier Keynote-Speaker war schon lange groß. Denn sie versprachen vielfältige Sichtweisen auf das System Schule. So beleuchtete jeder und jede von ihnen ein spezielles Thema. Und eins verband sie: Die wissenschaftliche Betrachtung des präfrontalen Kortex.
Ich habe ehrlich gesagt noch nie so oft diesen Begriff gehört, wie in diesen beiden Tagen. Aber das war auch gut so. Denn hier wurde in unterschiedlichen Schwerpunkten wissenschaftlich untermauert, warum wir manchmal impulsiv, emotional und unüberlegt handeln. Wenn die Steuerzentrale für das höhere Denken, Planen und Handeln ausfällt, dann bleibt oft Chaos übrig. Das ist wichtig zu wissen im System Schule.
Corina Elfe: Wenn Kinder durchs Raster fallen

Davon erzählte Corina Elfe, Lehrerin und Expertin für Neurodivergenzen. Ich finde es großartig, dass sie für diese erste Keynote ausgewählt wurde, denn ihr Wissen ist so wichtig für Lehrkräfte. Auch mein Thema Hochbegabung fällt unter die Neurodivergenzen. „Wenn wir 15 bis 20 Prozent neurodivergente Kinder in der Klasse haben, warum lernen wir nicht, damit umzugehen? Wir üben doch auch jedes Jahr einen Feueralarm“, fragte sie in ihrer Keynote. Zumal eine Neurodivergenz selten allein vorliegt.
Viele neurodivergente Kinder reagieren aufgrund ihrer eingeschränkten exekutiven Funktionen auffällig. Wenn sie eskalieren, zahlen sie allzu oft mit ihrem Bildungsweg dafür. Sie erklärte, dass ihre Reaktionen dieser Kinder eine Art Frühwarnsystem im Schulsystem bilden. Und gleichzeitig reagieren heute immer mehr neurotypische Kinder ebenfalls negativ auf das System.
Besonders beeindruckt war ich, als sie den Stundenplan ihres Sohnes zeigte. 16 Unterrichtsfächer, 45-Minuten-Takt, Klasse 8 in Baden-Württemberg. Das ist der Zustand, der sich seit Jahrzehnten in vielen Schulen hartnäckig hält. Unsere Kinder werden in Krisen groß und sie erfahren oft wenig Aufmerksamkeit. Es werden Ressourcen und Zeit in der Schule benötigt, um all dem zu begegnen. Aber auch das Wissen, dass diese neurodivergenten Kinder nicht anders reagieren können. Abschließend gab sie allen Zuhörenden Ideen mit, wie wir von neurodivergenten Kindern im Sinne einer Neuroinklusion für alle lernen können.
Prof. Ferdinand Stebner: Eine Schulkultur des selbstregulierten Lernens

Ferdinand war bereits zum zweiten Mal in Wetzlar und hat auch die Albert-Schweitzer-Schule in der Schulentwicklung begleitet. Die Themen selbstorganisiertes und selbstgesteuertes Lernen sind in aller Munde – und scheitern oft. Die Voraussetzung für das Gelingen dieser Strategien ist das selbstregulierte Lernen als grundlegende Kompetenz.
Auch hier macht Ferdinand klar, dass u. a. die exekutiven Funktionen dafür wichtig sind, die im präfrontalen Kortex gesteuert werden. Es geht hier um das Einnehmen der Metaebene darum, sich selbst zu beobachten und zu reflektieren. Das alles spielt sich in einer Art Black Box ab. Was hier passiert, sehen wir nicht, was die Bewertung schwer macht. Genau deshalb braucht es hier eine enge Begleitung. Ferdinand betont: „Wie sollen wir reflektieren, wenn wir die Worte dafür nicht haben?“
Wenn wir in Richtung PISA denken, wird klar, dass Selbstregulation heute eine wichtige Kompetenz ist. Das zeigen diverse Studien, die Ferdinand zitierte und in Grafiken untermauerte. Es braucht einen Paradigmenwechsel. „Lernen lernen“ läuft oft ins Leere, da oft nur stupide Handlungsabfolgen vermittelt werden. Stattdessen ist eine Mischung aus „an die Hand nehmen“ und „öffnen und selbst machen lassen“ wichtig. Es gibt zu diesem Thema noch sehr viel mehr zu erzählen, welches ich in einem eigenen Artikel nachholen werde. Denn das Thema hat auch für Hochbegabte eine hohe Relevanz.
Matthias Zeitler: Wenn Schule stresst

Schule birgt ein hohes Stresspotenzial, das betonte der Lehrer und Autor Matthias in seiner Keynote. Pro Jahr verlassen 60.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Über 1 Million Schülerinnen und Schüler erhalten Nachhilfe. Die Kinder reagieren auf Stress u. a. mit Schlafproblemen, Aggression, einem gestörten Essverhalten etc. Gleichzeitig ist der Leistungsdruck enorm. „Wir entwerten uns selbst“, sagt Matthias dazu, „denn je mehr Abitur machen, desto weniger wird es wert.“
„Schule ist derzeit leistungsorientiert und nicht emotions- und gesundheitsorientiert“, warnt Matthias. Und andererseits ist Langeweile das häufigste Gefühl für Schülerinnen und Schüler. Da passt etwas nicht zusammen, vor allem, wenn aufgrund fallender Leistungsergebnisse nach mehr Leistung gerufen wird.
Dabei braucht es etwas ganz anderes. „Worte haben eine Macht und eine Ladung", gibt Matthias zu denken. „Was brauchst du gerade“ ist einer der Sätze, die er am häufigsten verwendet. Das zahlt auf das Beziehungskonto ein und wirkt dem Druck entgegen. Denn nicht Druck erzeugt Leistung, sondern Begeisterung erzeugt Leistung. Das sollten wir wissen. Ein Zitat von Matthias hat mich besonders berührt: „Eltern sollten niemals Druckmittel sein von uns, sie sind doch unsere Verbündeten." Danke dafür!
Raphael Kirsch: Ich zähl‘ jetzt bis drei!

Zu Raphaels Keynote kann ich nicht viel sagen, denn er verlangte, dass wir die Handys weglegen und ich somit keine Notizen mehr machen konnte. Aber Spaß beiseite, dann schreibe ich eben aus dem Gedächtnis. Raphael hat uns mit seiner humorvollen Art in seine Erlebnisse und Erfahrungen mitgenommen. Dass Lernen am besten durch Bilder und Emotionen geschieht und wir dadurch besser behalten, demonstrierte er an einem Erlebnis, das er hatte.
Er erzählte von seinem Nachtdienst, den er als Zivildienstleistender in einer geschlossenen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie eigentlich gar nicht hätte leisten dürfen. Es war für ihn ein Gamechanger, denn hier kam er das erste Mal mit einer echten und auch gefährlichen Krise und der professionellen und gelassenen Bewältigung in Berührung. Als gelernter Erzieher fand er damit einen neuen Schwerpunkt und berät heute Schulen mit seinem Programm „Einfach krisenfest“.
Auch er thematisierte in seiner Keynote den präfrontalen Kortex und was passiert, wenn die Funktion ausfällt. Dies machte er an einem Beispiel zum Thema Konfliktbewältigung vs. Konfliktdeeskalation deutlich. Dann stellte er „Muffi“ vor, ein Modell, das Menschen in Typen definiert und hilfreich bei der Zusammenstellung von Teams ist. Jeder konnte also entscheiden, ob er ein Struktur-Muffi, ein Mach-ich-Muffi oder sogar ein Chaos-Muffi ist. Es war die beste Keynote, die man sich zum Schluss der beiden Tage wünschen konnte!
Workshops und Seminare bei vision@schule 2.0
Der Workshopplan beinhaltete 38 unterschiedliche Workshops zu vielfältigen Themen. Es war auf jeden Fall für jeden etwas dabei. Es ging um Haltung, Draußenschule, Glaubenssätze, offenes Experimentieren, Charakterstärkung, Podcasting in der Schule, Klassenklima, Beziehungsaufbau, FREI DAY, KI in der Grundschule, offene Lernräume und vieles mehr. Schau hier gerne auf die Taskcard für das komplette Programm.
Ich selbst durfte einen Workshop geben: „Wege aus dem Underachievement – vom hochbegabten Schulverweigerer zum Azubi mit Traumnoten“. Es waren einige interessierte Lehrkräfte dabei. Jedoch sind es oft die, die entweder selbst ein hochbegabtes Kind in der Familie haben oder eins in der Klasse. Aber das ist ok, denn ich durfte trotzdem mit meinem Info-Stand auf dem Flur Impulse setzen und viele wertvolle Gespräche zu dem Thema führen.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
In meinem Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich" kannst du mehr über all die Herausforderungen, die wir bewältigen mussten, erfahren.
Bei Amazon - oder im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3982620169

Dorothee Schmidt & Hannah Schäfer: Schulabsentismus
In meiner workshopfreien Zeit besuchte ich zwei andere Workshops. Dafür suchte ich mir Themen heraus, die auch meine Arbeit berühren. Schulabsentismus ist eins davon. Dorothee und Hannah haben in ihrem Vortrag über Formen sowie Merkmale und Anzeichen von schulabsentem Verhalten gesprochen. Darunter fallen offiziell die Schulangst in all ihren Ausprägungen, die Schulphobie, das Schulschwänzen, exzessiver Medienkonsum sowie das Zurückhalten vom Schulbesuch durch die Eltern.
Interessant ist, dass in der offiziellen Auflistung der Aspekt der Sinnhaftigkeit und Langeweile, die bei Hochbegabten oft zu Schulabsentismus führen können, fehlen. Aber das nur am Rande. Dorothee und Hannah haben einfühlsam beschrieben, dass schulabsentes Verhalten sogar im Unterricht beginnen kann. Hier musste ich an unseren Sohn denken, der oft apathisch und nicht ansprechbar im Unterricht saß.
Wichtig sei, schnell zu handeln, wobei die Fehlzeiten je nach Bundesland unterschiedlich definiert werden. Je mehr Tage im Schulabsentismus vergehen, desto schwieriger sei es, das Kind wieder zum Schulbesuch zu bewegen. Hinschauen und Wahrnehmen ist wichtig, ebenso die schnelle und klare Vereinbarung eines Maßnahmenplans der Wiedereingliederung sowie die Begleitung durch multiprofessionelle Teams. Hier fehlt es jedoch meist an professionellen Ansprechpartnern. Ich fürchte, wir stehen hier noch ganz am Anfang, es ist ein so wichtiges Thema!
Janina Heistermann: „Das war schon immer so!“ Glaubenssätze
Die Glaubenssätze haben mich besonders angesprochen, ist doch das Thema Hochbegabung von Glaubenssätzen durchtränkt. Ich wollte die Sichtweise der Lehrkräfte kennenlernen und habe in diesem Workshop doch so viel mehr erfahren. Janina hat mit ihrer lockeren und herzlichen Art den Fokus auf das Wohlergehen der Lehrkräfte gelenkt. Davon hängt ab, ob eine Schule als Organisation gesund ist oder in Schieflage gerät.
Es ist wie ein Schulgebäude, in dem zwar hehre Ziele verfolgt werden, aber welches droht, zusammenzubrechen, wenn das Fundament bröckelt. Zum Fundament gehören Haltung und Mindset, die eng mit Glaubenssätzen zusammenhängen, außerdem Strukturen, der Umgang mit Mental Load, Vernetzung und eine wertschätzende Atmosphäre. Janina erzählte von ihrem eigenen Lebensweg und ihrem Herzensauftrag, den sie in Schulen in beratender und begleitender Funktion innehat.
Ihre Erfahrung zeigt: Wenn eine Organisation in den Grundfesten gestört ist, kann nur noch Hilfe von außen greifen. Auch sie thematisierte den präfrontalen Kortex und was passiert, wenn die Funktion gestört ist. In Teams, die nach „Piep“-Persönlichkeiten klug zusammengesetzt sind, kann die Organisation gesunden. Da gibt es beispielsweise den Highspeed-Piep, den Perfecto-Piep oder den Mach-ich-Piep.
Bullshit-Bingo "Hochbegabung” für genervte Eltern und neugierige Lehrkräfte.
Nie mehr sprachlos: 24 Mythen über Hochbegabung und ihre Auflösung.
Was es sonst noch zu erzählen gibt
- Die vier beschriebenen Keynotes bildeten den Rahmen der Veranstaltung. Zwischen den Workshops gab es immer etwas Zeit, um sich die Info-Stände anzuschauen. Grüße gehen raus an meine Standnachbarn Diara von Ixplainia, die Minimusiker Lars und Till, Sebastian von Krüger Trainings, Catrin von Buntes Feedback und all die anderen.
- Die Schule war komplett geöffnet. Auch das war interessant zu sehen, wie Schule aussehen kann, vom Klassenraum bis zum Ruheraum.
- Einige Anmoderationen auf der Bühne haben die Minimusiker Till und Lars perfekt gestaltet. Mit Rhythmus und einem Dreiklang haben sie in kurzen Momenten eine spürbare Gemeinschaft hergestellt. Das hat richtig Spaß gemacht!
- Die Versorgung durch das Team der Albert-Schweitzer-Schule war perfekt. Vom persönlichen Empfang über die Snacks und Getränke, bis hin zu Pizza und Mittagessen war für alles bestens gesorgt. Das war großartig!
- Der Party-Abend war legendär! Bis 22 Uhr herrschte ausgelassene Stimmung und glaub mir, Lehrkräfte können wirklich feiern! Es war einfach schön, dabei zu sein und die Atmosphäre aufzusaugen.
- Am schönsten waren die zahlreichen Begegnungen. Viele kennen wir oft nur über Social Media, oder wir sehen die Menschen dahinter immer wieder auf solchen Veranstaltungen. Ich bin sehr dankbar für die vielen „alten und neuen“ Begegnungen an diesen zwei Tagen!
Dazu gibt es hier eine kleine Bildergalerie. Nahezu alle Bilder stammen von Daniel Steh (Instagram-Profil), der sie mir freundlicherweise für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat. Danke dafür! Ein paar eigene Bilder sind darunter.
Mein Fazit zu vision@schule 2.0 und der Veränderung von Bildung
Schule muss sich verändern, das ist klar. Ich habe das Gefühl, in den letzten beiden Jahren ist schon einiges passiert. Denn Veränderung ist ansteckend. Das beginnt oft im Kleinen, mit einem freundlichen Wort oder einem zugewandten Verhalten. Der Fokus liegt auf den Menschen und das Wohl unserer Kinder ist zentral.
Immer mehr Menschen beginnen, Schule vom Kind aus zu denken. Das heißt, auch vom neurodivergenten Kind aus, vom hochbegabten Kind aus, vom gestressten Kind aus. Das sind positive Ansätze und ich habe mehr Offenheit gespürt, als noch beim letzten Mal. Etwas hat sich verändert, wenn ich das mit meinem Blick von außen so sagen darf. Die Aufbruchstimmung hat sich verstärkt und stabilisiert.
Werbung
Für mehr Selbstwertgefühl von Kindern:
"Ein Baumhaus zum Träumen". Ich habe ein Buch für die perfekte Abendroutine für (hochsensible) Kinder mit Traumreisen geschrieben.
Vorlesebuch für Kinder ab 4 Jahren - bei Amazon.
Auch als Hörbuch hier erhältlich. (selbst von mir eingesprochen)

Auch im Lahn Dill Kreis bewegt sich etwas
Aber es gibt noch eine letzte und sehr schöne Begebenheit. Der Landrat des Lahn Dill Kreises Carsten Braun hat ein Grußwort gesprochen. Er hob das Beispiel der Albert-Schweitzer-Schule positiv hervor und berichtete, dass Schulentwicklung in unserem Kreis eine größere Rolle spielt als zuvor. Hier wird aktiv an Veränderungen gearbeitet und Schule für neue Ideen geöffnet.
Ich denke, das sind gute Nachrichten und die Umsetzung wird die Ernsthaftigkeit zeigen. Veränderungen brauchen Mut, das Althergebrachte und vermeintlich Sichere loszulassen. Ich hoffe, dass viele weitere Kreise, Bezirke und Bundesländer diesen Weg ebenfalls gehen und die Voraussetzungen für ein besseres Lernklima schaffen, in dem sich Kinder gesehen fühlen. Denn Wohlbefinden erzeugt Leistung, eine wichtige Basis für eine allseits gerechte Bildung.

Hol dir jetzt meinen Ratgeber für Lehrkräfte:
Komm den verborgenen Potenzialen in deiner Klasse auf die Spur.
Mit Schnellcheck, Vergleichstabelle und Gesprächshilfe fürs Elterngespräch.


































