Auf meinen Lesungen und auch in den Impuls-Calls begegnen mir immer öfter Eltern von hochbegabten Kindern, die das Wort „Schulverweigerung“ nicht nutzen möchten. Ich selbst nutze es hingegen sehr oft, auch in meinen Blogartikeln. Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber bis heute keine Gedanken gemacht. Daher habe ich mich näher mit den Begrifflichkeiten beschäftigt und sogar eine international-fachliche Unterscheidung gefunden, die diesen Zustand „Das Kind geht nicht mehr in die Schule“ schärft. Dem gehe ich in diesem Artikel über Schulabsentismus auf den Grund und schaue mir die Eigenschaften der Schulverweigerung näher an. Denn es gibt tatsächlich einen Begriff, der hier besser passen könnte.
Das Wort „Schulverweigerung“ stigmatisiert Eltern und ihre Kinder
Es kommt auf die Nuancen an, wenn wir Sprache nutzen. Gerade im Bereich der Neurodivergenzen ist das sehr wichtig, wie ich immer wieder bemerke. Der Gebrauch von einigen Worten wird sehr sensibel und achtsam gehandhabt und manche Begriffe, wie „Störung“ gerne vermieden. Gerade im Gebrauch des Wortes „Schulverweigerung“ laufen wir Gefahr, missverstanden zu werden. Denn dahinter wird oft eine Absicht vermutet.
Das ist besonders für Eltern, deren Kinder nicht mehr in die Schule gehen können, wichtig. Das Wort Schulverweigerung trägt zur Stigmatisierung bei. Auch wir haben Erfahrung mit Schulabsentismus und Schulverweigerung. So habe ich es immer benannt und schreibe auch in meinem Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ darüber.
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Was ist Schulabsentismus überhaupt?
Betrachten wir aber zunächst den Oberbegriff: Schulabsentismus. Schulabsentismus ist der Oberbegriff für jedes unrechtmäßige Fernbleiben vom Schulgebäude. Damit wird die Schulgebäudeanwesenheitspflicht verletzt. Rein objektiv gesehen und unabhängig vom Motiv. Darunter fällt das klassische Schwänzen genauso wie Krankheit, elterlich bedingtes Zurückhalten oder eben das Vermeiden des Schulbesuchs aus Angst und Überforderung.
Doch ab wie vielen Fehltagen sprechen wir von einem Schulabsentismus (umgangssprachlich: Schulabstinenz)? Ich bin selbst davon ausgegangen, dass es eine bundesweite Grenze von etwa 40 Fehltagen gibt. Das Deutsche Schulportal unterscheidet zwischen problematischen (11 bis 20), gravierenden (21 bis 40) und massiven Fehlzeiten (über 40 Fehltage). Die Zahlen gelten für ein Schulhalbjahr.
Eine einheitliche Definition von Schulabsentismus gibt es nicht
Diese Einteilung stammt ursprünglich aus dem offiziellen Konzept zum Schulabsentismus des Landes Schleswig-Holstein. Andere Handreichungen arbeiten mit 50, 80 oder 100 unentschuldigten Fehlstunden, wieder andere mit einem Prozentsatz der Fehltage in einem Zeitraum. Selbst in der Fachliteratur gibt es dafür keine einheitliche Linie. Willkommen im Bildungsföderalismus. Der Forscher Heinrich Ricking bestätigt es auch: Den Zeitpunkt, ab dem Schulabsentismus rechtlich beginnt, legen Schulgesetze und Praktiken vor Ort fest. Und die sind überall verschieden.
Das ist übrigens kein rein deutsches Problem. Franca Walt, die an der OST – Ostschweizer Fachhochschule ihre Masterarbeit zu Schulabsentismus geschrieben hat, bestätigte das für die Schweiz über LinkedIn in einem ihrer Beiträge. Es gebe zwar einzelne Kantone mit entsprechenden Kennzahlen und Leitfäden, aber keine schweizweit einheitliche Regelung, die eine systematische und vergleichbare Erfassung ermöglicht. Eine gesamtschweizerische Datengrundlage zu Schulabstinenz bestehe nicht.
Die Unterscheidung von Schulverweigerung und Schulvermeidung
Zurück zu den Eltern, die den Begriff der Schulverweigerung kritisch sehen und ihn vermeiden. Ich habe von ihnen jedoch keinen alternativen Begriff gehört, daher bin ich auf die Suche gegangen, ob es eine gute Alternative gibt. Dabei bin ich auf den Begriff der Schulvermeidung gestoßen. Schauen wir uns die Unterscheidungen näher an.
Schulverweigerung – wenn Kinder bewusst nicht mehr wollen
Schulverweigerung meint im engeren, umgangssprachlichen Sinn das bewusste, willentliche Fernbleiben vom Unterricht. Ein anderes gebräuchliches Wort ist Schulschwänzen. Das Kind könnte grundsätzlich in die Schule gehen, entscheidet sich aber dagegen. Eine psychische Notlage steckt dabei in der Regel nicht dahinter. So sollte man jedenfalls meinen.
Interessant ist jedoch, dass in der akademischen Fachliteratur (Ricking) der Begriff „Schulverweigerung“ traditionell sogar umgekehrt verwendet wird. Schulverweigerung steht dort für die angstbedingte, also gerade nicht willentliche Form. Im allgemeinen Sprachgebrauch und bei den meisten Menschen hat sich das Wort aber mit der Bedeutung „bewusstes Nicht-Wollen“ verankert.
Schulvermeidung – wenn Kinder nicht mehr können
Ganz anders sieht die emotional bedingte Schulvermeidung aus. Im Englischen wird sie „Emotionally Based School Avoidance“ (EBSA - emotional bedingte Schulvermeidung) genannt. Hier bleiben Kinder oder Jugendliche dem Unterricht fern, weil sie schlicht nicht mehr können. Die Ursachen sind Angst, Überforderung oder tiefe Resignation. Fachlich wird hier oft zwischen Schulangst (ausgelöst durch konkrete Anlässe wie Mobbing oder Leistungsdruck) und Schulphobie (Trennungsangst von engen Bezugspersonen) unterschieden. Wobei mir diese Unterscheidung im Hinblick auf Hochbegabte und Underachievement zu kurz greift.
Der englischsprachige Fachdiskurs hat den älteren Begriff „school refusal“ (Schulverweigerung) bewusst verabschiedet, weil er unterstellt, das Kind treffe eine einfache Entscheidung, die Schule zu verweigern. Genau das ist bei Schulvermeidung nicht der Fall. Hier wollen die Kinder, aber sie können nicht. Genau das ist der Zustand, mit dem die Eltern, mit denen ich spreche, konfrontiert sind.

Schulverweigerung und Schulvermeidung können Hand in Hand gehen
Obwohl die Unterscheidung in der Fachliteratur nicht eindeutig gehandhabt wird, können wir dennoch für die umgangssprachliche Verwendung festhalten:
- (vorsätzliche) Schulverweigerung = Schulschwänzen: Das bewusste, willentliche Fernbleiben, ohne psychische Notlage
- Schulvermeidung = emotional bedingte Schulvermeidung: Das Kind kann nicht mehr in die Schule gehen.
Wenn wir davon ausgehen, dass Verhalten immer eine Ursache hat, dann ist es bei einer Schulvermeidung wie auch bei einer Schulverweigerung wichtig, genau hinzuschauen. Auch eine bewusste, vorsätzliche Schulverweigerung, also das Schulschwänzen, kann eine psychische Ursache haben. Auf der anderen Seite kann eine emotional bedingte Schulvermeidung durchaus einen bewussten Charakter haben. Das schauen wir uns jetzt an.
Wenn beides verschwimmt: die Grauzone bei Hochbegabung
Die Geschichten der Schulabstinenz unserer beiden hochbegabten Kinder verlief sehr unterschiedlich. Unser jüngerer Sohn wurde gemobbt und verweigerte aufgrund dessen irgendwann den Schulbesuch gänzlich. Unser älterer Sohn hat immer weniger einen Sinn in vielen Fächern gesehen und hat den Schulbesuch immer mehr vermieden.
Ein Schulabsentismus hat oft eine Chronik und ist ein schleichender Prozess. Zuerst vermeidet das Kind den Schulbesuch. Es zeigt psychosomatische Beschwerden, wie Kopf- oder Bauchweh. Dann kommt es morgens immer öfter zu spät zum Unterricht. Vielleicht simuliert es auch Durchfall und fehlt einen Tag. Die Fehlzeiten nehmen immer mehr zu bis irgendwann der Punkt kommt, an dem das Kind sagt: „Ich kann nicht mehr in die Schule gehen“. Aus meiner Definition heraus verweigert es den Schulbesuch, wenn es zu diesem Punkt kommt.
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Wenn emotionale Erschöpfung und Sinnlosigkeit zusammenkommen
So sauber sich Schulverweigerung und Schulvermeidung auf dem Papier trennen lassen, reicht mir diese Zweiteilung für hochbegabte Kinder und Jugendliche persönlich nicht ganz aus. Denn hier gibt es häufig noch eine dritte, vermischte Ebene. Es ist zum einen die psychische Notlage in Form einer emotionalen Erschöpfung. Der Frust und die Resignation sind derart hoch geworden, dass das Kind zusammenbricht und die Anwesenheit im Schulgebäude nicht mehr aushält. Das ist ein Punkt, den es nicht beeinflussen kann, also ganz klar eine emotional bedingte Schulvermeidung.
Auf der anderen Seite kann aber auch ein bewusster Anteil mitschwingen. Es findet keinen Sinn in den Aufgaben, hinterfragt die Anwesenheit und die Mitwirkung wie auch die Inhalte und entscheidet sich bewusst dagegen, weiterhin im Spiel der Schule mitzuspielen. Gerade ältere hochbegabte Schülerinnen und Schüler können das unter Umständen gut benennen.
Standardmaßnahmen helfen hochbegabten Kindern selten
Schwerer wiegt aber immer der emotionale Teil, das ist wichtig zu betonen. Genau hier müssen die Betroffenen abgeholt werden. Sätze, wie: „Das Kind muss lernen, seine Zeit abzusitzen“ helfen hier keinesfalls weiter. Vielmehr muss es Lösungen geben, die gerade auf hochbegabte Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind. Vorschnell werden sie in das Raster der Schulangst, Sozialphobie oder psychischen Problemen gesteckt und entsprechende Standard-Maßnahmen, wie ein Klinikaufenthalt, angeordnet.
Für mich ist das ein blinder Fleck sowohl in der klassischen Schwänzen- / Verweigerung-Literatur als auch im internationalen EBSA-Diskurs, die beide eher von reiner Angst oder reinem Trotz ausgehen. Für hochbegabte Kinder braucht es meiner Meinung nach genau diesen Zwischenblick. Ansonsten wird eine durchaus bewusste Sinnfrage fälschlich als bloße Verweigerungshaltung abgetan, obwohl darunter längst eine ernsthafte emotionale Notlage liegt.
Die Ursachen von Schulabsentismus zu finden ist notwendig
Um adäquate Hilfsmaßnahmen bei einem Schulabsentismus herbeizuführen, muss die Ursachen kennen. Denn „hinter jedem leeren Stuhl im Klassenzimmer steckt eine Geschichte“, wie Franca Walt es treffend in ihrem LinkedIn Beitrag benennt. Die muss ergründet werden, um das Kind wieder einen motivierten Schulbesuch zu ermöglichen. Oder es braucht alternative Lösungen, in denen die soziale Teilhabe und Bildungsteilhabe gelingen.
Heinrich Ricking forscht seit rund 20 Jahren zu Schulabsentismus. Er bringt es auf den Punkt und sagt, dass Schulabsentismus meist die Folge einer anderen, dahinterliegenden Problematik ist. Er beschreibt drei grundlegende Muster: Das Schulschwänzen, die angstbedingte Schulmeidung sowie elternbedingte Schulversäumnisse durch bewusstes Zurückhalten. Ehrlich gesagt fehlt mir hier die Mischform aus bewusster Entscheidung und psychischer Notlage, die ich bei hochbegabten Kindern beobachte. Rickings Modell kennt nur die reine Angstkomponente.
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Schulabsentismus entsteht viel früher als gedacht
Franca Walt sieht das ganz ähnlich. Aus ihrer Sicht braucht es zunächst ein gemeinsames Verständnis dafür, wann Schulabsentismus überhaupt beginnt. Denn er startet oft viel früher als gedacht. Jeder Schulabsentismus hat seine Geschichte und beginnt mit schulischem Vermeidungsverhalten, steigenden Fehlzeiten und ersten Rückzugstendenzen.
Bei hochbegabten Kindern kann die Resignation mit störendem Verhalten oder stillem Rückzug beginnen. Es ist wichtig, die Anzeichen zu erkennen, um entsprechend handeln zu können. Daher ist es aus meiner Sicht unabdingbar, dass die Ursachen von Schulabstinenz erfasst werden, damit diese Muster fachlich eingeordnet werden und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können. Erfolgt dies nicht, befinden wir uns wieder in dem Dilemma, dass Schulverweigerung pauschal mit Schulschwänzen gleichgesetzt wird.
Beratungsstellen bei Schulabsentismus sind ein Flickenteppich
Wenn das Kind nun also in der Schulverweigerung oder der Schulvermeidung ist, stellt sich die Frage, welche Institutionen beratend und begleitend zur Seite stehen. Auch hier gibt es kein einheitliches Bild. So übernimmt beispielsweise In Gießen das Staatliche Schulamt mit einer eigenen schulpsychologischen Beratung diese Aufgabe. Die Leitung hat der Förderschullehrer, der uns vor vielen Jahren zur Seite stand.
Andernorts gibt es spezialisiertere Anlaufstellen, etwa die Clearingstelle Schulabsentismus beim Gesundheitsamt Rhein-Erft-Kreis. Wieder woanders ist es die Schulpsychologische Beratungsstelle vor Ort, die Fälle von Schulabsentismus bevorzugt terminiert. Wie gut Familien Hilfe finden, hängt damit stark vom Wohnort ab. Wie immer ist dies in jedem Bundesland in den Ebenen unterschiedlich geregelt. Positiv ist aber, dass immer mehr solche Stellen entstehen.
Mein Fazit: Drei Dinge, die sich ändern müssten
Wenn ich all das zusammenfasse, bleiben für mich drei Erkenntnisse:
- Erstens haben wir bei Definitionen, Zuständigkeiten und Beratungsangeboten einen Flickenteppich. Das gilt für Deutschland, aber wohl genauso in der Schweiz.
- Zweitens wird viel zu selten nach den eigentlichen Ursachen geschaut. Fehlzeiten werden gezählt, aber selten fachlich eingeordnet. Genau da beginnt die Arbeit, die wirklich etwas verändert.
- Es gibt keine einheitliche wissenschaftliche Verwendung der Begriffe Schulverweigerung und Schulvermeidung. Das führt zu Stigmatisierungen.
Meine persönliche Meinung zu den Begriffen: Die Unterscheidung zwischen Schulverweigerung und Schulvermeidung ist fachlich sinnvoll. Jedoch werde ich im eigenen Sprachgebrauch weiterhin meist von Schulverweigerung sprechen. Der Begriff ist etabliert, er ist bekannt und er erzeugt die Aufmerksamkeit, die dem Thema gebührt. „Schulvermeidung“ klingt in meinen Ohren dagegen fast harmlos. Wie ein Kind, das mal einen Tag fernbleibt, statt einer Familie, die an ihre Grenzen kommt. Trotzdem lohnt es sich, die feinere Unterscheidung im Kopf zu behalten, gerade wenn du selbst betroffen bist oder mit betroffenen Familien arbeitest.
Für mich und unsere Geschichte trifft das Wort der Schulverweigerung für mich den Kern der Situation recht gut. Das Kind verweigert die Anwesenheit in der Schule, nachdem es vorher phasenweise den Schulbesuch vermieden hat. Die Aussagen meiner Kinder: „Ich möchte lernen, aber nicht mehr in dieser Schule“ bzw. „Ich will ja in die Schule und lernen, aber ich kann nicht“, rechtfertigen den Begriff für mich persönlich.
Wie siehst du das? Deine Meinung interessiert mich sehr, schreib sie mir unter den Artikel in die Kommentare.

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