Wusstest du, dass eine Hochbegabung bei Mädchen seltener erkannt wird als bei Jungen? Tatsächlich ist mir dieser Umstand erst in den letzten beiden Jahren bewusst geworden. Das kommt daher, dass ich zwei hochbegabte Söhne habe und mein Augenmerk auf ihnen lag. Dank meines Blogs und meiner Aktivitäten kam ich glücklicherweise nun auch mit dem besonderen Thema „Hochbegabte Mädchen“ in Berührung. Was ich hier erfuhr, beunruhigte mich, weshalb ich diesen Blogartikel hochbegabten Mädchen in der Schule widme. Es geht darum, Zeichen zu erkennen und richtig zu handeln. Denn es geht hier vor allem um Selbstwert und Selbstwirksamkeit.
Nur 25 % der IQ-Diagnostiken findet bei Mädchen statt
Beginnen wir unsere Betrachtung mit ein paar Zahlen. Leider ist die Studienlage zu IQ-Diagnostiken im Geschlechterunterschied dünn gesät und veraltet. Ich schätze aber, dass sich die Zahlen im Laufe der Jahre nicht sehr verändert haben. Im Jahr 1996 machten Stapf & Stapf eine Untersuchung zum Thema „Hochbegabte Mädchen. Persönlichkeitsentwicklung und spezielle Probleme.“ Das Ergebnis war, dass nur 25 % der Kinder, die eine psychologische Diagnostik erhalten, Mädchen sind. (Quelle)
Dazu möchte ich erläutern, dass eine IQ-Diagnostik begleitend im Rahmen einer ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung-Diagnostik oder anderen gemacht wird. Denn eine Hochbegabung an sich ist keine psychische Störung. Jungen weisen wesentlich öfter Verhaltensauffälligkeiten in der Schule auf. Daher erhalten sie eher eine Empfehlung für diese Diagnostiken. Ein hoher IQ, eine überdurchschnittliche Begabung oder eine Hochbegabung wird in vielen Fällen in diesen Diagnostiken entdeckt, sofern sie nicht maskiert wird.
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Gute schulische Leistungen und auffälliges Verhalten als Zeichen für Hochbegabung?
Dazu kommt, dass Lehrkräfte mit einer 1,5-fachen höheren Wahrscheinlichkeit eine Hochbegabung bei Jungen vermuten als bei Mädchen. Das ergab eine Studie der Universitäten Tübingen, Maastricht und Jena. Hierfür wurden Daten einer Langzeitstudie mit 27.000 Sechstklässlern und 1.300 Lehrkräften aus den Niederlanden ausgewertet. Lehrkräfte wurden dabei gebeten, aufgrund des Verhaltens und der Leistungen der Kinder eine Vermutung auf Hochbegabung auszusprechen.
Als hochbegabt eingeschätzt wurden vor allem Schüler mit guten schulischen Leistungen, einer offenen Persönlichkeit, aber gleichzeitig mit einem auffälligeren Verhalten im Vergleich zu anderen Schülern. Sie waren zudem meist männlich, ihre Familien hatten einen höheren Bildungsstand. Bei Mädchen wurde weitaus weniger oft eine Hochbegabung vermutet, da sie nicht in dieses vorurteilsbehaftete Bewertungsraster passten.
Mädchen werden weniger oft als hochbegabt eingestuft
Stammten die Mädchen dann noch aus bildungsfernen Haushalten, sank die Wahrscheinlichkeit, als hochbegabt eingestuft zu werden. Ich finde das sehr alarmierend und auch traurig. Mädchen entsprachen einfach nicht dem Bild, was viele Lehrkräfte über Hochbegabung hatten.
Aus diesem Grund finde ich es so wichtig, dass die Merkmale von Hochbegabung - und dazu gehören auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede - in der Lehramtsausbildung Platz finden. Warum weniger Mädchen als hochbegabt eingestuft werden wird besonders dann klar, wenn wir uns die Merkmale von Hochbegabung bei Mädchen anschauen.

Wie sich eine Hochbegabung bei Mädchen in der Schule zeigt
Jungen und Mädchen zeigen unterschiedliche Merkmale von Hochbegabung. Bitte verstehe das nicht als unwiderrufliche geschlechtsspezifische Eigenschaft, sondern als ein Trend, der sich dennoch sehr stark zeigt. Auch wenn allgemein eine Gleichberechtigung in den Rollen angestrebt wird, so ist doch klar, dass es eher weibliche und eher männliche Verhaltensweisen gibt.
Stell dir vor, du hast ein Mädchen in der Klasse sitzen. Es ist still, zurückhaltend und möchte nicht im Vordergrund stehen. Sie ist fleißig, erfüllt ihre Aufgaben, zeigt mittlere bis gute Leistungen und ist bei ihren Freundinnen beliebt. Als Lehrkraft bist du möglicherweise froh, dass dieses Mädchen so gut mitkommt und scheinbar alles in Ordnung ist. Daher schenkst du ihr weniger Beachtung.
Hochbegabte Mädchen fliegen unter dem Radar
Gleichzeitig sieht es in dem Mädchen aber ganz anders aus. Es ist oft von Kopfweh geplagt, da es den Unterricht nur schwer aushält. Eigentlich möchte es viel schneller und Neues lernen. Sie fühlt sich bei ihren Freundinnen meist unwohl, weil sie immer das Gefühl hat, nicht dazu zu gehören. Sie spürt, dass sie sich gut anpassen muss, um nicht als Streberin aufzufallen. So passt sie ihre Noten absichtlich nach unten an. Zuhause lässt sie ihren ganzen Frust heraus und muss sich jeden Tag neu überwinden, in die Schule zu gehen. Die Gefahr einer Depression ist groß. Über die stillen Folgen von Unterforderung kannst du hier mehr lesen.
Wenn wir uns also die Merkmale von besonders begabten oder hochbegabten Mädchen anschauen, können wir folgende festhalten:
- Ein ständiges Anpassungsverhalten
- Breite Interessen statt Spitzenleistungen in einem Bereich
- Psychosomatische Beschwerden und Rückzug bis hin zur Depression
- Absichtliches nach-unten-korrigieren von Noten
- Schüchternheit und Zurückgezogenheit
- Selbstverletzendes Verhalten, Agression oder Auffälligkeiten im Verhalten
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Die Rolle von Eltern und Lehrkräften – Missverständnisse von beiden Seiten
Es ist nicht gesagt, dass eine Hochbegabung bei Mädchen nur in der Schule nicht erkannt wird. Auch Eltern fällt es oft schwer zu erkennen, dass die Tochter ein besonderes Potenzial hat. Das liegt daran, dass Söhnen mehr Beachtung geschenkt wird, weil sie ihre Unterforderung meist offensiver und lauter zeigen. In diesen Fällen wird, wie oben erwähnt, öfter psychologische Hilfe in Form einer Diagnostik in Anspruch genommen. So war es auch bei uns.
Wenn Töchter sich in der Familie ebenfalls gut anpassen können, fällt eine besondere Begabung seltener auf. Dazu kommt, dass Mütter ihre eigene Geschichte mit der Schule haben. Viele leiden oft selbst unter einem mangelnden Selbstwert oder unter dem Imposter-Syndrom. Einige haben ihre eigene meist hohe Begabung nicht auf dem Schirm. Hier wird eine generationsübergreifende Problematik sichtbar.
Die unsichtbare Hochbegabung bei Mädchen
Wir sind Kinder unserer Zeit. Wenn wir bedenken, dass es bis 1977 gesetzlich geregelt war, dass Frauen nur mit Erlaubnis ihrer Ehemänner arbeiten gehen durften, wird klar, wie sehr ausgeprägt das Rollenverständnis zwischen Männer und Frauen bis vor kurzer Zeit noch war. Auch wenn es schon 50 Jahre her ist. Mit diesem Selbstverständnis sind unsere Mütter und unsere Großmütter aufgewachsen. Eigene Potenziale zu leben war nur in Ausnahmefällen möglich.
Diese erlernten Prägungen und Erziehungsmuster wirken auch heute noch in uns nach. Denn wir wurden von unseren Eltern erzogen und diese wiederum von ihren Großeltern. Viele Sichtweisen haben sich ungefragt über Generationen erhalten. Es ist daher kein Wunder, dass es gerade in der heutigen Zeit so viele Frauen gibt, die sich erst im Erwachsenenalter ihrer Begabung bewusstwerden. Meist erst durch ihre eigenen Kinder. Auch hier habe ich eine eigene Geschichte dazu, die du hier lesen kannst.
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3 Tipps, was Lehrkräfte tun können im Umgang mit hochbegabten Mädchen
Hochbegabung bei Mädchen ist ein komplexes Thema, wie du siehst. Rollenverständnisse, Vorurteile, Prägungen, Medienberichte, Erfahrungen – all das wirkt auf uns Eltern aber auch auf Lehrkräfte ein. Das wird wiederum in konkrete Handlungen übersetzt. Gefährlich wird es dann, wenn die Muster nicht hinterfragt werden. Zur Aufklärung könnte wie gesagt eine Thematisierung im Lehramtsstudium beitragen. Da dies aber selten der Fall ist, möchte ich hier und in meinem Blog dafür sensibilisieren. Daher habe ich drei Tipps für dich als Lehrkraft in Bezug auf hochbegabte Mädchen:
Tipp 1: Hinschauen lernen
Gerade bei stillen und angepassten Mädchen besteht die Gefahr, dass du als Lehrkraft eine Hochbegabung übersiehst. Zu wissen, welche Merkmale auf eine Hochbegabung gerade bei Mädchen hindeuten ist der erste Schritt. Der zweite ist, genau hinzuschauen und mehr über das Kind zu erfahren.
Das gelingt ganz oft in der Kommunikation mit den Eltern. Denn nur so entsteht ein ganzheitliches Bild auf das Kind. Was macht dem Mädchen besonders Spaß? Womit beschäftigt es sich in seiner Freizeit? Wodurch fällt das Mädchen besonders auf, vielleicht durch eine eloquente Sprache oder Wissensdurst?
Tipp 2: Frühzeitige Diagnostik
Dadurch, dass Mädchen seltener auffällig in ihrem Verhalten werden, erhalten sie weniger eine Empfehlung für eine Diagnostik. Steht jedoch ein Verdacht auf eine Hochbegabung im Raum, so könnte eine Begabungsdiagnostik herausfinden, welche Stärken und Potenziale das Mädchen hat.
Eine IQ-Diagnostik bzw. ein IQ-Test hilft auch dem Kind in der Definition seines Selbstbildes. Das Gefühl, nicht dazu zu gehören und anders zu sein, bekommt einen Namen. Zudem hilft ein Blick in das Begabungsprofil herauszufinden, in welchem Bereich die Stärken des Kindes liegen. Das gibt Ideen für Fördermöglichkeiten. Ein Gutachten aus der Begabungsdiagnostik gibt zudem weiteren Aufschluss darüber.
Tipp 3: Selbstwert stärken
Gerade hochbegabte Mädchen leiden oft unter einem geringen Selbstwert. Diesen gilt es zu stärken. Daher ist die Beziehungsarbeit mit diesen Kindern besonders wichtig. Echtes Interesse, Wertschätzung und das Gefühl, gesehen zu werden, hilft diesen Kindern enorm. Ein gestärktes Vertrauen bildet die Basis für mehr Selbstbewusstsein.
Vor allem dürfen diese Kinder Selbstwirksamkeit erleben. Hier geht es darum, dass auch die Leistungen und der Lernprozess dieser Kinder honoriert wird. Das gelingt mit dem Konzept des Growth Mindset. Als Lehrkraft kannst du das Kind darin begleiten, seine Selbstregulation zu stärken.

Vom hochbegabten Mädchen zur hochbegabten erwachsenen Frau
Wenn ich auf diesen Artikel schaue, wird mir noch einmal bewusst, dass auch ich als hochbegabtes Mädchen, bei dem die Hochbegabung unerkannt blieb, eine Geschichte mitbringe. Ich war das schüchterne Mädchen mit einem geringen Selbstwert, die viel träumte und sich selbst ständig hinterfragte. Freundinnen zu finden, fiel mir oft schwer und so pflegte ich nur handverlesene Freundschaften. Ich fühlte mich oft nicht zugehörig und war ein willkommenes Mobbing-Opfer.
Mein Lebenslauf ist alles andere als geradlinig, sondern ich probierte mich viel aus. Musik war dabei immer meine Insel, auf der ich meine Stärken leben konnte. Das erlaubte mir, meine Selbstwirksamkeit zu spüren und zu entwickeln. Hier war ich stark. Doch alle anderen Lebensbereiche waren voller Zweifel, obwohl ich nach außen oft einen anderen Eindruck hinterließ. Lies gerne auch das Interview mit mir in der der FAZ dazu.
Ein IQ-Test kann die Grundlage für ein neues Selbstbild sein
Das Imposter-Syndrom begleitet mich heute noch. Wären meine beiden Söhne nicht gewesen, wäre ich sicher nie auf die Idee gekommen, selbst eine Begabungsdiagnostik machen zu lassen. Dass ich mit 53 Jahren hochbegabt getestet wurde, überraschte mich und ich zweifelte dennoch an der Richtigkeit des Ergebnisses.
Trotzdem war der Test für mich ein Segen. Ich habe mich entwickelt von dem hochbegabten Mädchen, welches unter dem Radar lief hin zu einer hochbegabten Frau, die ihre Hochbegabung ganz bewusst lebt. Das ist schön, aber es hätte mir einiges erspart, hätte ich das früher gewusst. Aber die Zeiten waren andere und das ist auch völlig ok.
Mädchen sollten früh ihren Potenziale vertrauen dürfen
Wichtig ist es für mich heute, was ich daraus mache. Und auch, was du als Lehrkraft oder auch Elternteil damit machst. Ich wünsche mir, dass die Hochbegabung von Mädchen möglichst früh in der Schule oder im Elternhaus erkannt wird. Eine frühe Begabungsdiagnostik erleichtert diesen Mädchen, ihre eigene Begabung anzunehmen und ihren Potenzialen zu vertrauen.
Daran anschließend liegt es in den Händen der Eltern und Lehrkräfte, diese hochbegabten Mädchen entsprechend und individuell zu fördern, zu ermutigen und zu stärken. Das gelingt aber nur, wenn sie in ihrer besonderen Begabung erkannt und identifiziert werden. Dazu kann und darf jeder seinen Beitrag leisten, ich hoffe, mein Artikel ist ein Beitrag dazu.

5 Möglichkeiten, wie du 2026 mit mir arbeiten kannst!
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich möchte etwas bewirken, was die Themen Hochbegabung und Underachievement angeht. Aus diesem Grund habe ich Angebote definiert, wie du mit mir zusammenarbeiten kannst.
Wenn du Elternteil bist oder (angehende) Lehrkraft und mehr über die Themen Hochbegabung und Underachievement erfahren möchtest schau gerne direkt hier:
















