Kürzlich erreichte mich eine Frage einer Lehrerin, die ein sehr gut begabtes Kind in ihrer Klasse unterrichtet. Sie versucht es zu fördern, aber das Kind lehnt alle Maßnahmen ab, die Eltern möchten von dem Thema Hochbegabung nichts wissen. Hier ist guter Rat teuer, denn diese Situation stellt Lehrkräfte vor besondere Herausforderungen. Also was tun, wenn Lehrkräfte eine hohe Begabung erkennen, aber Eltern und Kind blockieren? Sollte hier überhaupt gefördert werden? Ich habe meine Community auf Instagram gefragt, die Ergebnisse fasse ich hier zusammen.
Meine persönliche Erfahrung als Mutter hochbegabter Kinder
Als Mutter von zwei hochbegabten Söhnen kenne ich die Situation nur von der Elternseite. Mir war schon früh klar, dass unsere beiden Kinder anders denken und clever sind, obwohl die Hochbegabung erst relativ spät – mit 14 und 16 Jahren – festgestellt wurde. Trotzdem haben wir als Eltern immer dafür gekämpft, dass unsere Kinder gut durch das Schulsystem kommen. Unsere Geschichte liest du hier. Leider kam es irgendwann zu steigenden Frustrationen im Unterricht, zur Resignation und letztendlich zur Schulverweigerung und Schulabstinenz. Ich sage im Nachhinein, dass das System nicht zu meinen Kindern gepasst hat.
Wir hatten jedoch eher das Problem, dass die Lehrkräfte mit den Themen Hochbegabung und Underachievement wenig anfangen konnten. So erinnere ich mich daran, dass die Förderschullehrerin meines jüngeren Sohnes unbedingt die Auswertung des IQ-Tests sehen wollte, da es ihr erster war, den sie sah. Er konnte sich in der Grundschulzeit bis in die Mittelstufe hinein sehr gut anpassen. Doch in der Mittelstufe resignierte er immer mehr und verweigerte schließlich den Schulbesuch komplett.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
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Wenn die Förderung auf Widerstand trifft – eine komplexe Lage
Vermutet nun eine Lehrkraft eine hohe Intelligenz und eine hohe Begabung bei einem ihrer Schüler oder bei einer ihrer Schülerinnen, dann liegt eine besondere Förderung nahe. Vor allem, wenn Lehrkräfte bereits ein Wissen über die Herausforderungen von Hochbegabten haben, wird es schwierig, wenn eine Förderung seitens des Kindes oder der Eltern abgelehnt wird.
Die richtige Herangehensweise hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Was darf ich als Lehrkraft überhaupt unternehmen? Leidet das Kind oder erscheint es glücklich? Wie offen steht das Kind Förder- und Fordermaßnahmen gegenüber? Inwiefern darf ich fördern, ohne die Eltern ins Boot zu holen? Wie gestaltet sich die Kommunikation mit den Eltern?
Warum früh handeln so wichtig ist – besonders bei Mädchen
Handlungsbedarf besteht, wenn die Lehrkraft spürt, dass das Kind still leidet und bereits resigniert. Aber auch präventiv sind Handlungsmaßnahmen aus meiner Sicht wichtig. Denn die Folgen von Unterforderung, das Underachievement, ist ein langer Prozess. Spätestens in der Mittelstufe könnte das Kind vor großen Herausforderungen stehen. Vielleicht, weil es früh das Lernen nicht gelernt hat, oder weil der Selbstwert derart angeknackst ist, dass das Kind den Schulbesuch nicht mehr aushält.
Gerade hochbegabte Mädchen neigen dazu, ihr Potenzial zu verstecken. Viele passen sich an und korrigieren sogar ihre Noten absichtlich nach unten, um nicht aufzufallen. Sie ziehen sich still zurück und sind besonders anfällig für Depressionen. Jungen hingegen fallen öfter durch ihr Vermeidungsverhalten störend auf. Tatsächlich liegt der Mädchen-Anteil bei ADHS-Diagnostiken gerade einmal bei 25 %. Ein IQ-Test, der Bestandteil dieser Diagnostiken ist, deckt eine Hochbegabung in vielen Fällen auf, daher bleiben viele hochbegabte Mädchen unter dem Radar. Eine Begabungsdiagnostik könnte hier Abhilfe schaffen, aber das ist ein anderes Thema.
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Der Umgang mit den Eltern: Ins Gespräch gehen und sensibilisieren
Ich denke, dass jedem hochbegabten Kind ein besonderes Augenmerk gelten sollte, je früher, desto besser. Auch, wenn es glücklich erscheint in der Grundschule, so kann sich dennoch ein Underachievement in der späteren Schullaufbahn entwickeln. Meist kommen Fördermaßnahmen in der Pubertät zu spät, wenn das Kind bereits resigniert hat. So haben wir es in unserer Familie erlebt. Dazu kommt die Erfüllung der restriktiven Schulgebäudeanwesenheitspflicht (Deutschland), die viele Eltern vor besondere Herausforderungen stellt, sollte es zur Schulabstinenz kommen.
Warum Eltern bei Hochbegabung blockieren können
Natürlich gibt es Maßnahmen, welche Lehrkräfte ergreifen können, ohne die Eltern hinzuziehen. Was aber, wenn das Kind ebenfalls blockiert und dann eine Zusammenarbeit mit den Eltern notwendig erscheint? Natürlich sollte sich die Lehrkraft auch selbst die Frage beantworten, was sie bereit ist, zu investieren. Ziele ich nur auf die Leistungserbringung ab, oder bin ich bereit einen ganzheitlichen Blick auf das Kind vorzunehmen?
Danach lohnt es sich, einen Blick auf die Perspektive der Eltern zu richten und die Hintergründe zu verstehen. Aus meiner Community auf Instagram sind dazu folgende Anregungen gekommen, denn die Gründe für eine Verweigerungshaltung von Eltern und Kindern können ganz vielfältig sein:
Angst vor dem Sonderstatus
@hochbegabte.underachiever schreibt dazu: „Vielleicht will man auch nicht, dass das Kind quasi eine 'Extrawurst' bekommt und familiär aus der Reihe tanzt." Und @oh.happy.sarah ergänzt: „Die meisten HB-Kids wollen einfach keinen Sonderstatus und nicht auffallen“.
Veraltete Glaubenssätze über Hochbegabung
@hochbegabte.underachiever schreibt: „Schließlich herrscht in unserer Gesellschaft zumeist noch ein sehr veraltetes Bild davon. Von Wunderkindern, Genies und Hochleistern."
Eigene unverarbeitete Erfahrungen
@lisaexpert schreibt: „Oft stecken da tatsächlich ganz eigene Baustellen hinter. Dass Eltern diese Ängste von ihrem Kind trennen lernen, ist sehr sensibel. Es kann für die Eltern sehr schwer sein, diese Perspektive einzunehmen – nicht, weil ihnen die Empathie fehlt, sondern weil die eigenen Erfahrungen und Ängste sehr schwer wiegen."
Innerfamiliäre Konflikte
@lisaexpert: „Mutter und Lehrkraft waren absolut für eine Förderung – der Kindsvater hat sich extrem dagegengestellt."
Finanzielle Sorgen und Überforderung
@lerncoachprofibox.von.farida: „Die Befürchtung, ihrem Kind nicht gerecht zu werden, oder dass die finanziellen Mittel für eine Förderung nicht ausreichen."
Hochbegabung ist ein sensibles Thema für Eltern und Kinder
Ich bin sehr dankbar für diese Rückmeldungen, denn sie ermöglichen einen differenzierten Blick auf das Thema. Die Erfahrungen der Eltern sind ein großer Schatz für einen ganzheitlichen Blick auf das Kind. Charaktereigenschaften, Spezialinteressen, Abneigungen und vieles mehr können hier ermittelt werden.
@lerncoachprofibox.von.farida drückt es so aus: „Ich meine, dass man Eltern in so einem Fall nicht überreden oder überzeugen kann. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sie mit viel Empathie und Wertschätzung einzuladen, alle Szenarien durchzuspielen. Die eigenen Beobachtungen schildern und nach den Beobachtungen der Eltern fragen – sie sind schließlich 'Experten' für ihr Kind. Sie also mit Fingerspitzengefühl 'ins Boot' holen und nach ihren Ideen fragen."

Das echte Interesse am Kind steht über dem Begabungsthema
Lehrkräfte sollten gerade zu Beginn von Gesprächen die Hochbegabung nicht zu sehr in den Fokus stellen. Es reicht, wenn sie diese zunächst im Hinterkopf behalten. Im Gespräch darf der Fokus also auf dem reinen Interesse am Kind und seine schulische Entwicklung liegen. Anknüpfungspunkte zu einer besonderen Begabung als Potenzial können dann entstehen, wenn Eltern aus ihrer eigenen Schulzeit erzählen oder sie mögliche Erfahrungen mit Geschwisterkindern wiedergeben. Das ebnet den Weg, tiefer zu gehen. Dazu gibt es noch zwei wertvolle Anmerkungen aus der Community:
@edutwist: „Ich würde den Begabungs-Stempel erstmal in der Tasche lassen. Ich würde mit der Schülerin über Alltag sprechen: Was fällt ihr leicht, was nervt, wo ist es zu viel, wo ist es zu langweilig? Eltern würde ich nicht mit 'hochbegabt' konfrontieren, sondern mit Beobachtungen. Konkrete Situationen. Konkrete Fragen. Ziel ist Entlastung und Passung, kein Etikett." Und mit Blick auf das Kind ergänzen dazu: @dr.h.steffen_begabung_im_flow: „Ich würde als Lehrkraft das Kind weiter beobachten, ob es sich überhaupt unterfordert und gelangweilt fühlt."
@lisaexpert empfiehlt: „Schritt 1: Akzeptanz für die Sicht und Emotionen der Eltern. Dieser Schutzmechanismus darf sein. Schritt 2: Ausloten, was geht – Förderung nur in der Schule, Teilnahme an AGs. Manchmal helfen auch sehr originelle Ideen, die ganz weit weg von dem sind, was sich die Eltern unter Förderung vorstellen. Schritt 3: Das Kind mit ins Boot nehmen."
Der Umgang mit dem Kind: Die Förderung von Hochbegabten im Unterricht
Lisa hat es schon angedeutet: Originelle Ideen und Kreativität sind gefragt, wenn es um die Förderung von Hochbegabten im Unterricht und in der Schule geht. Ergänzend dazu möchte ich dir hier 3 konkrete Tipps aus dem Schulalltag präsentieren, die meine Community unter meinem Aufruf auf Instagram gegeben haben.
Tipp 1: Förderung als Wahl anbieten – nicht als Maßnahme
@edutwist sagt: „Förderung nicht als Maßnahme verkaufen, sondern als Wahl. Mehr Tiefe statt mehr Tempo. Projektrolle, Expertenauftrag, eigenes Thema. So, dass sie sagen kann: 'Ja, das probier ich' – und nicht: 'Noch ein Ding, das mit mir gemacht wird'. Diesen Tipp finde ich sehr schön, denn es fördert den Wunsch nach Selbstbestimmung von Hochbegabten.
Weitere Tipps sind:
- @atelier.filzfein: „Fördermaßnahmen machen, nicht als solche benennen, dokumentieren, dann an Eltern“
- @begabtentante.mit.hund: „Den Unterricht anreichern – nicht nur für dieses eine Kind, sondern für alle. Hoffen, dass sie anbeißt“
- @kapierfehler: „Ich würde sie in Ruhe lassen und subtil fordern, fördern oder einfach schauen, was sie braucht“
Tipp 2: Die Beziehungsebene zuerst sichern, dann die Leistungsebene fördern
@dr.h.steffen_begabung_im_flow empfiehlt: „Wenn es bestimmte Fördermaßnahmen nicht möchte, könnte man es fragen, ob es vielleicht eine andere Idee hat. Dann gibt man die Autonomie wieder zurück." @jennifer.mucha sagt: „…vielleicht zeigt das Kind sein Können, wenn keine Aufforderung besteht? Einfach mal was 'liegen lassen' zum Thema, knapp neben dem Platz…"
Wichtig ist auch hier, den Druck gegenüber dem Kind herauszunehmen. Weg von „Du bist so begabt, du musst leisten“ hin zu „ich gebe dir Gelegenheiten und wir finden heraus, was dir hilft“. Die Entwicklung einer guten Beziehung zu dem Kind ist darüber hinaus wichtig, um den Selbstwert des Kindes zu stärken. Wenn hochbegabte Kinder sich gesehen und ernst genommen fühlen, können sie auf diesem Fundament aufbauen und leisten.
@fran_zi_88 empfiehlt: „Mit dem Mädchen ins Gespräch kommen – Interessen filtern und Growth Mindset unterstützen“. Tatsächlich ist das Growth Mindset ein wunderbares Konzept, um den Blick auf Wachstum und Entwicklung zu lenken. Von „das kann ich nicht“ zu „das kann ich noch nicht“. Das bringt uns zum nächsten Punkt.

Tipp 3: Differenzierung für alle – kein Sonderstatus nötig
@oh.happy.sarah: „Förderung kann ja auf vielen Ebenen stattfinden: wesentlich bei HB Kids sind zum Beispiel Lernstrategien. Ich kann genau beobachten, bei welchen Lernstrategien es hakt. Zentral ist das Interesse am Kind und die Beziehungsebene – wenn die stimmt, kann ich als Lehrkraft auch mal ein spannendes Buch, je nach Interesse, in die Hand drücken."
@ka_ti90210: „Bei mir im Unterricht gibt es keine spezielle Förderung, weder nach oben noch nach unten. Ich versuche, individualisiert zu arbeiten, so dass jedes Kind auf seinem Niveau lernt. [...] Die Problematik ergibt sich ja eigentlich nur in einem Unterricht im Gleichschritt. Und den sollte es meiner Meinung nach nicht mehr geben." Dieser Kommentar hat mich besonders gefreut, denn er zeigt das Ziel, wo wir alle hinmöchten. Zu einem Schulsystem, welches für alle Kinder eine allseits gerechte Bildung bietet. Diese geschieht individualisiert und potenzialorientiert anstelle von Gleichmacherei für jedes Kind. So ist das selbstregulierte Lernen als Lernstrategie eine wunderbare Möglichkeit, die Selbstwirksamkeit von Kindern zu fördern im Sinne der Inklusion, wie @vandermeer_sisters empfehlen.
Was tun, wenn alle Fördermaßnahmen abgelehnt werden?
Bei all den guten Ideen kann es dennoch dazu kommen, dass das Kind auch weiterhin Fördermaßnahmen ablehnt und die Eltern ihre ablehnende Haltung bewahren. Dafür hat @edutwist eine Idee: „Und wenn sie alles ablehnt: Druck raus, Beziehung halten, Optionen offenlassen. Manchmal ist das erstmal die eigentliche Förderung." Auch @kopfkonfettihase schreibt: „Nicht überwältigen, warten, Beziehung aufbauen, Geduld haben."
Ich sehe die Beziehungsebene, die wohlwollende Haltung von Lehrkräften gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern als beste Möglichkeit, zu beginnen. Denn @dr.h.steffen_begabung_im_flow sagt auch: „Grundsätzlich kann man ja Menschen nicht zum 'Wollen' bewegen. Es gibt ja nicht nur die Kognition eines Menschen, sondern auch noch seinen individuellen Seelenweg, den es zu respektieren gibt und dessen Plan wir nicht kennen."
Bullshit-Bingo "Hochbegabung” für genervte Eltern und neugierige Lehrkräfte.
Nie mehr sprachlos: 24 Mythen über Hochbegabung und ihre Auflösung.
Lehrkräfte können der Schlüssel für den Erfolg Hochbegabter sein
Auch, wenn du sich in diesem Moment fühlst, als wären dir die Hände gebunden, so kannst du das Kind durch eine gute Beziehungsarbeit bestärken. Zeig ihm, dass du an es glaubst und dass es seinen Weg gehen wird. Die Schullaufbahnen und Lebenslinien von Hochbegabten verlaufen oft alles andere als geradlinig, wie du auch auf meiner Über mich-Seite lesen kannst.
Hochbegabte stehen vor besonderen Herausforderungen, was das Schulsystem geht. Diese liegen in ihren Merkmalen und Eigenschaften begründet. Du als Lehrkraft spielst dabei eine wichtige Rolle. Du kannst dem Kind Zuversicht geben, es mithilfe des Growth Mindsets ermutigen, es einladen, zu reflektieren und im Sinne des selbstregulierten Lernens Strategien an die Hand geben, den Lernprozess einfacher zu gestalten.
Du kannst ihm Impulse geben und ermöglichen, dass es sich gesehen fühlt. Echtes Interesse an hochbegabten Kindern ist der Schlüssel für mehr Selbstwert – und das ist wiederum eine wichtige Basis für ihre Zukunft.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön allen, die auf meinen Instagram-Beitrag und Aufruf reagiert haben. Euer differenzierter Blick hat diesen Artikel bereichert!

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