Die Autorin und Grundschulpädagogin Saskia Niechzial hat mit ihrem Buch „Ein Kopf voll Gold“ ein Zeichen für neurodivergente Kinder gesetzt. Dabei wollte sie nie Lehrerin werden, wie sie selbst in ihrem Buch schreibt. Ich bin sehr froh, dass sie es doch geworden ist. Und manchmal hält die Liebe auf den zweiten Blick einfach besser. Heute inspiriert sie auf Instagram als @liniert.kariert viele Lehrkräfte aber auch Eltern wie mich. Tauche ein in die Buchbesprechung von „Ein Kopf voll Gold“.
Neurodivergenz als roter Faden im Leben von Saskia Niechzial
Saskia hat bereits einige Bücher veröffentlicht und ist damit Spiegel-Bestsellerin geworden. Vor allem deswegen, weil sie den Nerv der Zeit getroffen hat. Das Thema Neurodivergenz ist in den letzten Jahren immer sichtbarer geworden, woran sie einen großen Anteil hat. Als neurodivergente Mutter und Lehrerin sieht sie beide Seiten der Medaille. Genau das ist sehr hilfreich für viele Eltern, aber auch für ihre Kolleginnen und Kollegen im Schuldienst.
Auch ihre Kinder sind neurodivergent, was ihr Familienleben sehr bunt macht. In vielen Erzählungen habe ich unsere Familie wiedererkannt und musste das ein oder andere Mal laut lachen. Dabei ist die Situation oft mehr als ernst, wenn es um die Beschulung von neurodivergenten Kindern geht. Dass dies an die Grenzen des Schulsystems stößt, und was Eltern aber auch Lehrkräfte tun können, beschreibt sie eindrucksvoll in ihrem Buch.
Ein positiver Blick und Achtsamkeit mit Neurodivergenz
Wir alle kennen ADHS, Autismus Spektrum Störung, Hochsensibilität, LRS, Dyslexie, Dyspraxie, Hochbegabung etc. Sie sind teilweise medizinisch diagnostizierbar. Saskia spricht zunächst vom Konzept des positiven Blicks auf dieses Anderssein, die im Begriff Neurodivergenz zusammengefasst werden. Es sind die Stärken, auf die der Spot gerichtet wird. Wobei die Herausforderungen ebenso Beachtung finden sollten.
Wichtig ist ihr eine „achtsame Sprachwahl“ im Umgang mit den Neurodivergenzen, da diese oft genug als defizitär betrachtet werden (Seite 25). Ich muss gestehen, das fällt mir als Mutter schwer. Vielleicht auch deswegen, weil ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der der Begriff Neurodivergenz noch unbekannt war. Ich bemühe mich aber seitdem um eine achtsamere Sprache. Das ist ein wichtiger Eindruck, den das Buch bei mir hinterlassen hat.
Ich durfte Saskia persönlich in einem Interview in ihrem Podcast "Ein Kopf voll Gold" kennenlernen. Es war ein wundervolles Gespräch und ein schöner Austausch über Hochbegabung und andere Neurodivergenzen. Hör es dir hier direkt an:
Die Vielfalt und die Diagnostik von Neurodivergenzen
Saskia thematisiert die einzelnen Neurodivergenzen und ihre Eigenschaften. Das ist besonders hilfreich für Lehrkräfte, die noch wenig Erfahrungen damit gemacht haben. Aber auch für Eltern, die mit dem Thema gerade noch am Anfang stehen. Die Frage, die sich stellt, ist, ob eine Diagnostik sinnvoll ist. Saskia sieht die Diagnostik als ein „Fundament der weiteren Begleitung“ (Seite 73). Vor allem gibt sie Klarheit für Familien, sich weniger falsch und schuldig zu fühlen. Ihre Erzählungen über ihre familiäre Diagnostikreise helfen dabei, die Hemmschwellen dafür abzubauen.
Ich sehe ihre Ausführungen zu den Neurodivergenzen als wahren Schatz für Lehrkräfte, um eine differenzierte Einschätzung vornehmen zu können. Dass sich die Neurodivergenzen in ihren Anzeichen überschneiden können, betont sie dabei. Besonders am Herzen liegen mir ihre Ausführungen zu Hochbegabung. Wie Saskia bin auch in der Meinung, dass dies stärker in der Lehramtsausbildung thematisiert werden sollte.
Nach der Diagnose: Wie es weitergehen kann
Nach der Diagnose kann ein „Gefühlsklumpen“ entstehen, wie Saskia es treffend beschreibt (Seite 97). Denn die Diagnose ist die eine Seite. Wie das Umfeld und wir selbst als Familie damit umgehen, eine andere. Es geht vor allem auch darum, wie wir es unserem Kind erklären. Es spürt ja, dass es aneckt, anders ist und viel Kritik erhält. Dazu hat Saskia viele Tipps parat, wie dies in verschiedenen Altersklassen thematisiert werden kann.
Wie wir Eltern benötigen auch Kinder Zeit, damit umzugehen und sich mit der Diagnose anzufreunden. Jedes Kind verarbeitet das auf seine eigene Weise. Aber sie spricht sich dafür aus, offen damit umzugehen. Gleichzeitig warnt sie gleichzeitig vor einem starren Selbstkonzept, welches daraus resultieren könnte. Das ist ein wichtiger Hinweis, den vor allem Eltern im Blick behalten sollten. Die Beschäftigung mit dem Growth Mindset ist an dieser Stelle sinnvoll.
Für Eltern von neurodivergenten Kindern
Was macht es mit einer Familie, wenn das Kind neurodivergent ist? Oder wenn Eltern entdecken, dass sie es ebenfalls sein könnten? Der Familienkosmos wird in so einer Situation ordentlich durchgerüttelt und muss sich danach neu zusammensetzen. Eltern steuern das Familienleben, daher ist es entscheidend, wie sie damit umgehen.
„Uns fehlt es einfach deutlich mehr an ‚Ach-das-wird-schon‘-Erfahrungen. Hinzu kommen die schmerzhaften Erfahrungen, das eigene Kind immer wieder anecken zu sehen. Zu spüren, wie es auffällt. Nein, wenn wir als Eltern ein Kind begleiten, das immer wieder aus dem Rahmen fällt, dann ist uns unsere Gelassenheit nicht selten ein Stück weit verloren gegangen“
Saskia Niechzial (Ein Kopf voll Gold, S. 274)
Saskia bringt in diesen Kapiteln immer wieder ihre eigenen Erfahrungen ein. Es geht darum, Information zu sammeln, sich ein Netzwerk aufzubauen, die Stärken der Kinder als solche zu bewerten. Vor allem das Aushalten von Kritik von außen sowie das optimale Reagieren darauf thematisiert Saskia und gibt wertvolle Tipps. Heute ist sie zuversichtlich, dass ihre Kinder gestärkt ihren eigenen Weg gehen. Diese Zuversicht kann ich nur teilen, denn ich habe genau diese Erfahrungen gemacht.
Unsere Kinder sind einfach anders
Ein negatives Selbstkonzept aufgrund von ständiger Kritik von außen begleitet unsere Kinder. Sie schreibt dazu: „Der Titel dieses Buches enthält nicht ohne Grund das Wort ‚Gold‘, denn es steckt tatsächlich ein wahrer Schatz in den Köpfen neurodivergenter Kinder“ (Seite 145). Das Tröstliche ist dabei, dass die vermeintlichen Schwächen im Kindesalter später zu den größten Stärken werden können. Daher kann es sinnvoll sein, bekannte Vorbilder als Beispiel zu nehmen, um den Kindern Mut zu machen.
Das Schwierigste ist sicher der Abschied vom konventionellen Familienleben. Wir dürfen nicht darauf schielen, wie es andere machen und wie es „normal“ ist, sondern müssen unseren eigenen Weg mit unseren Routinen finden. Dieser kann sehr kreativ und anders sein. In diesem Zusammenhang geht Saskia auf viele Eigenheiten von neurodivergenten Kindern ein. Als Beispiel sei hier das selektive Essverhalten genannt.
Beispiel: Ernährung und andere bei neurodivergenten Kindern
Das begleitete auch uns, denn ich fand mich selbst als Mutter dabei wieder, zwei Wochen nur Pfannkuchen zu backen, danach zwei Wochen nur Nudeln mit Butter zuzubereiten und so weiter. Unser jüngerer Sohn aß in diesen Phasen, die sich immer abwechselten, nichts anderes. Er hat seine Vorlieben für bestimmte Marken und lehnt andere rigoros ab. Er erkennt sie am Geschmack. Irgendetwas untermogeln funktionierte nie. Er hätte bei „Wetten dass“ mitmachen können. Mit den Jahren besserte sich das jedoch und heute mit 18 Jahren probiert er wenigstens etwas Neues und erweitert langsam, aber sicher sein Ernährungsportfolio.
Ich fand es sehr spannend, über dieses Thema zu lesen. Wie anfangs schon erwähnt, erkannte ich uns hier sehr wieder und es kamen viele Erinnerungen vom Stillen bis zu den trockenen Nudeln wieder ins Gedächtnis. Eltern dürfen sich hier entspannen und ihr Kind begleiten. Neben der selektiven Ernährung spricht Saskia noch weitere Themen an, von der Kleidung bis hin zur Mediennutzung. Dabei gibt sie hilfreiche Empfehlungen sowie auf das ein oder andere Thema einen differenzierten Blick fernab des Erziehungs-Mainstreams. Das hat mir sehr gefallen und dürfte auch viele Eltern beruhigen und ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden.

Neurodivergenz trifft Schule
Saskia erzählt von ihren Erfahrungen mit Schule aus der Sicht einer Mutter und als Lehrkraft. Damit betrachtet sie die Herausforderungen von zwei Seiten, die für beide Seiten wiederum sehr wertvoll sind. Gerade der Schulanfang kann eine große Herausforderung sein. Auch wir standen damals vor der Frage, ob wir die Lehrkräfte über das ADHS unseres älteren Sohnes informieren sollten. Wir hatten uns dafür entschieden, denn wir wollten einen guten Start ermöglichen.
Das Argument, dass die Kinder erst einmal ankommen sollen, damit sich die Lehrkraft selbst ein Bild von dem Kind machen kann, hat Saskia mit einem Satz widerlegt. Sie schreibt, dass sich beides nicht ausschließt. „Eine Diagnose sollte uns (Lehrkräfte) nicht ‚befangen‘ machen. Ich kann von der Neurodivergenz eines Kindes wissen, ihm in der Begleitung direkt entgegenkommen und es dann trotzdem in seinem individuellen Charakter kennenlernen“ (Seite 202).
Offen und wertschätzend miteinander umgehen
Diese Aussage ist eine der wichtigsten in diesem Buch. Zum einen beantwortet es die Frage nach der Transparenz, die sich viele Eltern neurodivergenter Kinder zum Schulanfang aber auch im Schulwechsel stellen. In meinem Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ habe ich einen Text veröffentlicht, den ich in der Mittelstufe allen Lehrkräften zukommen ließ, um sie zu informieren.
Wie auch Saskia in ihrem Buch immer wieder betont, ist ein wertschätzender und zugewandter Austausch zwischen Elternhaus und Schule wichtig, um die Kinder bestmöglich aufzufangen und zu begleiten. Eltern können in ihrer Kommunikation einiges auffangen, um den Beziehungsaufbau zu den Lehrkräften positiv zu gestalten.
Was Lehrkräfte für neurodivergente Kinder und Eltern tun können
Im vorletzten Kapitel „Was neurodivergente Kinder in der Schule brauchen“ wendet sich Saskia an die Lehrkräfte. In unserem Umfeld äußerten sich andere oft verwundert: „Das ist doch selbstverständlich, dass das Kind das tut.“ Nein, so ist es nicht und ich weiß, dass bereits sehr kleine, für andere kaum erkennbare Schritte ein Riesenschritt für mein Kind sind. Meine Antennen sind dafür gut ausgebildet. So kann ich dies wertschätzen und das Kind darin gezielt bestärken, weiterzumachen.
Im Schulkontext bestärkt Saskia Lehrkräfte darin, die Selbstverständlichkeiten im Hinblick auf neurodivergente Kinder zu überdenken:
„Verabschiedet euch von dem, was selbstverständlich erscheint. Das sind Erwartungen, die sich oft in neurotypischen Horizonten bewegen und die Wahrnehmung, die Denkstrukturen und Bedürfnisse von neurodivergenten Kindern leider oft ausgrenzen.“
Saskia Niechzial (Ein Kopf voll Gold, Seite 247)
Wertschätzung und Transparenz in der Schule
Saskia spricht im Schulkontext von der Gestaltung des Schulalltags. Es geht hier um eine wertschätzende und offene Haltung, um eine förderliche Lernumgebung und um kreative Lösungen bei den individuellen Herausforderungen. Ergänzend dazu spricht sie weitere Themen an, wie den Umgang mit Mobbing oder Nachteilsausgleiche.
Besonders hilfreich empfand ich, dass Saskia Hilfsmöglichkeiten von der schulbezogenen Jugendsozialarbeit bis hin zur Beantragung von Pflegegraden erwähnt. Sie gibt wertvolle Tipps für die Hausaufgabengestaltung, die ich mir als Mutter sehnlichst gewünscht hätte. Denn bei uns endeten die Hausaufgaben oft im Chaos.
Ein wertvolles Buch für Eltern und Lehrkräfte
Mit einem positiven und mutmachenden Ausblick darauf, dass wir als Eltern und Lehrkräfte viel für die Stärkung unserer neurodivergenten Kinder tun können, schließt sie ihr Buch ab. Dieses Buch ist für mich ein großartiger Ratgeber, der zu Recht ein Spiegel Bestseller ist. Das wertvolle an diesem Buch ist, dass ich mich stets an der Hand gehalten fühlte. Auch, wenn ich vieles nur im Rückblick nachvollziehen konnte.
Die liebevolle und wertschätzende sowie unaufgeregte Art von Saskia zu formulieren, strahlt Ruhe und Fürsorge aus. Das hat den Effekt, dass es mich als Leserin geöffnet hat. Das ist eine gute Voraussetzung, dass auch Lehrkräfte das Buch mit großem Interesse lesen. Sie dürfen das Gold im Kopf von neurodivergenten Kindern entdecken und entsprechend damit umgehen lernen.
Eigene Erfahrungen machen das Buch echt und lesenswert
Saskia bringt immer wieder ihre eigenen Erfahrungen ein und gibt Tipps, die für den Lesenden hilfreich sind. Das geht von Abläufen und Strukturen bis hin zu konkreten Adressen, an die man sich wenden kann. Ihre Erfahrungen als Mutter, die mit jedem Tag dazulernt und daran glaubt, dass die Kinder irgendwann ihren eigenen Weg selbstbestimmt gehen werden, sind wertvoll.
Natürlich ist ihr Blick als Lehrerin auf dieses Thema besonders gewinnbringend. Denn sie weiß aus erster Hand, wie man neurodivergenten Kinder bestmöglich begegnet, Vertrauen aufbaut und eine Haltung lebt, die sich positiv auf alle Kinder auswirkt. Für mich bleibt nur die Feststellung, das sich mir wünschte, ich hätte dieses Buch schon früher gelesen – aber damals gab es das leider noch nicht.
Als Eltern wächst du in diese außergewöhnlichen Erfahrungen hinein, dieses Buch ist ein wertvoller Begleiter.

Ein Kopf voll Gold - Was neurodivergente Kinder brauchen und wie wir sie stärken können. Von Saskia Niechzial.
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