Kürzlich stolperte ich über einen Insta-Beitrag von @psycho_simon. Er fragte: „Seit wann ist Pädagogik eine Zusatzaufgabe von Lehrkräften?“ Ich horchte auf, denn Pädagogik ist doch eigentlich die Grundlage jeglicher Lehrarbeit und steht naturgemäß außer Frage. Doch in der Realität erhält Pädagogik anscheinend nicht die Rolle, die ihr gebührt. Daher geht es in meinem heutigen Artikel um die Rolle von Beziehungsarbeit in der Schule. Dabei kläre ich, warum sie für Hochbegabte wichtig ist.
Die Rolle von Pädagogik als Erziehungswissenschaft
Nähern wir uns zunächst den Begrifflichkeiten an, die so selbstverständlich erscheinen. Pädagogik durchzieht das gesamte Lehramtsstudium und wird unter dem Begriff „Erziehungswissenschaften“ geführt. Ein näherer Blick auf die Definition soll noch einmal für die wichtigste Aufgabe von Lehrkräften sensibilisieren, was sicher auch für Eltern interessant ist.
Pädagogik beschäftigt sich allgemein mit der Frage, wie Menschen lernen. Es geht um die Gestaltung von Lernprozessen und den Rahmenbedingungen dafür. Es sind drei Bereiche, die hier aufgegriffen werden: die Beziehungsgestaltung, Erziehungsaufgaben und die Entwicklung der ganzen Person.
Pädagogik erhöht die Wirksamkeit von Didaktik
Daneben gibt es noch die Didaktik. Sie ist die Lehre vom Unterrichten und beinhaltet Methoden, Inhalte und Strukturen des Lehrens und Lernens. In der Praxis meinen wir damit Leistungen, Noten und die Erfüllung des Lehrplans. Also die Vermittlung und das Feststellen von Wissen.
Ob Didaktik ein Teil der Pädagogik ist oder nicht, ist in der Wissenschaft nicht eindeutig geklärt. Es ist eine Frage der Definitionen und hier gibt es unterschiedliche, wissenschaftliche Meinungen. Daher würde ich aus meiner Sicht die Beziehung der beiden Bereiche wie folgt definieren:
Pädagogik ist die Grundlage, damit Didaktik wirksam werden kann.
- Pädagogik = Beziehungsgestaltung, Erziehungsaufgaben, Entwicklung der ganzen Person
- Didaktik = methodisch-technisches Feld zur Wissensvermittlung
Der Fokus in der Schule liegt auf der Wissensvermittlung
Somit wird die Pädagogik aufgewertet als wertvolle und unbedingt notwendige Basis allen Lernens. Wenn da nicht das Problem der Bewertbarkeit wäre. In unserem Schulsystem wird nur eins gemessen, nämlich die Leistung. Es zählt, was die Schülerinnen und Schüler unter ihren Klassenarbeiten stehen haben, wie sie sich mündlich beteiligen, was die Zeugnisse aussagen und welche Abschlüsse erreicht werden.
Das alles gilt als Schlüssel und unbedingte Voraussetzung für die Zukunft. Mit einem Abschluss kann ich eine Ausbildung machen oder studieren. Er ist ein Türöffner für den weiteren Weg. Die Zeugnisse beweisen reines Wissen, aber nicht Kompetenzen und Fertigkeiten. Selbstregulation, Selbstreflexion, Selbstorganisation, Selbststeuerung, ein positives Mindset, die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten, Hinterfragen und vieles mehr fallen dabei hinten runter. Die Vermittlung dessen ist Aufgabe der Pädagogik.
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Ist Pädagogik eine Zusatzaufgabe von Lehrkräften?
Kein Wunder also, dass die Frage entsteht, die @psycho_simon formuliert hat. Ich wiederhole sie noch einmal an dieser Stelle: „Seit wann ist Pädagogik eine Zusatzaufgabe von Lehrkräften?“ Ehrlich gesagt macht mich diese Frage traurig und erschüttert mich gleichzeitig. Denn wenn sie so formuliert wird, heißt das, dass viele Lehrkräfte den Bezug dazu verloren haben müssen.
Ein Blick in die Schulen genügt jedoch, um dies zu verstehen. Volle Lehrpläne, die erfüllt werden müssen, Superdiversität in den Klassen, marode Schulgebäude, mangelnde Digitalisierung, Bürokratie, zahlreiche Zusatzaufgaben und vieles mehr. Kein Wunder, dass der Fokus auf das vermeintlich Wichtigste gelenkt wird: Die Übermittlung von Wissen, um den Prüfungen standzuhalten.
In kritischen PISA-Zeiten liegt der Fokus auf Leistungen
Dabei ist das nicht allein eine Forderung von Lehrkräften, sondern auch der Eltern. Sie wollen für ihre Kinder das Beste, nämlich gute Noten und einen möglichst guten Abschluss. Die sinkenden Werte der PISA-Erhebungen sitzen dabei im Nacken und die Befürchtung ist groß, den internationalen Anschluss zu verlieren. Was wird also getan? Der Fokus seitens der Politik wird noch mehr auf Leistung gelegt.
Alles andere ist Beiwerk, wird selten thematisiert und gerät so aus dem Blick. Pädagogik wird zur Zusatzaufgabe, denn dafür ist wenig Zeit. Das macht die Frage von @psycho_simon verständlich. An dieser Stelle muss ich an das Buch von Kristin van der Meer denken „Heute Kind – morgen stark“. Während früher noch Werte wie Fleiß, Ordnung, Anpassungsfähigkeit oder Disziplin wichtig waren, so sind es heute Resilienz, Optimismus, kreatives Problemlösen und flexibles Denken.

Das empfiehlt die Kultusministerkonferenz zur Pädagogik
Erziehungsarbeit ist für die Kultusministerkonferenz (KMK) eine wichtige Kernkompetenz, welche die Wissensvermittlung begleitet. In ihrer Bremer Erklärung aus dem Jahr 2000 haben sie festgehalten: „Schülerinnen und Schüler müssen spüren, dass ihre Lehrerinnen und Lehrer ‚ein Herz‘ für sie haben, sich für ihre individuellen Lebensbedingungen und Lernmöglichkeiten interessieren und sie entsprechend fördern und motivieren, sie fordern aber nicht überfordern. Verantwortung, Bereitschaft und glaubwürdiges Handeln aller Lehrerinnen und Lehrer auch für ein gutes Schulklima und ein partnerschaftliches Schulleben sind dafür förderliche Voraussetzungen“. (Quelle)
Im Jahr 2004 wurde dies wie folgt zusammengefasst: „Lehrerinnen und Lehrer sind sich bewusst, dass die Erziehungsaufgabe in der Schule eng mit dem Unterricht und dem Schulleben verknüpft ist. (…) Lernen, Entwicklung und Sozialisation – also Lernprozesse von Kindern und Jugendlichen innerhalb und außerhalb von Schule – sowie Leistungs- und Lernmotivation, also motivationale Grundlagen der Lern-, Leistungs- und Kompetenzentwicklung.“ (Quelle)
Von der Erziehungsaufgabe zur pädagogischen Beziehungsarbeit
Wir wissen, dass die KMK lediglich Empfehlungen aussprechen darf. Fest steht leider auch, dass diese Forderungen, wie sie hier ausdrücklich genannt sind, in der Praxis oft vernachlässigt werden. Das Argument vieler Lehrkräfte ist dabei: „Wir haben so viele Aufgaben, für Beziehungsarbeit bleibt da keine Zeit mehr.“ Das ist nachvollziehbar, aber es sorgt dafür, dass viele Schülerinnen und Schüler auf der Strecke bleiben.
Zunächst beginnt die pädagogische Beziehungsarbeit bei der eigenen Haltung. Was denke ich von meinen Lernenden? Fühle ich mich genervt und überfordert? Was sind die Gründe dafür? Was kann ich tun, um mit kleinen Gesten Beziehungen zu verbessern? Eine positive Haltung beginnt mit Selbstreflexion. Wenn Lehrkräfte verstehen, dass sie Dinge eigenverantwortlich verändern können, ist das der erste Schritt.

Pädagogische Erziehungsarbeit beginnt im Kleinen
Es geht nicht darum, alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen, sondern kleine Stellschrauben zu verändern und zu beobachten, was passiert. Manchmal ist es ein Lächeln, ein High-Five, oder ein kurzes Gespräch auf dem Flur mit der Frage: „Wie geht es dir heute?“ Es ist das Wahrnehmen und das echte Interesse. Das Verständnis am anderen Menschen, das Hinhören und die Wertschätzung. Das sind für mich die ersten Schritte in der pädagogischen Beziehungsarbeit.
Was groß klingt, darf im Kleinen beginnen. Dazu gehört auch das bewusste Wahrnehmen der Reaktionen darauf. Wie reagiert mein Gegenüber? Sehe ich das Lächeln oder die Überraschung? Was kann ich zurückspiegeln? Was lerne ich daraus und wie geht es mir selbst dabei? Das ist Pädagogik für mich im Ursprung. Alles andere darf daraus entstehen.
Alarmierende Quoten von Schulabstinenz und Schulabbrechern
Leider geht auch das oftmals im Rauschen des Schulalltags unter. Wenn der Lehrplan ruft, die nächste Klassenarbeit ansteht, der Ärger in der Klasse groß ist, ich selbst frustriert oder genervt bin, dann wird es schwer. Was beginnt, ist ein Teufelskreis. Denn Lernen braucht Beziehung. Erst dann ist Leistung so richtig wirksam. Fehlt die Beziehung, gelingt Leistung weniger. So gesehen befinden wir uns in einer Abwärtsspirale der Bildung.
Das wird besonders deutlich, wenn wir uns die Zahlen von Schulabstinenz und Schulabbrechern anschauen, die Jahr zu Jahr ansteigen. Richten wir unser Augenmerk auf die Superdiversität, wird deutlich, welchen Herausforderungen Lehrkräfte gegenüberstehen. Die Klassen sind heterogen und durchzogen von Sprachbarrieren, unterschiedliche Kulturen aber auch Neurodivergenzen. Wie sollen Lehrkräfte hier alles unter einen Hut bringen, wenn sich das Schulsystem doch so gar nicht an diese neuen Begebenheiten angepasst hat.
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Beziehungsarbeit ist für Hochbegabte wichtig
Hochbegabung gehört zu den Neurodivergenzen. Dass sie von vielen Lehrkräften als Luxusproblem angesehen wird, erleichtert die Situation für diese Kinder und Jugendlichen leider nicht. „Hochbegabte kommen leicht durch die Schule“ ist da ein gängiges Denkmuster. Das ist ein großer Irrglaube, der den Betroffenen und den Familien das Leben unnötig erschwert.
Hochbegabte verfügen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und sind oft hochsensitiv. Gerade sie profitieren von einer gelebten Beziehungsarbeit, denn sie fühlen sich oft fehl am Platz oder nicht zugehörig. Ist diese Grundstimmung im Selbstwert gestört, fehlt ihnen ein wichtiges Element, um ihr Potenzial zu entfalten. Ganz oft braucht es flexible und kreative Lösungen, um ihre intrinsische Motivation zu wecken.
Hochbegabte Kinder reagieren schneller auf Ungerechtigkeiten
Wenn sie allein gelassen werden im Glauben, dass ihnen eh alles gelingt, gehen sie unter und können in ein Underachievement rutschen. Betrachten wir die Bedürfnisse von Hochbegabten, wird der Zusammenhang von Pädagogik und Didaktik noch deutlicher. Ist die Beziehungsebene gestört, findet kaum statt, kippt oder gerät sie durch eine ungerechte Behandlung in Schieflage, sind diese Kinder immer weniger gewillt, Leistung zu zeigen.
Glaubt jedoch eine Lehrkraft an das Kind, fühlt es sich gesehen, ernst genommen, gefördert und gefordert, dann kann ein unbändiger Leistungswille daraus entstehen. Beide Seiten haben wir bei unserem jüngeren Sohn erlebt. Leider hat die negative Seite überwogen, sodass er letztlich den Schulbesuch verweigert hat.
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Reaktion von Hochbegabte n und Neurodivergenten als Frühwarnsystem
Dass hochbegabte und neurodivergente Kinder im Schulsystem nicht mehr zu funktionieren scheinen, könnte als eine Art Frühwarnsystem gedeutet werden. So hat es Corina Elfe in ihrem Buch „Kinder, die durchs Raster fallen“ (Werbung) beschrieben. Beginnen diese Kinder zu verweigern, könnte das ein starker Hinweis auf eine Schieflage in der Klassengemeinschaft oder in der Schule sein. Hier gilt es wachsam zu sein, hinzuschauen und zu überlegen, wie ich als Lehrkraft die Situation verbessern kann.
Letztendlich gilt, dass die Maßnahmen der pädagogischen Beziehungsarbeit, sich positiv auf alle Schülerinnen und Schüler auswirken. Es gibt sogar neurodivergente Lehrkräfte, die ihren Schulalltag komplett an neurodivergenten Kindern ausrichten und das als großen Gewinn für alle sehen. Es braucht also einen Wechsel des Blickwinkels.
Warum Pädagogik eine notwendige Basis in der Schule ist
Ich komme noch einmal zu der Frage zurück, die Simon gestellt hat: „Seit wann ist Pädagogik eine Zusatzaufgabe von Lehrkräften?“ Für mich ist die Antwort klar und so habe ich es auch unter seinem Beitrag kommentiert. Wissen wird bewertet, Schulabschlüsse dienen als Eintrittskarte in das berufliche Leben. Das ist das Ziel, welches alle verfolgen. Beziehungsarbeit hingegen wird nicht bewertet. Sie findet einfach statt, oder eben nicht. Es obliegt jeder Lehrkraft, die Entscheidung dafür oder dagegen zu fällen. Es wird nicht überprüft.
Die Aufgaben der Pädagogik sind Beziehungsgestaltung, Erziehungsaufgaben und die Entwicklung der ganzen Person. Dazu gehören das ganzheitliche Wahrnehmen der Bedürfnisse, die Haltung von Lehrkräften sowie das Begleiten in der persönlichen Entwicklung in Richtung Selbstorganisation, Selbststeuerung und Selbstregulation.

Das Wohlbefinden von Kindern sollte eine Grundlage in der Bildung sein
Wie du vielleicht weißt, haben wir eine Geschichte mit Hochbegabung und Herausforderungen in der Schule - bis hin zur Schulverweigerung. Bei den Diagnostiken wurden wir stets gefragt, was wir uns für unsere Kinder wünschen. Meine Worte waren immer gleich: „Ich wünsche mir, dass mein Kind irgendwann seine Interessen leben kann, einen Beruf findet, den es erfüllt, glücklich ist und gut leben kann“.
Was ich aber unbedingt betonen möchte: Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich weiß, dass es viele Lehrkräfte gibt, die Beziehungsarbeit in den Fokus stellen. Sie wissen, dass sich Schule verändert und geben ihre Arbeit auf den sozialen Medien weiter, um andere Lehrkräfte zu inspirieren. Daher möchte ich meine Ausführungen bitte nicht als Verallgemeinerung verstanden wissen.
Was ich mir als Mutter für unsere Kinder wünsche
Mein Aufruf an die Lehrkräfte: Ich wünsche mir, dass ihr öfter innehaltet, beobachtet, wahrnehmt und den ersten Schritt macht, eine gute Beziehung zu euren Schülerinnen und Schülern aufzubauen und diese immer wieder zu reflektieren.
Mein Aufruf an die Eltern lautet: Leistungen sind die eine Sache. Aber auch wir dürfen unseren Fokus mehr auf die Beziehungen lenken. Das beginnt bei wertschätzenden Elterngesprächen in der Schule und endet in der individuellen Sicht auf Leistung. Ein Kind wird nicht nur darüber definiert, sondern über viele Dinge mehr. Daher darf der Fokus neben der Leistungserbringung auf das gelegt werden, was sie auch persönlich in ihrem Leben weiterbringt. Es ist auch eure Haltung, die entscheidet.

5 Möglichkeiten, wie du 2026 mit mir arbeiten kannst!
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich möchte etwas bewirken, was die Themen Hochbegabung und Underachievement angeht. Aus diesem Grund habe ich Angebote definiert, wie du mit mir zusammenarbeiten kannst.
Wenn du Elternteil bist oder (angehende) Lehrkraft und mehr über die Themen Hochbegabung und Underachievement erfahren möchtest schau gerne direkt hier:

















