Letzte Woche habe ich einen Artikel geschrieben über Hochbegabtenförderung im 5-Länder-Vergleich. Ich war sehr angetan von den Voraussetzungen in der Schweiz, in Österreich und in Finnland. Das stimmte mich hoffnungsvoll, denn meine Intention war, dies zu thematisieren, um für Deutschland Impulse zu geben. Nachdem ich den Artikel auf Social Media veröffentlicht hatte, kamen die ersten Kommentare von Eltern. Diese ernüchterten und frustrierten mich. Das hat mich dazu bewogen, diesen Folgeartikel zu schreiben. Denn nicht alles ist Gold, was glänzt. Aber es gibt trotzdem etwas, was wir tun können, um hochbegabte Kinder und Jugendliche im schulischen Alltag besser aufzufangen.
Begabungsförderung im Ländervergleich, wenn Theorie auf Praxis trifft
Bevor wir ins Detail gehen, möchte ich anmerken, dass diesem Artikel keine wissenschaftliche Erhebung oder eine Umfrage zugrunde liegt. Es gibt immer Familien, die positive Erfahrungen machen und andere, die Negatives berichten. Daher sind die geschilderten Eindrücke Einzelaussagen, die aufhorchen lassen.
Was ich immer wieder betone, ist, dass Systeme aus Menschen gemacht sind. Jeder Einzelne bringt seine eigenen Erfahrungen, Prägungen und Geschichten mit. Diese beeinflussen persönliche Meinungen und Einstellungen. Natürlich auch zu Hochbegabung und dessen Merkmale. Das betrifft Lehrkräfte, Bildungsverantwortliche und Eltern.
Bullshit-Bingo "Hochbegabung” für genervte Eltern und neugierige Lehrkräfte.
Nie mehr sprachlos: 24 Mythen über Hochbegabung und ihre Auflösung.
Was Eltern wirklich erleben — Stimmen aus der Praxis
Wie ich aus den Kommentaren entnommen habe, gibt es auch in den Ländern, in denen eine Hochbegabtenförderung bzw. eine Begabtenförderung vorbildlich gestaltet ist, Vorurteile gegenüber Hochbegabung. Das macht auch vor staatlich vorbildlichen Systemen nicht halt.
Österreich hat das ÖZBF, eine institutionelle Verantwortung, einen Masterstudiengang in Gifted Education. Zudem ist die Begabtenförderung ein Pflichtthema im Lehramtsstudium – anders als in Deutschland. Die Voraussetzungen, dass das Thema staatlich als wichtig erachtet wird, sind in Österreich also gegeben,
Wenn die Hochbegabung besser verheimlicht werden soll
Dennoch berichten Eltern nach Beratungsgesprächen im österreichischen Ministerium von Empfehlungen, dass die Kinder nichts von ihrer Hochbegabung in der Schule erzählen sollen. Der Grund ist, dass mehrere Fälle vorlägen, in denen die Kinder danach die Schule wechseln mussten, weil sie von den Lehrkräften gemobbt wurden. Andere Eltern bestätigten, dass zwar vieles auf dem Papier stünde, aber die Realität anders aussähe. Ein Zitat bringt es auf den Punkt: „In Österreich meidet man den Begriff ,Hochbegabt‘ beinahe wie der Teufel das Weihwasser.“
In diesem Zusammenhang wird für Österreich die theoretische Grundlage kritisiert, die der Begabungsförderung zugrunde liegt. In meinem Ländervergleich-Artikel schrieb ich in Bezug auf Deutschland: „Je enger der Begriff der Begabung gedacht wird, desto mehr Kinder fallen durchs Raster.' Doch dieser Gedanke funktioniert auch in die andere Richtung.“
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
In meinem Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich" kannst du mehr über all die Herausforderungen, die wir bewältigen mussten, erfahren.
Bei Amazon - oder im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3982620169

Exkurs: Wenn alle hochbegabt sind — ist dann keiner mehr hochbegabt?
Denn der Satz gilt auch umgekehrt: Je weiter der Begriff der Begabung gedacht wird, desto mehr verwischt die Grenze und desto schwieriger wird es, gezielt denen zu helfen, die es am dringendsten brauchen. Daher hatte ich die Begabungsförderung, wie sie in Österreich offener gedacht wird, zunächst positiv bewertet
Aber ein Kommentar eines Elternteils hat mich nachdenklich gemacht. Es kritisiert die theoretische Grundlage der österreichischen Begabungsförderung, vor allem Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen. Weitere Grundlagen-Modelle in der Ausbildung sind Renzullis Drei-Ringe-Modell und das Münchner Hochbegabungsmodell und den daraus resultierenden breiten Begabungsbegriff.
Howard Gardner und Gerald Hüther argumentieren ähnlich
Howard Gardner ist ein amerikanischer Entwicklungspsychologe, der 1983 statt eines einheitlichen IQ-Werts mehrere voneinander unabhängige Intelligenzen beschrieb: sprachlich, logisch-mathematisch, musikalisch, räumlich, körperlich-kinästhetisch, interpersonal, intrapersonal und naturalistisch. Für die Pädagogik war das eine Revolution, denn damit stand fest, dass jedes Kind irgendwie begabt ist und man nur herausfinden müsse, worin.
Ähnlich argumentiert der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther in seinem viel gelesenen Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“. Er sagt, dass Begabung durch Begeisterung und das richtige Umfeld entsteht, nicht durch Gene oder einen IQ-Wert. Beide Ansätze sind gut gemeint und natürlich ist es wichtig und richtig, dass bei jedem Kind auf die Potenziale geschaut wird.
Potenzial und Intelligenz unterscheiden sich
Doch Potenzial und Intelligenz sind zwei unterschiedliche Begrifflichkeiten. Das Potenzial beschreibt die Möglichkeit, die Intelligenz die messbare kognitive Leistungsfähigkeit. Kognitionswissenschaftler und Begabungsforscher kritisieren zudem, dass Gardners multiple Intelligenzen empirisch nicht klar voneinander trennbar sind und dass der klassische g-Faktor (general intelligence) nach wie vor der robusteste Prädiktor für schulischen und beruflichen Erfolg ist.
Dazu kommt, dass für hochbegabte Kinder diese Entwicklung einen Haken hat. Denn wenn Begabung (oder sogar Hochbegabung) als universelles Merkmal aller Kinder verstanden wird, entsteht kein Anspruch auf gezielte Förderung für Kinder mit sehr hohem IQ. Die Hochbegabung verliert als Diagnosekriterium seine Legitimität.
Ich habe mich mit dem Buchtitel von Gerhard Hüther auseinandergesetzt und dazu ein Video aufgenommen, welches du dir hier anschauen kannst:
Fördern multiprofessionelle Teams begabte Kinder?
Ein breiter Begabungsbegriff, wie ihn Gardner oder Hüther präferieren, schließt also alle ein und steht damit im Gegensatz zu einem gezielten Förderverständnis. Wer nur den breiten Begriff der Begabung kennt und danach handelt, übersieht die Kinder, die ihn am dringendsten brauchen.
Aber schauen wir in die nordischen Länder. Hier hatte ich in meinem Vorgängerartikel Finnland als Vorbildland erwähnt. Hier gibt es multiprofessionelle Teams in den Schulen, es existiert eine andere Haltung den Kindern und Jugendlichen gegenüber und es erfolgt ein ganzheitlicher Blick auf die Schülerinnen und Schüler. Doch ist das wirklich so positiv für Hochbegabte?
Jedes Kind ist gleich – diese Haltung verhindert Hochbegabtenförderung
Auch dazu erreichte mich eine Meinung. Denn die Haltung wird wohl in den nordischen Ländern so ausgelegt, dass jedes Kind gleich ist. Eltern berichten, dass gerade wegen der gelebten Gleichheit hochbegabte und auch höchstbegabte Kinder leiden, weil sie eben nicht individuell oberhalb der Norm gefördert werden. Besondere Förderungen würden dort als unfair gegenüber den anderen empfunden.
Diesen Einblick fand ich sehr aufschlussreich. Denn ich hatte gehofft, dass mit dem ganzheitlichen Blick auf das Kind auch eine Individualisierung im Unterricht stattfindet, gemäß des Beispiels der Alemannenschule Wutöschingen. Aber so ist es wohl nicht. Auch in Finnland gibt es den klassischen Frontalunterricht, wenn er auch weniger hierarchisch gelebt wird. Zudem entscheiden Lehrkräfte, Schulen sowie Städte und Gemeinden selbst, was unterrichtet wird und wie. Lies hier mehr darüber.
Werbung
Für mehr Selbstwertgefühl von Kindern:
"Ein Baumhaus zum Träumen". Ich habe ein Buch für die perfekte Abendroutine für (hochsensible) Kinder mit Traumreisen geschrieben.
Vorlesebuch für Kinder ab 4 Jahren - bei Amazon.
Auch als Hörbuch hier erhältlich. (selbst von mir eingesprochen)

Schließen wir die Lücke in der Hochbegabtenförderung
Aus der Schweiz habe ich leider keine Eindrücke sammeln dürfen. Möchtest du deine Erfahrungen dazu beitragen, schreibe es gerne in die Kommentare. Es interessiert mich sehr! Wie oben schon beschrieben hatte ich nach dem Ländervergleich-Artikel erwartet, dass wir Eltern aufatmen können. Dass wir die Hoffnung haben im Wissen, dass es bei unseren deutschsprachigen Nachbarn besser läuft und wir auch gute Ansätze aus Finnland haben.
Stattdessen kam das, was ich hätte ahnen müssen. Auch anderswo ist es schwer. Denn es kommt wie gesagt immer auf die Menschen und ihre Haltung zu Hochbegabung an. Auch in anderen Ländern kämpfen Eltern, weil ihre hochbegabten Kinder übersehen oder sogar stigmatisiert werden. Im Ernst, das hat mich erst einmal frustriert.
Der erste Schritt zum Umdenken über Hochbegabung ist wichtig
Das grundlegende Problem sitzt viel tiefer Gesetze und Institutionen. Es sitzt in den Köpfen und in den Vorurteilen. Es ist wohl ein natürlicher Reflex, ein Kind, das nicht leistet, als faul oder unfähig abzustempeln. Selten vermutet jemand andere Ursachen, wie eine Resignation bei Hochbegabung (Underachievement), die nicht mehr aushaltbar wird.
Trotzdem bin ich zuversichtlich. Mit jedem Blogartikel, mit jedem Social Media Post und mit jeder Lesung und Workshop setze ich mich dafür ein, diese Vorstellungen zu ändern. Ich bin eine Mutter, die ermutigt, für die Kinder zu kämpfen. Die ermutigt, umzudenken und genauer hinzuschauen. Manchmal braucht es nur jemanden, der den ersten Schritt macht. Hochbegabte Kinder tragen ein großes Potenzial in sich, das in der richtigen Umgebung zum Blühen kommt.
Dranbleiben – es lohnt sich für unsere Kinder
Und ja, manchmal braucht es viel zu lange, bis sie diese Umgebung finden. So bringt es eine Mutter auf den Punkt, die in den Kommentaren auch ihre Geschichte erzählt hat. Sie erzählt von ihrem Sohn, der verschiedene Klassenstufen in der Mittelstufe übersprungen hat und als Frühstudent bereits während der Schulzeit das erste Semester erfolgreich abgeschlossen hat.
Sie schreibt: „Stellt euch auf die Hinterfüße, ruft im Ministerium an, fragt die Ministerialbeamten eures Bezirks. Es gibt viel mehr Förderungsoptionen als die Schulen rausgeben.“ Dranbleiben ist das Geheimnis. Sie geht als gutes Beispiel voran und ich wünsche mir, dass ihr viele folgen. Für unsere Kinder.

Buche jetzt deinen Impuls-Call: 45 Minuten Orientierung für dich
Du fühlst dich gerade allein mit der Situation, mit Konflikten in der Schule und einem Kind, das leidet? Du hast das Gefühl, dass weder Lehrkräfte noch Freunde oder Verwandte wirklich verstehen, was in eurer Familie gerade los ist?
Du bist nicht allein.



















