Nach dem sehr interessanten und aufschlussreichen Bildungsforum vision@schule in Wetzlar folgte direkt die nächste Bildungsmesse. Am 12. Oktober 2026 fuhr ich also nach Kamen zum 5. Kamener Schulgespräch. Ich hatte dort einen Stand mit Informationen zu Hochbegabung und Underachievement und freute mich schon sehr auf die Vorträge, die dort stattfinden sollten. Daniel Füller und Alexandra Grund sorgten wieder einmal für eine grandiose Veranstaltung unter dem Motto: Gemeinsam machen WIR schule besser.
Eine Bildungsmesse sorgt für einen regen Austausch
Ab 16 Uhr waren die Türen für die Bildungsmesse geöffnet. Gut 200 Lehrkräfte informierten sich über Themen rund um Schule. Von Mobbingprävention über Neurodivergenzen, Lernplattformen, Organisations- und Schulentwicklung, Unterrichtsmaterialien bis hin zur Gewerkschaft und Musikangeboten gab es vielfältige Informationen.
Für mich war es sehr schön, bereits beim Aufbau viele bekannte Gesichter aus den letzten Bildungsforen wiederzusehen. Da waren Lars und Till von den Minimusikern, Janina von Stressless Lehrerleben, Sebastian von Krüger Trainings, Daria vom Elternnetzwerk Neurodivergenz und Daria von Ixplainia. Ebenfalls genoss ich die Gespräche mit Jonas von edutwist, Sascha von schule.reoaded, Susanne von Zaubereinmaleins, Lina von Lerngelegenheit, Erik Grundmann, Steven Bauer und vielen mehr.
Mein Stand zu Hochbegabung und Underachievement
Ich hatte meinen Stand aufgebaut und stand für Fragen zur Verfügung. Viele Lehrkräfte kamen zu mir und informierten sich über das in diesen Kreisen doch oft vorurteilsbehaftete Thema Hochbegabung und Underachievement. „Die meisten sprachen mich an, weil sie selbst hochbegabte Kinder haben, weil ein Kollege ein hochbegabtes Kind in der Klasse hat oder weil sie Informationen für Eltern suchten.
Spannend war der erste Satz, den ich immer wieder hörte: „Ja, das ist ja ein wichtiges Thema“. Das freute mich ganz besonders. Denn ich nehme immer mehr wahr, auch bei solchen Veranstaltungen, dass das Thema Hochbegabung und die besonderen Herausforderungen damit in der Schule immer präsenter wird. Wenn ich dazu beitragen darf, dass sich Vorurteile abbauen und Lehrkräfte den Blick dafür öffnen, dann freut und ehrt mich das sehr.
Bullshit-Bingo "Hochbegabung” für genervte Eltern und neugierige Lehrkräfte.
Nie mehr sprachlos: 24 Mythen über Hochbegabung und ihre Auflösung.
Drei Vorträge mit berührenden Inhalten beim 5. Kamener Schulgespräch
Nach zwei Stunden begannen die Vorträge. Alexandra und Daniel hatten hochkarätige Speaker und höchst unterschiedliche Themen zusammengestellt. Ich fand die Mischung perfekt. Die Moderation übernahm Raphael Krisch von „einfach krisenfest“. Mit Humor führte er gekonnt wie immer durch das Programm und gab den einen oder anderen Impuls aus seiner Arbeit mit.
Prof. Dr. Ferdinand Stebner: selbstreguliertes Lernen als Kompetenz
Ich durfte Ferdinand bereits bei vision@schule erleben und war sehr gespannt auf seinen Vortrag. Er grenzte zunächst das selbstregulierte Lernen als Grundkompetenz von den Unterrichtsformen des selbstgesteuerten und selbstorganisierten Lernens ab. Tatsächlich gibt es Lehrkräfte, die nach einer Woche selbstorganisierten Lernens das Experiment abbrechen und sagen: „Das funktioniert bei uns nicht“.
Daher betonte Ferdinand, dass Selbstregulation der Schlüssel sei und dass sie begleitet werden müsse. Das gelte für Kinder, aber auch für Lehrkräfte selbst. Als Beispiel führte er „Zähneputzen“ an. Hier brauche ich auch eine Strategie. Wichtig sei nicht, welche ich nutze, sondern nur, dass ich sie gut anwende. Ich muss mir ein Ziel setzen, Ablenkung vermeiden, die Strategie anwenden und schließlich reflektieren. Selbstreguliertes Lernen sei nichts anderes. Das Risiko sei jedoch, dass die Kinder zu früh und ohne das Rüstzeug des selbstregulierten Lernens in offene Systeme geschickt werden.

Strategienutzung, Anstrengungsbereitschaft und Wohlbefinden in der Schule
In seinen Untersuchungen als Professor für Bildungsforschung an der Universität Osnabrück hat Ferdinand gemessen, dass die Strategienutzung in der weiterführenden Schule abnimmt. Es gibt einen regelrechten Bruch nach der vierten Klasse. Meine Fragen dazu: Woher kommt dieser Bruch? Und gibt es ihn auch an Gemeinschaftsschulen, an denen die Kinder nach der vierten Klasse nicht wechseln? Vielleicht können wir das irgendwann einmal klären.
Interessant fand ich seinen Ansatz zur Anstrengung. Wenn diese als solche wahrgenommen wird, dann wird sie oft vermieden. Aber es braucht eine gesunde Haltung und ein Verständnis dafür, damit sich die Anstrengungsbereitschaft gut entwickeln kann. Abschließend zeigte er Ergebnisse von Metaanalysen zum Wohlbefinden von Kindern in der Schule. Ein Zusammenhang mit besseren Leistungen sei erkennbar. Allerdings handelt es sich um eine Korrelation: Ob das Wohlbefinden die Leistung fördert oder gute Leistungen das Wohlbefinden steigern, lässt sich daraus nicht final ablesen.
Sebastian Kurtenbach: Kinder – Minderheit ohne Schutz
Der zweite Vortrag bewegte sich weniger im Kontext Schule. Er stellte die besondere Situation der Kinder in unserer Bevölkerung in den Mittelpunkt. Sebastian Kurtenbach ist Professor an der FH Münster und Autor des Buches „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ (Werbung), welches er gemeinsam mit Aladin El-Mafaalani und Klaus Peter Strohmeier geschrieben hat.
Sebastian Kurtenbach beschrieb eine Jugend, die zunehmend spürt: Auf meine Stimme kommt es nicht an. Das alte Versprechen „Wohlstand durch Bildung“ klingt für die nachkommende Generation hohl. Dahinter steht eine deutliche demografische Schieflage. Diese Zahlen haben mich besonders aufhorchen lassen: Heute leben doppelt so viele 60-Jährige wie 6-Jährige in Deutschland, und 58,7 Prozent der Wahlberechtigten sind älter als 50. Die Zukunft wird also vor allem von denen bestimmt, die sie am wenigsten erleben werden.

Superdiversität in Klassenzimmern verlangt neue Lösungen in Schule
Sebastian kritisiert, dass wir uns oft mehr mit Organisationen beschäftigen als mit Kindern. Die eigentliche Frage lautet für ihn: Wie können wir die heutige Superdiversität als Stärke nutzen? Auch Ungleichheit sieht heute anders aus als früher. Neue Lebensrealitäten wie hybrides Aufwachsen oder Digitalität sollten wir deshalb erst anerkennen und dann problematisieren. Weil Kinder inzwischen mehr Zeit im Klassenzimmer verbringen als im Kinderzimmer, gewinnt die Schule als Lebensort enorm an Bedeutung.
Besonders wichtig sei eine einfache Frage an Kinder in der Schule: Gibt es einen Erwachsenen, dem du wichtig bist? Wenn ein Kind diese Frage mit Ja beantworten kann, steigen Leistungsbereitschaft und Leistung. Entscheidend ist also, wie wir in Schulen miteinander umgehen. Eine Möglichkeit ist, Kindheit vielfältiger zu gestalten. Besonders der Erfahrungsschatz der älteren Generation lässt sich nutzen, etwa durch Lesepatenschaften. Gleichzeitig fordert er radikale Partizipation für Kinder, damit sie Selbstwirksamkeit erleben, statt nur verwaltet zu werden. Seine politische Konsequenz daraus: Kinderrechte gehören ins Grundgesetz.
Sandra Scheffel: Schulleiterin einer Gewinnerschule des Deutschen Schulpreises
Sandra ist meine Heldin des Abends. Sie stand irgendwann vor der Entscheidung: „Entweder ich gebe meinen Job auf, oder ich verändere hier etwas radikal“. Sie hat sich glücklicherweise für Veränderung entschieden. Denn sie sagt: Wir müssen die Kinder in den Mittelpunkt stellen. Wir müssen schauen, wie sie am besten lernen wollen und können, anstatt sie in eine Organisationsstruktur zu pressen, die wir Erwachsene vorgeben.
In ihrem Vortrag zeigt Sandra, Schulleiterin der Maria-Leo-Grundschule Berlin, wie eine Schule ihre Organisation grundlegend verändern kann. Ihr Ausgangspunkt ist, dass Haltung, Strukturen und Lernen zusammengehören. Deshalb müssen sich die Strukturen am Lernen ausrichten und nicht umgekehrt. Ihr zentraler Satz lautet: Nicht die Heterogenität in den Klassen ist das Problem, sondern die Strukturen. Daraus folgt die Frage, die sich jede Schule stellen sollte: Wem dient unsere Struktur eigentlich?

Pädagogische Haltung braucht Zeit, Raum, Teams und klar verteilte Verantwortung
Ressourcen geben die Rahmenbedingungen vor, doch wie eine Schule sich organisiert, ist ihre eigene Entscheidung. Konkret hat sie dies wie folgt umgesetzt: sechs kleine Schulen unter dem Dach eines großen Lernhauses, jeweils mit multiprofessionellen Teams. Die Gruppen sind klein und die Kinder haben nur wenige Ansprechpersonen. So können alle zusammenwachsen und echte Beziehungen aufbauen.
Die Pädagoginnen und Pädagogen arbeiten autonom. Ihre Aufgabe ist es, Bildungsprozesse zu begleiten, und dafür ist der Weg zweitrangig. Diese Freiheit fördert Selbstwirksamkeit, bei den Erwachsenen wie bei den Kindern. Ein guter Stundenplan verteilt deshalb vor allem Möglichkeiten. Statt fester Klassen arbeitet die Schule mit Niveaustufen, die sich nach dem jeweiligen Anspruch richten. Beim selbstregulierten Lernen gilt dabei: Freiheit muss man lernen dürfen. Mit diesem Satz schließt sich der Kreis zu Ferdinands Vortrag.
Abschlussdiskussion: Wie weit ist die Schulentwicklung
Abschließend gab es noch eine kleine Diskussionsrunde mit allen Beteiligten, an der auch die Bürgermeisterin von Kamen, Elke Kappen, teilnahm. Sie sprach das aus, was viele denken: Es gibt so wunderbare Beispiele von Schulen, die ihre Strukturen verändert haben und den Deutschen Schulpreis gewinnen. Seit Jahren. Doch in der Bildungspolitik werden weiterhin Steine in den Weg gelegt, die eine gesunde und notwendige Entwicklung verhindern.
Das Publikum durfte anschließend Fragen stellen. Sandra musste die meisten beantworten, denn hier ging es ganz konkret um die Umsetzung in der Praxis. Wie fange ich an? Was mache ich bei Widerständen im Kollegium? Wie lange hat der Prozess gedauert? Was sagen die Eltern dazu?

Mein Fazit zur Schulentwicklung
Raphael schloss die Diskussion mit einer Frage an Ferdinand. Er solle beurteilen auf einer Skala von 1 bis 10, wie weit wir in Deutschland mit der Schulentwicklung sind. Er sagte 10. Da musste ich tatsächlich stutzen. Und ja, es machen sich so viele Lehrkräfte auf den Weg, mit eigenen Ideen und Maßnahmen, die Schule wirklich besser machen. Auch er begleitet Schulen im Bereich des selbstregulierten Lernens und erlebt sicher fantastische Entwicklungen.
Auf der anderen Seite höre ich auch von Eltern immer wieder, wie schwer sich Lehrkräfte tun und wie altmodisch das Schulsystem sei. Dass sich Lehrkräfte bewegen, wird selten wahrgenommen. Ich teile seine Einschätzung trotzdem nicht, gerade beim Umgang mit neurodivergenten und hochbegabten Kindern. Auch wenn sich die Situation in den letzten Jahren leicht verbessert hat.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
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Wir sind auf einem guten Weg – aber noch lange nicht am Ziel
Ich selbst würde der Schulentwicklung eine optimistische 5 geben. Es stimmt, wir sind auf dem Weg und es verändert sich viel – mehr denn je. Der Zug ist in Fahrt und nicht mehr aufzuhalten. Aber wenn wir an den grundlegenden Dingen wie dem Aufbau des Lehramtsstudiums nichts ändern, oder den Bildungsföderalismus eisern beibehalten, wird es aus meiner Sicht schwierig bleiben.
Dennoch schaue ich positiv in die Zukunft. Wir alle helfen mit, dass der Blick sich von den vorgegebenen Strukturen und Organisationen immer mehr auf die Bedürfnisse der Kinder richtet. Schule muss vom Kind aus gedacht werden. Damit unsere Kinder sich gesehen und angenommen fühlen und die Bildung genießen dürfen, die ihnen zusteht.

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