Was ist eine Begabungsdiagnostik im Unterschied zur klinischen Diagnostik

16. Februar 2026
6 Minuten Lesezeit

Wie im Artikel „Was ist ein IQ und wie wird er gemessen“ bereits erwähnt, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, einen IQ testen zu lassen. In diesem Artikel gehe ich speziell auf die Frage: „Was ist eine Begabungsdiagnostik“ ein und erkläre die Unterschiede zur klinischen Diagnostik. Es gibt auch Gruppendiagnostiken, wie sie der Hochbegabtenverein Mensa durchführt. Diese werde ich an dieser Stelle aber nicht thematisieren.

Definition Begabungsdiagnostik

Eine Begabungsdiagnostik identifiziert wie die klinische Diagnostik auch außergewöhnliche Lern- und Denkfähigkeiten mittels standardisierter IQ-Tests. Der Diagnostikrahmen ist jedoch ein anderer. Hier wird stärker darauf geachtet, dass sich der Proband wohlfühlt und so sein volles Potenzial zeigen kann. Beobachtungen zum Testverhalten geben darüber hinaus wertvolle Aufschlüsse für Fördermaßnahmen. Das Ergebnis ist eine IQ-Auswertung mit den ausführlichen Einzelwerten und auf Wunsch einem Gutachten, welches hilfreich für Fördermaßnahmen in den pädagogischen Institutionen ist.

Unterschiede zur klinischen Diagnostik

Ein IQ kann als alleinige Diagnose nicht klinisch erfolgen, denn eine Hochbegabung zählt nicht zu den „psychischen und Verhaltensstörungen“, die im ICD-10-Katalog gelistet sind. Ein IQ-Test erfolgt daher immer im Rahmen in einer klinischen Diagnostik, wie ADHS, Autismus Spektrum Störung, LRS, Dyslexie und anderen.

Die ursprüngliche Zielsetzung ist also eine andere wie die in der Begabungsdiagnostik. Die strengen Prüfkriterien des IQ-Tests werde bei beiden gleichermaßen eingehalten. Schauen wir uns die Unterschiede im Einzelnen an:

Ziele und Kontext

Während die Begabungsdiagnostik rein auf das Identifizieren von Potenzialen und Stärken abzielt, ist der IQ-Test im Rahmen einer klinischen Diagnostik nur ein Element von vielen, die untersucht werden. Eine Begabungsdiagnostik wird oft von Pädagogen mit einer zusätzlichen Ausbildung zum Echa-Coach oder Psychologen durchgeführt. Oft sind Begabungsdiagnostiker selbst hochbegabt und kennen sich mit den besonderen Merkmalen von Hochbegabung gut aus.

Ein IQ-Test in einer klinischen Atmosphäre erfolgt in einem defizitorientierten Kontext. Der Fokus liegt auf den psychischen Herausforderungen. Oft wird das Kind von verschiedenen Ansprechpartnern begleitet. Der IQ-Test dient in erster Linie dafür, Minderbegabungen auszuschließen. Nicht alle Psychologen sind mit dem Thema Hochbegabung in all ihrer Gänze vertraut.

Testverfahren, Auswertung und Ergänzungen

Bei beiden Testvarianten werden standardisierte IQ-Tests herangezogen, die regelmäßig neu genormt werden. In der klinischen Diagnostik erfolgt ein Abschlussgespräch, in dem die Ergebnisse des IQ-Tests mitgeteilt werden. Im Vordergrund steht jedoch die eigentliche Diagnose, die mit Empfehlungen diskutiert wird. Die Aushändigung des detaillierten IQ-Tests erfolgt meist nicht, sondern wird lediglich im Arztbrief zur Diagnose kurz erwähnt.

Vor einer Begabungsdiagnostik erfolgt ein Gespräch sowie eine kurze Anamnese mittels eines Fragebogens. So erhält der Diagnostiker wertvolle Informationen über die individuellen Herausforderungen und kann in der Diagnostik diese speziell beobachten. Im Anschluss an den IQ-Test erhält der Proband (oder die Eltern) das ausführliche Intelligenzprofil mit sämtlichen Untertests ausgehändigt. Es erfolgt ein Nachgespräch sowie auf Wunsch ein ausführliches Gutachten mit Handlungsempfehlungen. Ebenfalls ausgewertet werden der AFI (Allgemeiner Fähigkeitsindex) sowie der KLI (Kognitive Leistungsindex). Größere Differenzen geben Aufschluss über ein vorliegendes Underachievement.

Risiken und Kosten

Die richtige Wahl des Begabungsdiagnostikers ist die beste Voraussetzung für eine verlässliche Diagnose. Wenig Erfahrung, fehlende Kenntnisse über Hochbegabung sowie eine unsachgemäße Durchführung der streng normierten IQ-Tests ergeben falsche Ergebnisse. Das ist aber glücklicherweise sehr selten der Fall. Gut zu wissen: Die Testergebnisse können vom Probanden jederzeit nach unten beeinflusst werden, aber niemals nach oben. Ebenso sollten gerade Eltern darauf achten, dass die Tests anerkannt sind, z. B. um eine Mensa-Mitgliedschaft zu erhalten. Die Kosten für eine Begabungsdiagnostik trägt der Kunde selbst.

In einer klinischen Diagnostik, zu der die Kosten von den Krankenkassen übernommen wird, besteht die Gefahr von Fehldiagnosen, da sich die typischen Anzeichen von Hochbegabung und die Symptome von ADHS oft gleichen. Gerade hier ist es wichtig, dass die Psychologen Erfahrung mit Hochbegabung haben, um Fehldiagnosen möglichst ausschließen zu können. Darüber hinaus besteht die Gefahr des Masking, also dass das eine Hochbegabung aufgrund eines ADHS unentdeckt, oder das ADHS aufgrund einer getesteten Hochbegabung unerkannt bleibt. Hier sprechen wir von Doppeldiagnosen (twice exceptional students).

Vergleich Begabungsdiagnostik klinische IQ Diagnostik
Tabelle: Vergleich Begabungsdiagnostik vs. Klinische IQ-Diagnostik

Praxisbeispiel Begabungsdiagnostik vs. klinische IQ-Diagnostik

Um einen Eindruck zu geben, wie eine Diagnostikodyssee Familien beeinflussen kann, möchte ich unsere Erfahrungen wiedergeben.

ADHS in der Grundschule

Unser Sohn erhielt in der Grundschule die Diagnose ADHS. Sämtliche Symptome, die er in der Schule und auch zuhause zeigte, deuteten darauf hin. In der klinischen Diagnostik wurde dies bestätigt, der IQ wurde mit 121 gemessen und uns mündlich mitgeteilt. Der Fokus lag seitdem auf der Bewältigung der Defizite, auf das Funktionieren im Unterricht. Die Empfehlung lautete die Gabe von Medikamenten. Die besondere Begabung spielte kaum noch eine Rolle.

Weitere Diagnostiken

In den nächsten Jahren erfolgte immer wieder eine Diagnostik. Während sich das ADHS bestätigte, lagen die IQ-Tests mittlerweile im normalen sowie im unterdurchschnittlichen Bereich. Unser Sohn hatte auf die Tests irgendwann keine Lust mehr. Sie waren aber notwendig, da er seit dem 3. Schuljahr Medikamente bekam. Diese Entscheidung muss immer differenziert gesehen werden, denn es ist keine leichte für die Familien. Ein Kapitel in meinem Buch heißt daher „Das Versuchskaninchen“

In der 8. Klasse lag der Verdacht auf einer Autismus Spektrum Störung, da unser Sohn teilweise apathisch im Unterricht saß und nicht mehr ansprechbar war. Wir stellen ihn wieder in der Klinik vor. Eine ASS wurde nicht bestätigt, wohl aber das ADHS ohne Hyperaktivität. Der IQ-Test fiel auch hier im unteren Normalbereich aus. Die trockenen Worte unseres Sohnes beim Abschlussgespräch waren: „Sie sehen mich hier nie wieder.“

Die Begabungsdiagnostik mit 16 Jahren

Als unser Sohn bereits ein Jahr die Schule verweigerte, stießen wir auf den Begriff des „Underachievement“. Wir fanden einen Coach, der sich damit auskannte und uns zuerst eine Begabungsdiagnostik empfahl. Unser Sohn stellte sich der Diagnostik und kam freudestrahlend und hochmotiviert aus dem Test heraus. Der IQ-Test habe ihm noch nie so viel Spaß gemacht wie heute, sagte er zu mir. Und er ärgere sich darüber, dass er kein 1x1 kann, sonst hätte er noch besser abgeschnitten.

Das Ergebnis lag uns ein paar Tage später vor. Es war eine Hochbegabung von IQ 131 mit einem Ausschlag im räumlich-visuellen Denken von 142. Es hatte tatsächlich 10 Jahre gedauert, bis die Hochbegabung entdeckt wurde. Das hyperaktive Verhalten unseres Sohnes hatte sich übrigens mit Eintritt in die Pubertät komplett gewandelt. Seitdem war und ist er die tiefenentspannteste Person, die wir kennen.

Die letzte Diagnostik mit 17 Jahren

Als unser Sohn die Förderschule für Hochbegabte in Offenbach besuchte, wohnte er in einer Wohngruppe. Die Betreuer vermuteten irgendwann eine Depression, da unser Sohn sich nach anfänglicher Begeisterung immer mehr zurückzog. Der Kinder- und Jugendpsychologe untersuchte ihn auf ADHS, Autismus Spektrum Störung und Depression.

Beim Abschlussgespräch sagte uns der Psychologe, dass alle Tests zu den psychischen Verhaltensstörungen sowie zur Depression unauffällig seien. Wenn er sich aber das Begabungsprofil ansehen würde, wäre klar, woher die Auffälligkeiten kämen. Es läge an seinem heterogenen Begabungsprofil und er müsse einen Weg finden, damit zu leben.

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Mein Fazit zur Begabungsdiagnostik vs. klinischer IQ-Diagnostik

Mit dem Wissen von heute empfehle ich immer, wenn der Verdacht auf eine höhere Begabung vorliegt, zunächst eine Begabungsdiagnostik anfertigen zu lassen. Gute Begabungsdiagnostiker haben ein Gespür dafür, ob zusätzlich eine andere Neurodivergenz vorliegen könnte, und empfehlen eine weitere klinische Diagnostik. Der IQ-Test aus der Begabungsdiagnostik kann dann dort als Ergänzung vorgelegt werden.

Es ist so, dass ein IQ-Test nur alle 2 Jahre gemacht werden sollte. Daher ist eine Begabungsdiagnostik eine Chance, zunächst auf die Potenziale zu schauen und davon ausgehend bei Bedarf eine weitere Diagnostik anzustoßen. Eltern rate ich, sich bei der Suche nach einem geeigneten Begabungsdiagnostiker auf die positiven Erfahrungen andere Eltern zu stützen.

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Hochbegabt gescheitert Susanne Burzel

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Hallo, ich bin Susanne!

Susanne Burzel Autorin
2024 veröffentlichte ich mein Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich". Seitdem schreibe ich in meinen Blogartikeln über meine Erfahrungen zum Selfpublishing aber auch über Hochbegabung und allem, was das Thema berührt. 

Ich führe seit über 12 Jahren meine eigene Werbeagentur und profitiere von einer vielfältigen Erfahrung (Grundschullehramt, Diskothek, Werbekauffrau, Dipl. Betriebswirtin, Dirigentin, Autorin, Podcasterin). 

Meine eigene Hochbegabung entdeckte ich erst, als ich 52 Jahre alt war. Ich möchte Eltern Mut machen und Lehrkräfte sowie Verantwortliche für das Thema sensibilisieren.

Meine Publikationen

Hochbegabt gescheitert Susanne BurzelEin Baumhaus zum Träumen Susanne BurzelBusiness Helden Susanne Burzel

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