Es war das erste Mal, dass ich einen Aprilscherz-Artikel in meinem Blog geschrieben habe. „IQ-Test hinfällig: Hochbegabung kann jetzt per Bluttest erkannt werden!“ Ich muss gestehen, es war ein überraschend großer Erfolg und die meisten hinterließen mir auf Social Media ein lachendes Smiley. Er wurde sogar von Administratoren in einer Hochbegabten-Gruppe geteilt. Ein paar überlegten, ob dies wirklich wahr ist und ich kassierte sogar einen negativen Kommentar. All das darf sein und zeigt, wie ernst und komplex das Thema ist. Darum kläre ich heute über meinen Aprilscherz auf und betrachte die ernste Wahrheit hinter der IQ-Diagnostik.
Der IQ-Bluttest hat einen Nerv getroffen
Ich habe tatsächlich länger überlegt, ob ich bei einem so sensiblen Thema wie Hochbegabung und Underachievement überhaupt einen Aprilscherz veröffentlichen darf. Judith Peters, bei der ich in der Blog-Community „The Content Society“ bin, ermutigte uns aber, es zu versuchen. Und ich ließ mich überzeugen.
Gemeinsam mit der KI Claude suchte ich nach Ideen, die ich für tragbar erachtete. Beim Brainstorming kam mir der Gedanke, mich auf den IQ-Test zu beziehen. Und schon war der Titel gefunden. Bereits ein paar Tage vorher hatte ich mich mit der Vererbung von Intelligenz beschäftigt, was gut dazu passte.
Die Reaktionen waren meist positiv, aber auch kritisch
Also schrieb ich den Artikel über den IQ-Bluttest. Diesen veröffentlichte und verlinkte ich auf Social Media. Auf Instagram hatte ich in kurzer Zeit so viele Kommentare wie selten. Viele lachende Gesichter von Begabungsdiagnostikern, humorvoll-ironische Gegenkommentare von betroffenen Eltern aber hier und da auch skeptische Fragen, ob das denn wirklich stimme oder ein Aprilscherz sei.
Ein Kommentar auf LinkedIn war hingegen sehr kritisch. Das ist der Grund, warum ich diesen Artikel schreibe, denn ich möchte aufklären und sensibilisieren. Mir war es von Anfang an wichtig, dass ich in meinem Blogartikel direkt eine ausführliche Aufklärung gebe, dass es sich um einen Aprilscherz handelt. Wer ihn komplett gelesen hat, erhielt direkt die Auflösung. Trotzdem gehe ich in diesem Beitrag auf die Thematik ein und zeige, mit welchen Herausforderungen bezüglich der Intelligenz-Diagnostik Eltern konfrontiert sind.
Eltern hochbegabter Kinder haben eine Bürde zu tragen
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer die Bürde ist, die Eltern von hochbegabten Kindern tragen. Es geht vor allem um die Diagnostik, denn eine Hochbegabung ist nicht automatisch beim ersten Test klar erkennbar. Vielmehr landen viele von unseren Kindern aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten in der Schule in einer ADHS-Diagnostik, wo die besondere Begabung manchmal nicht erkannt wird.
Auf der anderen Seite gibt es viele Steine, die uns Eltern in den Weg gelegt werden. Ich selbst habe viele Male weinend im Badezimmer verbracht, weil ich nicht mehr ein noch aus wusste. Vor allem, als unser Sohn die Schule vollends verweigerte, brach für uns eine Welt zusammen. Erst ein Jahr später wurde die Hochbegabung nach vielen klinischen Diagnostiken entdeckt.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
In meinem Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich" kannst du mehr über all die Herausforderungen, die wir bewältigen mussten, erfahren.
Bei Amazon - oder im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3982620169

Der Wunsch nach einem einfachen IQ-Test
Der Gedanke, dass der IQ ganz einfach mit einem Blut gemessen werden könne, ist verführerisch. Es würde vielen Eltern Leid erspart bleiben. Oftmals merken Eltern, dass ihre Kinder clever sind, tiefgründige Fragen stellen, Spezialinteressen haben oder sprachlich äußerst eloquent sind.
Möglicherweise stehen unsere Kinder gerade deswegen vor großen Herausforderungen in der Schule und es fällt ihnen schwer, sich anzupassen. In meinem Blog habe ich unsere Geschichte aber auch unzählige andere Aspekte von Schulproblemen mit Hochbegabung betont. Eine aussagefähige und realistische Diagnostik ist ein Element davon.
5 Stolpersteine auf dem Weg zur Diagnose
Daher möchte ich auf einige Punkte eingehen, welche die Komplexität der Situation aufzeigt. Denn genau so haben wir unsere Situation damals empfunden. Wir waren stets auf der Suche nach der Ursache, warum unser Sohn in der Schule struggelt.
1. Komplexität in der Ursache
Wenn ein besonders begabtes Kind in der Schule Probleme hat, und die Leistungen nicht zu dem Potenzial zu passen scheinen, beginnt die Suche nach der Ursache. Ich habe als Mutter die Situation stets als sehr komplex empfunden. Wir fragten uns, was wirklich hinter dem Verhalten unseres Sohnes steckt, der in der Grundschule ein Klassenclown war und ihm zahlreiche Verrücktheiten im Unterricht einfielen.
So fanden wir uns zunächst in der ADHS-Diagnostik wieder, später in einer Autismus Spektrum Störung-Diagnostik (ASS). Sogar Depression war im Verdacht. Jedoch wurde die Hochbegabung erst mit 16 Jahren entdeckt, als unser Sohn einen IQ-Test in einer Begabungsdiagnostik machte. Zu dieser Zeit befand er sich bereits ein Jahr in der Schulverweigerung. Ich hatte viele Jahre hinter mir, in der ich unsere Situation wieder und wieder erklären musste. Das macht einen mürbe.
Du wünschst dir regelmäßige Impulse rund um Hochbegabung, Underachievement
u. a. in Verbindung mit dem Schulsystem?
2. Verlässlichkeit der IQ-Tests
Es ist ein Irrglaube, wenn du einen IQ-Test machst, dass du dann sofort ein verlässliches Ergebnis hast. Das ist die komplizierte Seite der IQ-Tests. In unserem Fall hat unser Sohn erst eine überdurchschnittliche Begabung aufgezeigt, dann Normalbegabungen und sogar Minderbegabungen. Es hing stets von seiner Motivation ab, die teils am Boden war. Erst in der Begabungsdiagnostik zeigte er sein ganzes Potenzial.
Das bedeutet, dass das Wohlbefinden des Kindes beim Test eine große Rolle spielt. Vertrauen und eine wertschätzende, zugewandte Atmosphäre sind entscheidend. Im Rahmen einer defizitorientierten klinischen Diagnostik ist das nicht immer der Fall. Zudem gewinnt ein geschulter Begabungsdiagnostiker aus den Beobachtungen wertvolle Hinweise, die in einem Gutachten als Empfehlungen für die Schule formuliert werden können.
3. Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen erschweren ein klares Ergebnis
Auf den Weg zu einer verlässlichen und endgültigen Diagnostik liegen in manchen Fällen Fehldiagnosen. Bis heute wissen wir nicht, ob unser Sohn wirklich ADHS hatte. Der Psychologe, der ihn mit 17 Jahren auf Depression untersuchte, sagte etwas Überraschendes. Es gäbe keine Hinweise auf ADHS, ASS oder Depression. Seine Auffälligkeiten und Herausforderungen lägen im heterogenen Begabungsprofil begründet. Lagen wir also jahrelang falsch, oder hatte sich das ADHS im Laufe der Zeit verändert oder gar ausgewachsen?
Auf der anderen Seite gibt es Doppeldiagnosen, die unter dem Begriff der twice exceptional students zusammengefasst sind. In manchen Fällen bleibt eine Hochbegabung zunächst unentdeckt, weil das Masking durch das ADHS das Zeigen des Potenzials unmöglich macht. Es gibt aber auch andere Fälle, in denen eine Hochbegabung erkannt wird, aber das gleichzeitig vorliegende ADHS nicht. Diagnostik ist sehr komplex, ich denke, das wird in diesen Fällen deutlich. Es braucht erfahrene Diagnostiker, die auf beiden Gebieten Kompetenzen und Erfahrung besitzen.
4. Masking bei Hochbegabung
Manche hochbegabten Kinder, vor allem Mädchen, passen sich früh in der Schule an, um nicht aufzufallen. Sie fliegen sozusagen unter dem Radar. Das geht so weit, dass diese Kinder ihre Noten absichtlich nach unten anpassen, um nicht aufzufallen. Sie fürchten, dass sie als Streber gelten und ihren Anschluss an andere Kinder verlieren könnten. Du kannst dir vorstellen, welch große Anpassungsleistung dies bedeutet und welche stillen Folgen das haben kann.
In einem IQ-Test kann es sogar dazu führen, dass sie auch hier ihr volles Potenzial nicht zeigen. Das Masking ist ein Zeichen dafür, dass das Kind unter Druck steht. Es braucht ein besonderes Fingerspitzengefühl beim Diagnostiker, um hinter die Fassade zu blicken und das Potenzial dennoch zu erkennen.
Werbung
Für mehr Selbstwertgefühl von Kindern:
"Ein Baumhaus zum Träumen". Ich habe ein Buch für die perfekte Abendroutine für (hochsensible) Kinder mit Traumreisen geschrieben.
Vorlesebuch für Kinder ab 4 Jahren - bei Amazon.
Auch als Hörbuch hier erhältlich. (selbst von mir eingesprochen)

5. Termine und Kosten
Es ist nicht so, dass ich nach der Entscheidung für einen IQ-Test sofort einen Termin erhalte. Wie ich in diesem Artikel über den IQ und wie er gemessen wird, beschreibe, gibt es einige Wege dorthin. Er kann im Rahmen einer klinischen Diagnose stattfinden, bei dem Hochbegabtenverein Mensa als Gruppentest oder aber bei einem Begabungsdiagnostiker. Für die Diagnostiken einen Termin zu erhalten, kann teilweise sehr lange dauern.
Aber auch die Kosten sind für viele Eltern ein Problem. So muss eine Begabungsdiagnostik inkl. Gutachten aus eigener Tasche bezahlt werden, da die Krankenkassen dies nicht übernehmen. Das ist für viele Familien schlichtweg unmöglich. Hinzu kommt, dass diese Tests von einigen Lehrkräften angezweifelt werden, da sie „bezahlt“ sind. Hier beginnt ein Teufelskreis, der das Leben von diesen Familien nicht einfacher macht. Dabei ist es so wichtig, Spezialisten zu finden, die sich wirklich mit den Eigenschaften von Hochbegabung auskennen.
Dazu eine Anekdote: In einem IQ-Test werden u. a. die Werte Sprachverständnis, Arbeitsgedächtnis, räumlich-visuelles Wahrnehmungsvermögen und Verarbeitungsgeschwindigkeit gemessen. Bei unserem jüngeren Sohn gab es einen Abstand in der Verarbeitungsgeschwindigkeit von 40 Punkten nach unten zu den anderen Werten. Die Psychologin sagte uns, dass aufgrund dieses Wertes ein ADHS (ohne Hyperaktivität) vorliegen würde. Ein Begabungsdiagnostiker in einer späteren Diagnostik führte den niedrigen Wert auf seinen Perfektionismus zurück. Unser Sohn überlegte einfach sehr lange aus Angst vor Fehlern und Unsicherheit, bevor er die richtige Antwort gab.
Fazit: Eine IQ-Diagnose allein verändert noch nichts im Klassenraum
Bei allen Stolpersteinen, die ich erwähnt habe und von denen es sicher noch mehr gibt, bleibt eine Frage übrig. Was passiert nach der IQ-Diagnose? Denn die Intelligenz-Diagnostik ist oft nur der erste Schritt, um Klarheit zu erhalten. Was danach beispielsweise im Klassenzimmer passiert, ist der wichtigere Teil.
Klar ist, dass viele Lehrkräfte zu Hochbegabung und Underachievement immer noch nicht ausreichend informiert oder weitergebildet sind. Neurodivergenzen sind immer noch ein stiefmütterlich behandelter Teil der Lehramtsausbildung. Dazu fehlt bei manchen die Offenheit, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Vorurteile über Bord zu werfen.

Es braucht mutige Eltern und Lehrkräfte
Wenn das Gutachten und die IQ-Ergebnisse dann schlimmstenfalls in der Schublade landen, ist die Diagnostik obsolet. Sicher hilft sie den Beteiligten, ihre Situation besser annehmen zu können, weil sie jetzt einen Namen hat. Doch es braucht aktive und auch mutige Eltern, die das Ergebnis in die Schule tragen und sich für das Wohlergehen ihres Kindes einsetzen.
Die Angst vor Stigmatisierung ist dabei groß. Ebenso, dass das Kind durch die Diagnose abgestempelt wird und eine hohe Leistung vorausgesetzt wird. Daher ist die Diagnose nur so wertvoll wie die Maßnahmen, die aus ihr folgen. Enrichment, Drehtürmodell, individuelle Maßnahmen - all das sind Hebel, um Hochbegabte in der Schule zu fördern.
Die Förderung von Hochbegabten erfolgt nach der Diagnostik
Der ganzheitliche Blick auf das Kind, den Eltern und Lehrkräfte gemeinsam vornehmen sollten, ist dabei unerlässlich. Nur so gelingt es, nach der Diagnostik sinnvolle Lösungen folgen zu lassen. Das Ziel ist, dass sich unsere Kinder in der Schule wohlfühlen, sich gesehen und angenommen fühlen und dass sie aufgrund dessen ihre PS auf die Straße bringen.
Daher bleibt mein Eindruck, dass mein Aprilscherz gut platziert war, und ich möchte nichts zurücknehmen. Er hat für Aufmerksamkeit gesorgt, auch bei den Menschen, die sonst über das Thema hinweglesen. Der Bedarf an echten und zugänglichen Lösungen ist groß. Ich wünsche mir daher mehr Verständnis und niederschwellige Lösungen für Familien mit hochbegabten Kindern sowie Mut von Lehrkräften, kreative Lösungen zu finden.

5 Möglichkeiten, wie du 2026 mit mir arbeiten kannst!
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich möchte etwas bewirken, was die Themen Hochbegabung und Underachievement angeht. Aus diesem Grund habe ich Angebote definiert, wie du mit mir zusammenarbeiten kannst.
Wenn du Elternteil bist oder (angehende) Lehrkraft und mehr über die Themen Hochbegabung und Underachievement erfahren möchtest schau gerne direkt hier:



















