Besonders in den sozialen Medien geistert die Hypothese durch die Chroniken, dass die Intelligenz und ein hoher IQ von der Mutter und sogar von der Großmutter vererbt wird. Dafür sorgen aufmerksamkeitsstarke Überschriften, die diesen Schluss zulassen. Als Begründung wird hier ein Intelligenzgen auf dem X-Chromosom herangezogen. Doch ist es wirklich so? Kommt der hohe IQ von der Mutter? Wir schauen uns heute Studien an, die das unter die Lupe nehmen.
Von wem haben die Kinder die Intelligenz?
„Forschung bestätigt: Kinder erben Intelligenz und 6 weitere Dinge von diesem Elternteil“ schreibt gofeminin im Dezember 2025. Und weiter: „Die Intelligenz ‚liegt‘ laut Wissenschaft nämlich in X-Chromosomen. Und weil Frauen zwei davon haben, ist die Chance, dass das Kind Mamas Intelligenz erbt, doppelt so groß.“ (Quelle)
Bazaar schreibt im Artikel „Nicht beide: Dieses Elternteil prägt die Intelligenz“ vom Februar 2026, dass laut der Psychologin Jennifer Delgado Suárez die „konditionierten Gene“ für unsere Intelligenz verantwortlich ist. (Quelle) Dieses Gen kann ausschließlich über das X-Chromosom vererbt werden – was wiederum von der Mutter kommt, so der Redakteur.
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Eine gute Nachricht für die Mütter?
Diese Berichte, die auch in diversen Instagram-Accounts wiederholt werden und so die Meinung prägen, dürfte eine gute Nachricht für Mütter sein. Auf der anderen Seite gibt es viele Mütter die davon überzeugt sind, dass ihre hochbegabten Kinder die Intelligenz von ihrem Vater haben. Sie selbst schätzen sich nicht als hochbegabt ein. Also lässt diese Nachricht viele erst einmal aufhorchen.
Aber so einfach ist es nicht. Denn es gehören verschiedene Aspekte dazu, wie eine Intelligenz vererbt wird. Auf der anderen Seite sind Intelligenz und eine damit möglicherweise einhergehende Hochbegabung zunächst ein kognitives Potenzial, welches sich entfalten muss. Mit entsprechender Förderung kann die Intelligenz genutzt werden. Geschieht dies nicht, liegt sie brach.
Ein kleiner Fun Fact dazu am Rande:
Dr. Siegfried Lehrl (ehem. Akademischer Direktor der psychiatrischen und psychotherapeutischen Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg) hat herausgefunden, dass ein vierwöchiger Faulenzerurlaub den IQ um bis zu 20 Punkte sinken lässt. Das ist als „Ferieneffekt“ bekannt. Der IQ gelangt nach ca. 4-6 Wochen Arbeitszeit wieder auf sein ursprüngliches Niveau. (Quelle)
3 typische Mythen zur Intelligenzvererbung
Schauen wir uns nun 3 Mythen zur Intelligenzvererbung an, die widerlegen, dass die Intelligenz ausschließlich von der Mutter kommt. Wir werden sehen, dass Intelligenz ein komplexes Thema ist. Ein Hinweis: Die Studien sind in englisch, die Titel habe ich in übersetzter Form für eine leichtere Verständlichkeit aufgeführt.
Mythos 1: „Die Intelligenz wird hauptsächlich über das X‑Chromosom von der Mutter vererbt.“
Die Aussage, dass sich „das Intelligenz-Gen“ auf dem X-Chromosom festgesetzt hat und einfach weitergegeben wird, ist zu kurz gedacht. Sie stammt möglicherweise aus einer Studie mit Mausembryonen aus dem Jahr 1996, die jedoch falsch interpretiert wurde. Weitere Studien, die in solchen Zusammenhängen zitiert werden, sind teilweise über 30 Jahre alt. (Quelle)
Fakt ist jedoch, dass Intelligenz sehr komplex ist. So haben Wissenschaftler 2020 in einer „genomweiten Metaanalyse des Hirnvolumens Genorte und Gene identifiziert, die mit Intelligenz im Zusammenhang stehen“. Unter anderem haben sie dabei 92 gemeinsame Gene für Hirnvolumen und Intelligenz entdeckt, die mit der Vererbung von Intelligenz in Verbindung gebracht werden können. Diese liegen über mehrere Chromosomen verteilt, befinden sich aber nicht auf einem einzelnen (Quelle).
Das widerlegt den Mythos, dass Intelligenz über das X-Chromosom der Mutter vererbt wird. Wir sehen im Gegenteil, dass Intelligenz ein komplexes und auch polygenes Thema ist. Es gibt nicht „das eine“ Intelligenzgen. Fest steht aber, dass X-Chromosomen bei der Hirnentwicklung eine große und wichtige Rolle spielen, aber nicht der Sitz der Intelligenz sind.

Mythos 2: „Der IQ bleibt immer gleich“
Bleibt ein IQ im Laufe des Lebens immer gleich? Also bleibt ein IQ von beispielsweise von über 130 immer stabil? Wie wir bereits weiter oben in dem einfachen Beispiel des Ferieneffekts gesehen haben, kann sich der IQ durchaus ändern. Der vererbte IQ ist ein Stabilitätselement, doch es gibt weitere Faktoren, die über die Intelligenz entscheiden.
Gene und Umwelteinflüsse sind auf komplexe Weise miteinander verknüpft. Das haben Forscher 2019 in der Studie „Das Paradox der Intelligenz: Vererbbarkeit und Veränderbarkeit koexistieren im verborgenen Zusammenspiel von Genen und Umwelt.“ Herausgefunden (Quelle) Intelligenz kann sich also durch Bildung, Umfeld oder Lebenserfahrungen verändern. Das bedeutet, dass die Genetik eine Richtung, also das angeborene Potenzial festlegt. Die Umwelt macht den IQ schließlich volatil.
Du kennst es vielleicht, dass ein Kind in der optimalen Umgebung mit einem Thema, dass es begeistert, plötzlich sein volles Potenzial zeigen kann. Seine Intelligenz wird in diesem Moment besonders beansprucht. Man könnte fast sagen, dass Intelligenz wie ein Muskel ist, der bis zu einem gewissen Maß trainiert aber auch vernachlässigt werden kann.
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Mythos 3: „Eltern mit hohem IQ bekommen automatisch hochintelligente Kinder.“
Erhöht ein hoher IQ beider Elternteile die Chance, dass auch sie hochbegabte Kinder bekommen? Das ist eine interessante Frage, der wir hier nachgehen. Zum einen ist Intelligenz vererbbar, wie wir eben gesehen haben. Zum anderen ist Intelligenz polygen, also sehr komplex. Gene wirken daher nicht wie eine Kopiermaschine, um es bildlich darzustellen.
Olszewski et al. haben 2014 eine Längsschnittstudie mit 73 Kindern erstellt: „Besteht ein Zusammenhang zwischen der Intelligenz des Kindes und der Intelligenz der Eltern und Geschwister bei Personen mit Entwicklungsstörungen? Eine Untersuchung an Jugendlichen mit 22q11.2-Deletionssyndrom (Velokardiofaziales Syndrom)“. Dabei haben sie über Jahre hinweg IQ-Korrelationen untersucht – auch im Hinblick auf gesunde Kinder in einer Kontrollgruppe. (Quelle)
Das Ergebnis war, dass ein IQ-Punkt der Mutter etwa 0,7 bis 0,8 Punkten beim Kind ergab. Der Steigungsfaktor bei gesunden Familien zeigt, dass Kinder nicht 1:1 den gleichen IQ der Eltern erreichen. Die IQ-Vererbung unterliegt somit einem Regressionseffekt. Das bedeutet, dass Kinder von hochbegabten Eltern oft intelligenter sind als der Durschnitt, aber diesem näher sind als die Eltern.
Können Kinder von normalbegabten Eltern hochbegabt sein?
Diese spannende Frage liegt nahe, nachdem wir die Fakten aus den Studien näher beleuchtet haben. Wie ich schon erwähnt habe, ist Intelligenz polygen. Viele Gene tragen also zur Intelligenzentwicklung bei. Tatsächlich kann ein Kind von normalbegabten Eltern eine besonders günstige Kombination der Gene erben, die zu hoher Intelligenz führt. Studien deuten darauf hin, dass diese Gene das "obere Ende" derselben genetischen Faktoren sind, die auch die normale Intelligenz bestimmen. (Quelle)
Ein weiterer Fakt ist, dass es auch Genveränderungen oder Genmutationen gibt, die bei den Kindern das erste Mal auftreten. Diese können in Einzelfällen die Gehirnentwicklung beeinflussen als seltene "Plus-Varainten". Das zeigt die Uni Leipzig in ihrem Artikel als seltene Entdeckung auf. (Quelle) Ich denke, mit diesen Fakten schließt sich der Kreis rund um die Vererbung von Intelligenz. Aber es gibt noch einen Fun Fact.
Fun Fact: Kommt die Intelligenz von der Großmutter?
Neuerdings tauchen in Social Media-Beiträgen Behauptungen auf, die Intelligenz werde eigentlich von der Großmutter vererbt. Dies unter dem Stichwort „maternaler Gedächtniseffekt“. Hinter diesem Begriff steckt allerdings mehr Storytelling als Wissenschaft: Es gibt zwar Studien, die zeigen, dass Lebensstil und Umweltbedingungen der Großeltern mit bestimmten Gesundheits- und Entwicklungsmerkmalen der Enkel zusammenhängen können, aber keine, die belegt, dass der IQ exklusiv über die Großmutter „weitergereicht“ wird.

Was die Forschung sehr wohl zeigt: Großmütter spielen häufig eine wichtige Rolle für die kognitive Entwicklung ihrer Enkel – aber vor allem, weil sie betreuen, anregen, vorlesen, mit den Kindern sprechen und dadurch die Umwelt anreichern. Ihre Wirkung läuft also über Beziehung, Förderung und Umfeld, nicht über einen geheimen Großmutter‑Genkanal.
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Wird die Intelligenz von der Mutter vererbt? Ein Fazit
Der Widerspruch, ob die Intelligenz von der Mutter vererbt wird oder nicht, begleitet mich schon länger. Daher war es mir wichtig, darüber zu schreiben und den Mythos der Intelligenz auf dem X-Chromosom zu widerlegen. Wir haben gesehen, dass Intelligenz äußerst komplex ist und nicht nur von den Genen abhängt.
Diese bilden die Hardware, die ein Mensch mit seiner Geburt mitbringt. Die Intelligenz ist lediglich das Potenzial. Doch es muss gefördert werden, damit es sich entfalten kann. Das ist die Aufgabe von uns Eltern und der Umwelt. das Schulsystem gehört selbstverständlich dazu. Gerade für Pädagogen und Lehrkräfte ist es wichtig zu wissen, dass das Zusammenspiel von Intelligenz und Umwelt so wichtig für die Entfaltung und logischerweise auch für das Wohlbefinden sind. Dies sollte den Mythos, dass Hochbegabte leicht durch die Schule kommen, ein für allemal ausräumen.
Bedeutung und Folgen für das Schulsystem
Liegt das Potenzial brach, wie es bei dem Ferieneffekt der Fall ist, sinkt der IQ. Wird es gefördert, kann er sogar steigen. Während Kinder mit Schuleintritt selten die Wahl haben, was sie lernen, in welcher Tiefe oder mit welchem Methoden, können sich Erwachsene ihr Umfeld leichter aussuchen. Somit wird Schule für viele hochbegabte Kinder zum Nadelöhr, durch welches sie kaum durchpassen. Siehe dazu auch meine Artikel zu Verhaltensauffälligkeiten hochbegabter Kinder, der Schulpflicht und zum Hausaufgabenfrust.
Daher kann ich nur wiederholen, was ich immer wieder sage und was wir in unserer Familie erfahren haben. Wenn das Kind in seinem richtigen und optimalen Umfeld ist, und sich mit Themen beschäftigen darf, dass es begeistert, kann es seine Flügel ausstrecken und fliegen. Es kann sein Potenzial zeigen und seine PS auf die Straße bringen. Daher ist es so wichtig, dass diese Kinder gesehen werden, dass auf sie eingegangen wird, dass sie aufgefangen werden und sie im Sinne einer Inklusion für Hochbegabte eine wohlwollende und anregende Lernumgebung erhalten.

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