„Du bist doch so clever, warum kannst du nicht?“ Diesen Satz habe ich als Mutter öfter zu meinem Sohn gesagt. Der Grund war Verzweiflung und Unkenntnis, da ich mir sein Verhalten oft nicht erklären konnte. In der Schule war seine Hochbegabung damals kein Thema, denn niemand wusste davon, wir auch nicht. Die Erwartung, dass er doch eigentlich mehr leisten könnte, kam also gar nicht von den Lehrkräften. Sie kam erst einmal von uns. Deshalb möchte ich heute einer Frage nachgehen, die mich seit der Lektüre eines Buchs beschäftigt: Muss ein hochbegabtes Kind eigentlich immer sein Potenzial ausschöpfen? In diesem Artikel erfährst du, warum ich diese Frage heute anders beantworte als früher, welcher Teufelskreis hinter dem Leistungsdruck steckt und was Eltern und Lehrkräfte stattdessen tun können.
Warum legt unsere Gesellschaft so viel Wert auf Potenzial?
Als ich das Buch „Hochbegabte Kinder professionell begleiten“ von Dina Mazzotti gelesen habe, bin ich an genau dieser Frage hängen geblieben: „Warum legt unsere Gesellschaft so viel Wert darauf, dass alle ihr Potenzial ausschöpfen?“ schrieb sie darin. Diesen Satz habe ich auch in meiner Buchrezension hervorgehoben. Dina nimmt hier einen ethischen Blick auf die schulische Minderleistung hochbegabter Kinder ein, die Fachleute auch Underachievement nennen. Dieser hat mich zum Nachdenken gebracht.
Dabei bin ich selbst lange davon ausgegangen, dass es optimal wäre, dass hochbegabte Kinder ihr Potenzial voll ausschöpfen. Heute sehe ich das differenzierter. Für mich gibt es keine gesellschaftliche Verantwortung, die ein Kind dazu verpflichtet, seine Begabung in Höchstleistung abzubilden. Es wäre natürlich schön, wenn ein Kind sein Potenzial leben kann und die Möglichkeiten dazu bekommt. Und zwar in die Richtung, in die es Lust hat. Doch das ist ein Wunsch von uns Erwachsenen und dies sollten wir nicht als Auftrag an das Kind missverstehen.
Potenzial ist ein Angebot und keine Pflicht
Im Grunde genommen geht es um den Menschen und um seinen Wert. Und der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner Leistung. Genauso wenig ist also eine Hochbegabung eine Verpflichtung, ein Leben lang Höchstleistungen zu bringen. Unser System erwartet trotzdem oft genau das: Wer viel kann, soll auch viel liefern. Der Druck von außen nach dem Motto „Hochbegabte leisten immer hoch“ ist für mich deshalb völlig fehl am Platz.
Tatsächlich beginnt aus meiner Sicht hier ein Teufelskreis, in dem ich selbst gefangen war. Je mehr Druck ich einem Kind mache, weil es eben das Potenzial hat, desto weniger wird es wahrscheinlich leisten wollen. Das weiß ich heute. Es spürt die Erwartung, wehrt sich dagegen und verweigert sich irgendwann. Und das bleibt nicht folgenlos. Viele dieser Kinder starten frustriert ins Erwachsenenleben und tragen eine Motivationslosigkeit mit sich herum. Das sind die stillen Folgen der Resignation, über die ich hier geschrieben habe. Wir bewirken mit dem Druck also genau das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich wünschen.
Was passiert, wenn wir Druck machen, weil das Potenzial ja da ist?
Bei uns war es so, dass sich unser Sohn immer mehr zurückzog. Er resignierte, und am Ende stand eine Verweigerungshaltung, die in zwei Jahren Schulabsentismus mündete. Ob das ursächlich an unseren Erwartungen lag, kann ich ehrlich gesagt nicht sagen. Wir haben ihn jedoch immer wieder aufgefangen und bestärkt. Aber Sätze wie „Du bist doch so clever“ sind uns eben auch rausgerutscht.
Besonders schwierig wird es, wenn Eltern und Schule gemeinsam Druck aufbauen und sich das Kind von allen Seiten bedrängt fühlt. Darüber habe ich in meinem Artikel zum Nörgelmutter-Syndrom geschrieben. Deshalb lohnt es sich, Minderleistung anders zu lesen. Sie ist oft ein Signal und kein Versagen. Ein Kind, das plötzlich nicht mehr leistet, sagt uns damit: Hier stimmt etwas nicht. Es braucht in diesem Moment Raum für Fragen und keinen zusätzlichen Druck. Klar wurde mir das alles erst so richtig, als ich begann zu recherchieren und schließlich mein Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ geschrieben habe.
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Wenn Social Media uns Eltern sagt, was wir nicht sagen sollten
An dieser Stelle erlaube ich mir einen kleinen Exkurs. Mir fällt auf, dass es auf Social Media viele Ratgeber-Kanäle für Eltern gibt. Hier wird besprochen, was du nicht sagen solltest, was du anders formulieren musst, welcher Satz dein Kind angeblich für immer prägt. Auf der einen Seite ist ein bewusster Blick auf die eigene Sprache wichtig. Andererseits glaube ich, dass die vielen Empfehlungen Eltern eher verunsichern, als dass sie helfen.
Denn wer ständig gesagt bekommt, was er falsch macht, verliert das Vertrauen in sein eigenes Bauchgefühl. Und genau das ist uns auch passiert. Wir hatten oft Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, und wussten nie genau, welcher Weg jetzt der richtige ist. So landen wir Eltern im gleichen Muster wie unsere Kinder: Das Kind soll sein Potenzial perfekt ausschöpfen, und wir sollen es dabei perfekt begleiten. Eine Freundin hat mir irgendwann einen Satz gesagt, der mich bis heute entlastet: Es gibt nicht die perfekte Lösung. Es gibt gute und weniger gute Lösungen, vielleicht auch mal eine optimale, aber perfekt ist es nie. Und Entscheidungen kann man immer wieder revidieren.
Verschwendetes Potenzial, aber trotzdem glücklich?
In der 37-Grad-Reportage „Schlauer als der Rest der Welt“ aus dem Jahr 2022 begleitet das ZDF drei hochbegabte Erwachsene in ihrem Alltag. Einer von ihnen ist höchstbegabt und arbeitet nach einem durchschnittlichen Abitur als IT-Mann und „Mädchen für alles“ in der Augenarztpraxis seiner Frau.
Stell dir vor, du erzählst diese Geschichte auf einer Familienfeier. Ich bin mir sicher, irgendjemand würde sagen: „Was für eine Verschwendung bei dem IQ.“ Doch wer legt eigentlich fest, was ein Mensch aus seiner Begabung machen muss? Solange dieser Mann glücklich ist mit dem, was er tut, und vielleicht nebenbei Dinge hat, die ihn begeistern, ist sein Weg völlig legitim. Ein gutes Leben misst sich für mich an Zufriedenheit und an dem Gefühl, am richtigen Platz zu sein, und weniger an Noten, Titeln oder Gehalt.
Darf mein Kind auch mal keinen Bock auf Leistung haben?
Ja, und das meine ich ganz ernst. Damit du mich richtig verstehst: Mir geht es nicht darum, dass Leistung egal ist oder dass wir hochbegabte Kinder einfach machen lassen sollten. Mir geht es um das Wort „immer“. Wir alle, also auch Kinder und Jugendliche, durchlaufen Phasen, in denen ihnen die Kraft oder die Lust fehlt, in der Schule zu glänzen. Gerade in der Pubertät ist das völlig normal. Wenn ein Kind in so einer Lebensphase gerade keinen Bock hat zu leisten, dann ist das in Ordnung.
Wichtig ist es aber, die Signale zu deuten. Steckt da vielleicht mehr dahinter als eine vorübergehende Lustlosigkeit? Oder stellt sich eine sogenannte Minderleistung so dar, dass sie eine Abwärtsspirale nach sich zieht und im Grunde genommen das Abrutschen in ein Underachievement bedeutet? Was es gerade dann braucht, ist zuerst ein stabiler Selbstwert. Das ist für mich immer das Allerwichtigste. Erst dann können wir gleichzeitig schauen, wie wir das Kind auf der kognitiven Ebene auffangen, damit es sein Potenzial wieder zeigen kann, und zwar so, wie es ihm entspricht. Wie diese beiden Ebenen zusammenwirken, habe ich dir in meinem Artikel Gesehen fühlen vor Leistung: Warum Underachievement auf 2 Ebenen gelöst werden muss ausführlich beschrieben.
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Was können Lehrkräfte tun, damit sich ein Kind gesehen fühlt?
Wenn wir die ethische Sicht von Dina ernst nehmen, muss sich der Blick in der Schule zuerst auf die Persönlichkeit des Kindes richten und erst danach auf seine Leistungen. Das Kind muss sich gesehen und ernst genommen fühlen, auch in der Not, in der es gerade steckt. Auf dieser Ebene sollte es zuerst aufgefangen werden.
Wie das aussehen kann, haben wir bei unserem jüngeren Sohn erlebt. In Englisch brachte er Höchstleistungen, weil er sich von seiner Englischlehrerin gesehen fühlte. Während der Coronazeit schickte sie jedem Kind eine Postkarte nach Hause und erkundigte sich immer wieder: „Wie geht es dir?“ Mit so einfachen Fragen fängt es an. Und das ist für mich eine starke Haltung, die Lehrkräfte zeigen können. Wer sich für die Persönlichkeit seiner Schülerinnen und Schüler interessiert und eine Beziehung aufbaut, signalisiert ganz klar: Du bist mir wichtig.
Was wir mit einer guten Beziehungsarbeit erreichen können
Leider kenne ich auch das Gegenteil. Stell dir vor, einem Kind wird vor der offenen Klassentür mitgeteilt, dass es ab jetzt eine Attestpflicht hat, und die ganze Klasse hört mit. Das Kind fühlt sich bloßgestellt und zurückgesetzt, als hätte es eine Strafe aufgebrummt bekommen, von der alle wissen. So eine Situation kostet Selbstwert, und genau den braucht das Kind am dringendsten.
Wenn die Beziehung steht, kommen die Angebote. Hilfreich sind dann Fragen wie diese:
- Wie lernt das Kind gern?
- Was interessiert es, und wo kann ich das in den Unterricht einbinden?
- Wo liegen die Schätze, die wir gemeinsam mit dem Kind und vielleicht auch mit den Eltern heben können?
Mir ist bewusst, dass diese pädagogische Beziehungsarbeit Zeit braucht, und die ist im Schulalltag knapp. Dafür braucht es Voraussetzungen wie kleinere Klassen und Raum im Stundenplan. Auch KI in der Schule kann Lehrkräfte hier entlasten und unterstützen.
Mein Fazit: Frag dein Kind, was es braucht
Muss ein hochbegabtes Kind immer sein Potenzial ausschöpfen? Meine Antwort ist heute ein klares Nein. Eine Hochbegabung ist kein Pflichtmarathon, den ein Kind von der Einschulung bis zur Rente durchlaufen muss. Und wenn ein Kind resigniert, dann zeigt es uns damit, dass etwas nicht stimmt. Echte Leistung wächst dort, wo ein Kind Vertrauen spürt, während Druck meist das Gegenteil bewirkt.
Wenn ich heute noch einmal am Küchentisch säße, würde ich den Satz „Du bist doch so clever, warum kannst du nicht?“ gegen eine viel einfachere Frage tauschen: „Was brauchst du?“ Für mich bedeutet Ethik im Umgang mit hochbegabten Kindern genau das: Respekt vor der Person und nicht nur vor ihrem Potenzial. Ich bin zuversichtlich, dass wir als Eltern und Lehrkräfte gemeinsam dahin kommen.

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