Dina Mazzotti hat mit ihrem Buch „Hochbegabte Kinder professionell begleiten“ eine Lücke geschlossen. Jedenfalls empfinde ich es so. Es gibt jede Menge Literatur über Hochbegabung. Aber ein Buch, wie man Schülerinnen und Schüler konkret im Unterricht fördern kann, habe ich bisher noch nicht entdeckt. Daher wartete ich schon vor der Veröffentlichung gespannt auf dieses Buch, da es für meine Arbeit ein fehlendes Mosaiksteinchen ist.
Hochbegabte Kinder im Schulsystem fördern
Hochbegabung wird bei vielen Lehrkräften und Bildungsverantwortlichen immer noch als Luxusproblem angesehen. Der Glaube, dass Hochbegabte leicht durch die Schule kommen und immer gute Noten schreiben, hält sich hartnäckig. Wie auch anders sollte es sein, denn die Medien erzählen uns von Wunderkindern, die mit 11 Jahren Abitur machen. Auf der anderen Seite sind die besonderen Merkmale von Hochbegabung und Underachievement selten Teil in der Lehramtsstudium.
Dina Mazzotti klärt in ihrem Buch zunächst über Begabungsförderung und Begabtenförderung auf und betont, dass es beides im Schulsystem geben muss. Eindrücklich belegt sie dies mit gesammelten Wünschen von hochbegabten Kindern an die Schule, an Eltern und an Mitschülerinnen und Mitschüler aus ihrer Praxis. Deutlicher und authentischer geht es nicht. Neben der Förderung braucht es aber mehr. Sie schreibt: „Nicht zu vergessen, dass hochbegabte Kinder letztlich auch einfach Kinder sind. Ihre hohe Begabung ist bloß Zugabe“ (Seite 21).
Hochbegabung – die Erklärung an Modellen
Das Buch lebt von Hochbegabten-Modellen, welche die Begabung und den Umgang damit eindrucksvoll erklären. So ordnet sie das Renzulli-Modell ein, aber auch das Triadische Intelligenzmodell und weitere ein. Sie sucht Gemeinsamkeiten und zeigt damit auf, wie komplex eine Hochbegabung sein kann und wie stark andere Felder, wie die Umgebung und das Umfeld darauf einwirken.
Im Grunde genommen steht aber immer das Kind bei all dem im Fokus. Aber auch die Begegnung mit diesen Kindern. Die Pädagogin und Begabungsdiagnostikern Dina Mazzotti, die auf Instagram als „Begabtentante mit Hund“ bekannt ist, gibt wie einen roten Faden wichtige und hilfreiche Tipps für die Praxis. Sie knüpft damit an das Wissen von Pädagogen an, wenn es um das 4K-Modell geht. Damit verbindet sie eine Einladung, den Unterricht anderes zu gestalten und gibt dazu konkrete Beispiele.
Beziehungsarbeit beginnt mit dem Wahrnehmen der Bedürfnisse von Hochbegabten
Es geht Dina Mazzotti vor allem um eine veränderte und zugewandte Haltung, um Beziehungsarbeit. Diese bildet ein wichtiges Fundament in der Arbeit mit Kindern. Es sind dabei die kleinen Schritte, die zählen und die mit dem genauen Hinschauen beginnen. Der Weg geht weiter, um mehr Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung zu ermöglichen, was für hochbegabte Kinder so essenziell wichtig ist.
An dieser Stelle möchte ich positiv hervorheben, dass das ganze Buch durchzogen ist mit QR-Codes, bei denen man sich vorbereitete Materialien und weitere Infos ganz bequem herunterladen kann. Das ist für Lehrkräfte sicher sehr hilfreich, ebenso, wie die zusammenfassenden Boxen am Ende jedes Kapitels.

Möglichkeiten für Begabungs- und Begabtenförderung im Unterricht
Im zweiten Teil ihres Buchs geht es dann ins „Eingemachte“. Dina stellt hier ein buntes Portfolio zusammen, aus dem jede Lehrkraft schöpfen kann. Dabei sei es wichtig, betont sie, dass es ein Konzept geben muss, damit Förderung kein Zufallsprodukt wird. So werden oft Einzelmaßnahmen implementiert, aber sie mahnt: „Das ist gut gemeint – doch ohne reflektierte Gesamtstrategie bleiben solche Angebote wirkungslos.“ (Seite 239).
Anhand der besonderen Merkmale von Hochbegabung und den damit einhergehenden Herausforderungen spielt Dina viele konkrete Situationen im Unterricht durch. Sie greift Themen wie Mobbing auf und betont, dass jedes Kind ein Recht auf eine angstfreie Schulzeit hat. Denn besonders Hochbegabte sind einem erhöhten Risiko von Mobbing ausgesetzt.
Twice exceptional und Minderleistung als besondere Herausforderung
Ebenso betont sie die besonderen Herausforderungen von 2e-Kindern (twice exceptional students). Hier liegt neben einer Hochbegabung eine weitere Neurodivergenz vor, wie z. B. ADHS. Sie betont, dass der Fokus darauf liegen sollte, dass die Stärken im Rahmen einer achtsamen Begleitung gestärkt werden müssen. „2e-Kinder sind keine Probleme, sondern Chancen! Sie fordern uns heraus, Bildung neu zu denken, individuell, kreativ und ermutigend“ (Seite 81). So bringt Dina Mazotti es perfekt auf den Punkt.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Minderleistung, auch bekannt als Underachievement. Es geht darum, dass diese Kinder ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Sie erwähnt die Ursachen und lädt zu individueller Förderung statt Standardlösungen ein. Doch einen Punkt finde ich bemerkenswert und auch spannend, darüber nachzudenken. Sie betrachtet Minderleistung aus einer ethischen Perspektive und stellt Fragen, wie „Warum legt unsere Gesellschaft so viel Wert darauf, dass alle ihr Potenzial ausschöpfen?“ Dieser Frage gehe ich auch in meinem Video auf den Grund:
Wohlbefinden der Kinder und der Raum als 3. Pädagoge
An diesen Fragen wird deutlich, dass es vor allem auch um das Wohlbefinden der Kinder geht. Das betont sie aus Sicht der Begabungspädagogin. Denn der Fokus liegt allzu oft auf der Bewältigung der Defizite. Das beginnt bereits in der Kita, schreibt Dina, wenn gefragt wird, was das Kind noch nicht kann. Dabei bilden die besonderen Stärken der hochbegabten Kinder oft eine große Bereicherung für den Kindergartenalltag sowie später für den Schulalltag.
Offene Türen rannte Dina spätestens bei mir ein, als sie vom „Raum als 3. Pädagogen“ sprach. Spätestens jetzt sind wir mitten in der modernen Schulentwicklung angekommen, die nicht nur hochbegabten Kindern, sondern allen Kindern zugutekommt. Es geht um die Gestaltung von Klassenräumen, um verschiedene Arten von Lernen zu ermöglichen.
Vom UDL über Compacting zum Ressourcenraum
Dabei bedient sich Dina wieder verschiedener und hilfreicher Modelle. Das Universal Design for Learning (UDL) erklärt sie als barrierefreies, flexibles und begabungsfreundliches Modell, welches verschiedene Lernwege ermöglicht. Die Neue Autorität von Haim Omer setzt auf Präsenz und Kooperation anstelle auf Kontrolle und Macht. Die 8 Intelligenzen von Howard Gardner geben Hinweise und Ideen, wie man Lernplätze im Klassenraum einrichten kann.
Mit dem Compacting zeigt sie Möglichkeiten zur Straffung des Lehrplans, um Langeweile bei Hochbegabten entgegenzuwirken. Das RiskTasking unterstützt dabei, Neues auszuprobieren. Ein Ressourcenraum ist eine wunderbare Ergänzung, um begabte Kinder mit neuem Input anzuregen. All das sind Einzelmaßnahmen, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen. Dina Mazzotti malt immer wieder ein Bild davon, wie diese konkret in der Praxis umgesetzt werden können.

Das Drehtürmodell als wertvolle Ergänzung zum Unterricht
Vor allem Dinas Erklärung zum Drehtürmodell fand ich spannend. Sie denkt es viel breiter, als ich es bisher verstanden habe. Es geht darum, dass hochbegabte Kinder den Unterricht verlassen können, um andere Fördermöglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Dabei sind Umsetzungen vor Ort möglich, wie eben das Ressourcenzimmer, eine Gasthörerschaft in höheren Klassen.
Aber auch außerschulische Maßnahmen, wie Talentkurse, Kinderuni, Kooperationen mit anderen Schulen aber auch die Digitale Drehtür sind möglich. Wie bei den anderen Modellen auch, zeigt Dina dies mit Beispielen für die Praxis. Natürlich gibt es dabei auch organisatorische Herausforderungen. Wichtig sei, dass neben einem Enrichment das Drehtürmodell eine Erleichterung für die Schule sein kann.
Mit Modellen die Vielfalt des Lernens verdeutlichen
Pädagogen dürfen an weiteren Modellen verstehen, welche Vielfalt im Unterricht stecken kann. Dina Mazzotti erwähnt hier Blooms Taxonomie, wobei die oben angesiedelten aber oft wenig beachteten Stufen ein besonders Potenzial für Hochbegabte bieten, wenn es z. B. um das Erschaffen als Lernziel geht. Verstärkt wird Blooms Taxonomie mit der Lernzielpyramide nach Clark. Er dreht die Pyramide einfach um, und verdeutlich sie damit als ein wirksames Tool für den integrierten Unterricht.
Ich persönlich empfand diese Modelle äußerst hilfreich, um zu verstehen, was hochbegabte Kinder in der Schule wirklich benötigen. KI bietet hierfür eine wunderbare Unterstützung, mit der Aufgabenstellungen formuliert werden können. Dina gibt dazu Beispiele im Download. Insgesamt steht Dina Mazzotti dem Einsatz von KI vorsichtig optimistisch entgegen. Sie sieht aber große Vorteile in der hybriden Intelligenz, also KI + Mensch.

Mein Fazit zu Dina Mazzottis Buch „Hochbegabte Kinder professionell begleiten“
Wie ich eingangs bereits erwähnt habe, schließt dieses Buch eine wichtige Lücke für mich persönlich. Ich werde oft u. a. von Lehrkräften um Hilfe und Auskunft gebeten. Dabei kann ich für einen konkreten Fall zwar Impulse bieten, wie das Verhalten aufgrund der Merkmale von Hochbegabung erklären oder Auskunft zu Begabungsdiagnostik, Underachievement und vielem mehr geben.
Aber Dina Mazzottis Buch öffnet für mich eine neue Tür. Sie geht mit ihrem Buch einen Schritt weiter als ich es gehen kann. Sie zeigt, wie man hochbegabten Kindern im Unterricht ganz konkret begegnet. Ihre Beispiele, ihre Vorlagen und der theoretische Rahmen, den sie mit den Modellen liefert, ergeben ein sinnvolles Gesamtbild und eine Grundlage für ein sinnvolles Begabungs- und Begabtenförderungs-Konzept zu entwickeln, anstelle sich in Einzelmaßnahmen zu verlieren. Ich bin durch diese Tür hindurchgegangen, habe mich umgesehen, Neues gelernt und viele hilfreiche Eindrücke gesammelt.
Konkrete Umsetzungen für die schulische Praxis mit Hochbegabten
Dina spricht davon, dass es hilfreich für Lehrkräfte sein kann, Experten für die Entwicklung Begabungs- und Begabtenförderungskonzepte hinzuzuziehen. Das kann und möchte ich nicht leisten. Aber ich bin glücklich, nun ein Buch an der Hand zu haben, mit der die ersten Schritte und die Beschäftigung mit dem Thema gelingen können. Daher empfehle ich dieses Buch allen Lehrkräften, die sich mit dem Thema beschäftigen und Ideen suchen, die sie im Unterricht konkret umsetzen können.
Jede Schule sollte dieses Buch in ihrem Regal als Nachschlagewerk haben. Es hilft, das anders Denken, die schnelle Auffassungsgabe, die Lösungsbegabung und Kreativität, die Hochbegabten inne ist, im Unterricht aufzufangen und umzusetzen – mit der so wichtigen Beziehungsarbeit als Basis. Liebe Dina, danke für dieses wertvolle Buch, welches ich sicher oft weiterempfehlen werde!

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