Frühspezialisierung für hochbegabte Kinder: Ein Gedankenspiel ab Klasse 8

11. September 2026
6 Minuten Lesezeit

Mein Sohn und ich waren gerade auf dem Weg zum Einkaufen, als das Gespräch auf die aktuellen PISA-Ergebnisse fiel. Ich sagte, es wäre interessant, wenn die Schülerinnen und Schüler sich schon wesentlich früher auf Themengebiete, wie Naturwissenschaften, spezialisieren könnten, zum Beispiel ab Klasse 8. Er war sofort Feuer und Flamme für diese Idee der Frühspezialisierung für hochbegabte Kinder und sagte: „Dann hätte ich sicher mehr in der Schule mitgemacht.“

Er ist jetzt 22 Jahre und hat frisch seinen Gesellenbrief als Elektroniker im Gepäck. Und er hat 2 Jahre den Schulbesuch verweigert im Zeitraum der 8. und 9. Klasse. Die 10. Klasse hat er dann über eine Förderschule für twice exceptionals erfolgreich abgeschlossen, aber das ist eine andere Geschichte. Hier soll es um die Idee der Frühspezialisierung gehen, die, wie ich denke, besonders hochbegabten Kindern zugutekommen könnte. Wagen wir ein Gedankenexperiment.

Die PISA-Studie bringt die Bildungsrealität hart auf den Punkt

Aktuell verdauen wir den PISA-Schock 2025 mit wieder sinkenden und besorgniserregenden Leistungszahlen. Es gibt viele Ursachen dafür: Elternhaus, soziale Teilhabe, Sprachbarrieren, systemisch überforderte und zu wenig Lehrkräfte, Digitalität, Kürzungen, marode Ausstattungen, Bildungsföderalismus etc. Aber vor allem ein Bildungssystem, welches stehengeblieben, während sich die Gesellschaft massiv weiterentwickelt hat.

Was sagt der PISA-Chef zu unserem Bildungssystem?

Schauen wir kurz auf Andreas Schleicher. Er ist deutscher Statistiker, Bildungsforscher und PISA-Chef. In einem Interview mit der Berliner Zeitung antwortet er bereits im Jahr 2019 auf die Frage nach seiner Sicht auf die deutsche Schule. Er spricht davon, dass das Schulsystem stark vom industriellen Zeitalter geprägt ist und es damals auch passte. Es funktioniere aber heute in den Zeiten der Digitalisierung nicht mehr.  

„Es ist uns gelungen, mit diesem Schulsystem zweitklassige Roboter zu bilden, die wiedergeben können, was wir ihnen erzählen. Aber im Zeitalter der künstlichen Intelligenz müssen wir stärker hinterfragen, wie wir erstklassige Menschen bilden.“ (Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/article/ein-bisschen-mutiger-koennten-wir-schon-sein-811)

Wenn die Sinnhaftigkeit für Schüler in der Schule fehlt

Zurück zu meinem Sohn. Er ist erst mit 16 Jahren hochbegabt getestet worden. Schon früh hat er die Unterrichtsinhalte stark hinterfragt und die Lehrkräfte mit Fragen: „Wofür brauche ich das in meiner Zukunft?“ regelrecht genervt. Sie hatten selten eine Antwort und ja, wir hörten durchaus den Satz im Elterngespräch: „Ihr Kind bockt.“ Es war die Sinnhaftigkeit, die ihn in vielen Fächern und Themen resignieren ließ. Das ging soweit, dass er irgendwann den Schulbesuch gänzlich verweigerte. Er hielt es nicht mehr aus.

Dabei gab es sehr wohl Themen, die ihn begeisterten. Technik und Naturwissenschaften sowie Gesellschaftspolitik gehörten zu seinen Stärken. Mit den anderen Themen, wie Ethik, Deutsch oder Sprachen, konnte er nur wenig anfangen. Es stellt sich die Frage, wie Schule für diese Kinder besser gelingen kann. In meinem Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ habe ich ein Gedankenspiel eröffnet: „Was wäre, wenn ...“.

Frühspezialisierung in der Schule – was wäre wenn?

Dort schreibe ich: „Was wäre, wenn es Schulen gäbe, in denen Begabte mit einem heterogenen Begabungsprofil auf Spezialschulen oder in normalen Schulen in Kooperation mit Fachstellen individuell unterrichtet werden könnten? Sie würden begabungsorientiert gefördert, dürften ihre speziellen Interessen ausleben und sich nach ihren individuellen Fähigkeiten weiterentwickeln. Ich bin mir sicher, dass sich viele Problematiken und Auffälligkeiten in Luft auflösen würden, wenn sich diese Kinder am richtigen Ort und in einer wohltuenden Umgebung entfalten können. Und bestimmt würden sie ihren Platz in der Gesellschaft finden mit einem Job oder einer Lebensaufgabe, der ihnen und ihren Begabungen entspräche. Ein Wohl für die ganze Menschheit!“ (Seite 304)

Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.

In meinem Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich" kannst du mehr über all die Herausforderungen, die wir bewältigen mussten, erfahren.

Bei Amazon - oder im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3982620169

Buchcover Hochbegabt gescheitert und neue Türen öffnen sich von Susanne Burzel

Frühspezialisierung in der Schule ab der 8. Klasse

Besonders für hochbegabte Kinder und Jugendliche ist die Sinnhaftigkeit in dem, was sie lernen sollen, entscheidend. In der 8. Klasse kommt noch die individuelle Herausforderung der Pubertät hinzu. Die Jugendlichen werden pragmatischer und hinterfragen mehr als je zuvor. So entstehen die Konflikte in der Schule und die Noten rutschen für gewöhnlich ab.

Die Universitätsschule Dresden, ein gemeinsames Schulprojekt der Landeshauptstadt Dresden und der TU Dresden, hat dafür eine gute Lösung parat. Sie denken Schule von den Jugendlichen aus und verlagern den Unterricht stärker in die Praxis. Auf einem externen Gelände wird in der „Jugendschule“ beispielsweise ein Gartenhaus gebaut und nebenbei alles gelernt, was für Geometrie, Dreisatz und Statistik wichtig ist. Praktisches Lernen steht hier im Vordergrund.

Wie das konkret aussieht, das findest du in diesem Video ab Minute 34: https://www.ardmediathek.de/video/auf-spurensuche-oder-ard-wissen/schule-ohne-druck/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIwNDEyNzE

Eine frühe Spezialisierung im Unterricht stiftet Sinn

Die Frage ist, ob dieses Modell in jeder Schule umsetzbar ist. Ich denke, da gibt es Grenzen. Am Nachmittag werden beispielsweise verpflichtende AGs angeboten. Wenn wir in die Oberstufe schauen, dann gibt es dort eine kleine Spezialisierung auf mögliche Lieblingsfächer in Form von Leistungskursen. Einige unliebsame Fächer können nach und nach abgewählt werden. Oder es gibt das Fachabitur, welches einen Themenschwerpunkt in den Mittelpunkt stellt.

Was wäre aber, wenn man diesen Schritt oder diese Möglichkeit radikaler denkt? Es wäre doch eine Idee, wenn wir ab der 8. Klasse die Möglichkeit böten, dass die Schülerinnen und Schüler sich auf Themenbereiche spezialisieren können. Wenn ich an meinen Sohn denke, wäre hier der Schwerpunkt Naturwissenschaften sicher sehr interessant gewesen und seine Schullaufbahn wäre anders verlaufen.

Praktischer Unterricht in der Schule
Praktischer Unterricht ist gerade in der Pubertät sinnstiftend

Eine neue Bildungslandschaft für eine herausfordernde Zeit

Nehmen wir das Beispiel der Frühspezialisierung auf Naturwissenschaften und Technik. Die bis zum Ende der 7. Klasse erlangten Kenntnisse in Sprachen, Deutsch, Kunst und Musik und Geschichte als Grundlage dienen und nur noch rudimentär oder teilweise ganz darauf verzichtet werden. Die gewonnene Zeit würde in Fachthemen sowie eine starke Praxisorientierung investiert.

Andere Jugendliche hätten sicher ein großes Interesse an Sprachen und würden lieber auf den naturwissenschaftlichen oder künstlerischen Teil verzichten. So könnte eine Bildungslandschaft ab der 8. Klasse entstehen, die sich sehr individuell gestaltete und den Interessen der Jugendlichen entgegenkäme. Zudem wäre die herausfordernde Zeit der Pubertät so besser aufgefangen durch sinnstiftendes Lernen, das Erfahren von Selbstwirksamkeit und das Zusammensein mit Gleichgesinnten.

Es braucht offene und flexible Schulsysteme

Daneben gäbe es die Schülerinnen und Schüler, die bis zur Mittelstufe noch kein Spezialinteresse ausgebildet haben. Diese könnten weiterhin die allgemeine Schulbildung in Anspruch nehmen. Wenn dies alles auch einen Mehraufwand an Personal, Ausstattung, Räumlichkeiten und Möglichkeiten, bis hin zu externen Kooperationen bedeuten würde, so wäre das doch eine gute Lösung, dass unsere Kinder besser am Ball blieben.

Vor allem hochbegabte Jugendliche könnten so in der Schule besser integriert und gefördert werden. Das funktioniert jedoch nur in freien, flexiblen Schulsystemen, wie es die Alemannenschule Wutöschingen oder die bereits genannte Universitätsschule Dresden vormachen.

Was eine Frühspezialisierung für den Schulabschluss bedeutet

Zum Schluss bleibt die Frage nach dem Abschluss. Wie sollen Jugendliche ihren Abschluss in so einer Schule erlangen? Was ist er wert und schränkt er die Möglichkeiten danach ein? Es ist eine individuelle Entscheidung, wo die persönliche Reise hingeht. Steht der Weg schon sehr früh fest, wie bei unserem älteren Sohn, wäre die Möglichkeit der Frühspezialisierung ein Segen gewesen.

Bei anderen Jugendlichen wiederum ist die Möglichkeit der allgemeinen Bildung der optimale Weg. So gibt es für alle die richtige Lösung, die in individuellen Abschlüssen mündet. An dieser Stelle macht mirHoffnung, dass sich immer mehr Ausbildungsbetriebe ihre potenziellen Auszubildenden genau anschauen und ihr Engagement in einem Praktikum prüfen. Das Zeugnis spielt für sie nur eine nachgelagerte Rolle.

Der junge Mensch steht im Vordergrund, und nicht die Noten

Das ist eine gute und zukunftsgerichtete Entwicklung, die ich sehr begrüße. Denn hier steht der Mensch mit seinen Fertigkeiten und Fähigkeiten im Vordergrund und nicht seine Reduktion auf Schulnoten. Zudem gibt die tiefere Ausbildung in Spezialfächern leistungsbereiten Jugendlichen die Chance, leichter einen adäquaten Ausbildungsplatz zu finden. Denn hier liegt der Fokus der Bewertung auf diesen Fächern und werden nicht durch die allgemeinen Noten negativ beeinflusst.

Schule entwickelt sich weiter. Das liegt weniger an den Reformen, die seitens der Bildungsministerien ausgesprochen werden. Diese sind vielfältig in unserem Bildungsföderalismus. Meist liegt es an den Lehrkräften, die Schule durch ihre Haltung und neue Ideen verändern. Ich wünsche mir, dass eine frühe Spezialisierung eine Möglichkeit bietet, um hochbegabte Kinder in der Schule besser aufzufangen. Vielleicht hätte mein Sohn tatsächlich mehr mitgemacht. Und genau daran sollten wir Schule messen: nicht an Lehrplänen, sondern daran, ob Kinder mitmachen wollen.

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Hallo, ich bin Susanne!

Susanne Burzel Autorin
2024 veröffentlichte ich mein Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich". Seitdem schreibe ich in meinen Blogartikeln über meine Erfahrungen zum Selfpublishing aber auch über Hochbegabung und allem, was das Thema berührt. 

Ich führe seit über 12 Jahren meine eigene Werbeagentur und profitiere von einer vielfältigen Erfahrung (Grundschullehramt, Diskothek, Werbekauffrau, Dipl. Betriebswirtin, Dirigentin, Autorin, Podcasterin). 

Meine eigene Hochbegabung entdeckte ich erst, als ich 53 Jahre alt war. Ich möchte Eltern Mut machen und Lehrkräfte sowie Verantwortliche für das Thema sensibilisieren.

Meine Publikationen

Buchcover Hochbegabt gescheitert und neue Türen öffnen sich von Susanne BurzelEin Baumhaus zum Träumen Susanne BurzelBusiness Helden Susanne Burzel

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Ratgeber für Eltern Hochbegabung und Underachievement

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