Neulich war ich in einem Bildungsforum zu Gast mit einem eigenen Infostand. Hinter mir stand mein Roll-Up mit dem Cover meines Buchs „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“. Einige Lehrkräfte gingen vorbei und flüsterten sich spöttisch zu: „Jaja, bei uns sind auch alle hochbegabt.“ In diesen Momenten erkenne ich, wie viele Vorurteile zu Hochbegabung existieren. Mit diesem Artikel „Hochbegabung ist vieles – aber nicht das“ möchte ich mit 7 Irrtümern aufräumen und eine Art Faktencheck vornehmen.
Der Faktencheck zu Hochbegabung
Es ist den Lehrkräften nicht zu verdenken, dass einige von dem Thema Hochbegabung genervt sind. Ich möchte nicht wissen, wie viele Eltern in Feedbackgesprächen sitzen und bessere Noten für ihr Kind verlangen, da es angeblich hochbegabt sei. Auf der anderen Seite gibt es Eltern, die einen harten Kampf führen müssen gegen häufige Vorurteile, da ihr Kind alles andere als hochbegabt wirkt und agiert. Gehen wir den Vorurteilen und Irrtümern auf den Grund und schauen wir uns die Herausforderungen genauer an.
1. Hochbegabung erkennt man immer an den guten Noten
Wenn du Lehrkräfte fragst, wie man Hochbegabte erkennt, könntest du die Antwort erhalten: „An den guten Noten“. Tatsächlich ist das einem Freund passiert, der sein Kind auf ein Gymnasium mit Hochbegabtensiegel schicken wollte. Viele Eltern von hochbegabten Kindern wissen, dass Hochbegabung kein Garant für gute Noten ist. Im Gegenteil. Um das zu verstehen, sollte man sich die Merkmale von Hochbegabung genauer anschauen.
Es wird dann schnell klar, dass diese Kinder ganz anders denken. Somit hadern sie in einem Schulsystem, welches sich an neurotypischen bzw. normalbegabten Kindern orientiert. Viele Hochbegabte können ihr Potenzial nicht auf die Straße bringen. Sie werden ausgebremst, verspüren Langeweile, tiefe Einstiege in Themen werden abgewehrt oder sie fühlen sich in der Klassengemeinschaft nicht zugehörig. Die Gefahr ist groß, dass sie resignieren und in ein schulisches Underachievement rutschen.
Daher nein, gute Noten sind kein Zeichen für eine Hochbegabung. Noten messen Motivation aber nicht das Potenzial.
2. Hochbegabte können sich sehr gut anpassen
Denkst du, dass Hochbegabte aufgrund ihrer Cleverness gleichzeitig gute Fähigkeiten haben, sich ihrer Umgebung gut anzupassen? Leider ist das ein Trugschluss, der seine Spuren im Selbstwert dieser Kinder und Jugendlichen hinterlässt. Hochbegabte verfügen über einen großen Gerechtigkeitssinn, was ein übliches Miteinander für sie herausfordernd werden lässt. Viele verabscheuen Small-Talk, weil es für sie keinen Sinn macht.
Aufgrund ihrer vernetzten und tiefen Denkstruktur treiben sie manche Diskussion auf die Spitze. Der Drang, sich ständig neues Wissen anzueignen und bis ins letzte Detail zu erfassen, kann manche Menschen irritieren. Sie werden als anders wahrgenommen, vor allem, weil sie oft eine andere Sprache zu sprechen scheinen. Viele Hochbegabte fühlen sich daher fehl am Platz, es ist ihnen unwichtig, sich anzupassen.
Der Fairness möchte ich erwähnen, dass speziell hochbegabte Mädchen über eine hohe Anpassungsfähigkeit verfügen können. Diese geht sogar so weit, dass sie ihre Schulnoten absichtlich nach unten korrigieren, um dazu zu gehören und nicht negativ als Streberin aufzufallen. Denn der Wunsch nach Anerkennung ist groß. Dass sie aber darunter leiden und stille Folgen dieser ständigen Anpassungsleistung zeigen können, ist wichtig, als Lehrkraft zu verstehen.
Daher nein, Hochbegabte können sich nicht generell gut anpassen. Und wenn es so scheint - zu welchem Preis?
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3. Ein einzelner IQ-Test reicht, um Hochbegabung auszuschließen oder zu bestätigen.
Wird bei einem Kind eine Hochbegabung vermutet, schafft ein IQ-Test Aufschluss über die Potenziale des Kindes. Je nach Wohlbefinden und Beziehung zu der Person, die testet, kann der IQ-Test realistisch, aber auch schlechter ausfallen. Wird beispielsweise ein IQ-Test im Rahmen einer ADHS-Diagnostik gemacht, ist es möglich, dass der Test geringer ausfällt, als es das Potenzial hergibt.
Die Gründe liegen in der Testsituation aber auch in einem Masking durch das ADHS. Daher braucht es manchmal mehrere Anläufe, um das wirkliche Potenzial herauszufinden. Wichtig an dieser Stelle zu wissen: Ein IQ-Test kann niemals nach oben beeinflusst werden, aber immer nach unten. Hat das Kind also keine Lust, ist müde oder hungrig, ist es klar, dass der Test schlechter ausfällt. Zwischen zwei IQ-Tests sollten mindestens 2 Jahre liegen.
Daher nein, manchmal braucht es mehrere Anläufe, um den IQ verlässlich zu bestimmen. Lies dazu gerne unsere Geschichte im Rahmen des Artikels zur Begabungsdiagnostik.
4. Hochbegabte brauchen keine Förderung, sie schaffen alles allein
Wenn du denkst, dass Hochbegabte keine Förderung bedürfen, weil sie es immer aufgrund ihrer besonderen Begabung leicht haben, dann ist dies leider ein Trugschluss. Dieser spiegelt sich in der Bosch-Studie 2024 wider, in der Lehrkräfte befragt wurden, ob es Fördermaßnahmen für lernschwache Schüler oder andererseits hochbegabte Schüler an ihrer Schule geben würde. Die Ergebnisse kannst du in diesem Artikel lesen. Eins vorweg: Es gibt weit weniger Fördermaßnahmen für hochbegabte Kinder als für Kinder mit Lernproblemen.
Vielmehr braucht es eine Inklusion für hochbegabte Schülerinnen und Schüler. Bildungssysteme müssen so gestaltet sein, dass alle Menschen gleichberechtigt lernen können, das besagt die UN-Behindertenrechtskonvention. Und ja, eine Hochbegabung kann einen regulären Schulbesuch behindern, das können viele Eltern bestätigen. Auch wir haben damit Erfahrungen, die u. a. in einer zweijährigen Schulverweigerung gemündet haben.
Daher doch, Hochbegabte benötigen ebenso Förderung wie Kinder mit Lernproblemen, da sie aufgrund ihrer Eigenschaften im Schulsystem großen Herausforderungen gegenüberstehen.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
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5. Hochbegabung führt immer zu Höchstleistung, Ruhm und Erfolg
Eine Hochbegabung ist schön, das kann ich als spät erkannte hochbegabte Erwachsene sagen. Aber damit ist die Sache nicht getan. Wie weiter oben erwähnt ist eine Hochbegabung kein Garant für Höchstleistungen und schon gar nicht für Ruhm und Erfolg. Sicher gibt es einige herausragende Hochbegabte, die ihre spezielle Begabung auf einem Gebiet ausleben. Sie tun dies aus einem inneren Drang heraus, weil sie nicht anders können.
Sind sie jedoch mit Themen konfrontiert, die sie nicht interessieren, geraten sie schnell in eine Verweigerungshaltung. Vor allem dann, wenn der Sinn hinter Lernaufgaben nicht verstanden und gefühlt wird. Die intrinsische Motivation ist ausgeschaltet. Aus diesem Grund zeigen Hochbegabte in der Schule oft zwei Gesichter. Einmal ein hochinteressiertes und hochmotiviertes, in Fächern, die sie begeistern. Auf der anderen Seite aber ein desinteressiertes, nicht-leistendes. Ein Ungleichgewicht führt zur Resignation und zur Minderleistung.
Daher nein, Hochbegabung ist erst einmal nur ein Potenzial, welches sich erst in optimalen Rahmenbedingen entfalten kann. Ruhm und Erfolg sind vielen Hochbegabten egal, sie agieren vielmehr aus einem inneren Drang heraus, sich Wissen oder Fertigkeiten anzueignen.
6. Hochbegabte sind überheblich und arrogant
Hochbegabte Menschen wissen alles und wirken überheblich und arrogant. Vielleicht ist das auch ein Vorurteil, welches du hast? Oder sagen wir besser, eine Angst vor der eigenen Übervorteilung? Hochbegabung ist für viele faszinierend, solange sie nicht direkt betroffen sind. In einer Lehrer-Schüler Kombination kann es ganz schnell anderes aussehen, wenn der Schüler hochbegabt ist.
Hochbegabte lieben es, ihr Wissen zu teilen. Möglicherweise kommt daher der Ruf, dass sie kleine „Klugscheißer“ sind. Sie tun es aber selten, um andere Mensch zu demütigen, sondern um ihren inneren Drang, ihr Wissen weiterzugeben, zu befriedigen. Dazu kommt, dass sie durchaus spüren, dass sie mit einer gewissen Skepsis und mit Vorbehalt betrachtet werden. Ihr Verhalten ist dann oft etwas ruppiger, als sie es möchten. Zudem verfügen sie über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, vor allem, wenn es darum geht, Regeln einzuhalten. Das kann sie überheblich wirken lassen.
Daher nein, Hochbegabte können zwar überheblich und arrogant wirken, die Absicht ist aber eher ein gesunder Selbstschutz und ihr starker Blick auf Gerechtigkeit.

7. "Jedes Kind ist hoch begabt"
Diesen Buchtitel kennst du sicher von Gerald Hüther. Ich muss sagen, er irritiert mich jedes Mal. Wobei ich zugute halten muss, dass das Wort hochbegabt bei seinem Buchtitel auseinandergeschrieben wird. Das differenziert den Blick ein wenig. Dennoch, als hochbegabt (IQ mindestens 130) gelten nur ca. 2 % der Bevölkerung. Fest steht aber, dass jedes Kind ein großes Potenzial hat, wenn es geboren wird. Das wird sichtbar in den Stärken, die es im Laufe seiner Entwicklung zeigt. Manche klettern hervorragend, andere haben ein außergewöhnliches Gespür für Musik oder für Naturwissenschaften. Hüther hat recht, wenn er den Fokus auf diese Stärken legt.
Die Formulierung, die er gewählt hat, ist jedoch für mich unpassend. Denn es verwässert das besondere Potenzial einer Hochbegabung. Seine Aussage wird oft als Gegenargument genutzt, wenn Eltern sagen, dass ihr Kind hochbegabt ist. Wir können mit Hüthers Aussage sogar so weit gehen, dass die Lehrkräfte, von denen ich am Anfang sprach, ebenfalls recht haben. Leider erschwert diese Einstellung immens die Bereitschaft, Hochbegabung als förderberechtigt anzusehen.
Daher nein, nicht jedes Kind ist hochbegabt, das betrifft nur 2 % von ihnen. Fest steht aber auch, dass bereits Kinder mit einer überdurchschnittlichen Begabung ab IQ 115 die besonderen Merkmale von Hochbegabung aufzeigen können. Dies macht immerhin ca. weitere 13,9 % der Bevölkerung aus (IQ zwischen 115 und 129).
Du wünschst dir regelmäßige Impulse rund um Hochbegabung, Underachievement
u. a. in Verbindung mit dem Schulsystem?
Fazit: Diese 7 Irrtümer zu Hochbegabung blockieren Förderung
Fakt ist, dass es vor allem diese 7 Irrtümer sind, die Eltern und Kinder das Leben im Bildungssystem schwer machen. Daher werde ich nicht müde, um mit den Irrtümern aufzuräumen und immer wieder die besonderen Merkmale für Hochbegabung hinzuweisen. Sie sind letztlich der Grund dafür, warum Kinder in ein schulisches Underachievement rutschen. In eine Minderleistung, die aufgrund von Resignation entsteht. Eine Folge kann sein, dass das Kind die Schule verweigert.
Vielleicht kennst du noch weitere Mythen zu Hochbegabung? Oder du bist von dem einem oder anderen Vorurteil besonders betroffen? Ich freue mich, wenn du mir Beispiele in die Kommentare schreibst. Diese nehme ich sehr gerne auf und erwähne sie beispielsweise (natürlich anonym) in Videos auf meinem YouTube-Kanal. Vor allem Lehrkräfte, die sich gerade in der Lehramtsausbildung befinden, sollten über diese Vorurteile früh aufgeklärt werden. Nur so können sie hochbegabten Kindern förderwillig begegnen.

5 Möglichkeiten, wie du 2026 mit mir arbeiten kannst!
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich möchte etwas bewirken, was die Themen Hochbegabung und Underachievement angeht. Aus diesem Grund habe ich Angebote definiert, wie du mit mir zusammenarbeiten kannst.
Wenn du Elternteil bist oder (angehende) Lehrkraft und mehr über die Themen Hochbegabung und Underachievement erfahren möchtest schau gerne direkt hier:
















Wunderbare Zusammenfassung der Mythen, es ist ein Dschungel an Kommentaren was man so langläufig hört egal in welche Richtung. Danke für deinen Artikel werde ihn bei Gelegenheit teilen.
Liebe Grüße