Im Bereich Hochbegabung und Underachievement gibt es viele Fachbegriffe. Dieses Glossar soll dabei helfen, dass du zu den jeweiligen Begriffen eine kurze Erklärung findest. Sie sind alphabetisch geordnet, klick einfach den gewünschten Begriff im Inhaltsverzeichnis an.
ADHS
ADHS bedeutet Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom und zählt offiziell zu den „psychischen und Verhaltensstörungen“ im ICD-10-Katalog. Sie wird von Psychologen diagnostiziert mittels Fragebögen, IQ-Test und Beobachtungen. Der Anteil der Fehldiagnosen lag laut Deutschem Ärzteblatt im Jahr 2012 bei ca. 16,7 %. Das Phänomen ist bereits seit 1775 bekannt, Melchior Adam Weikard erwähnte die Symptome bereits in seinem Buch „Der Philosophische Arzt“. Warum ADHS lange Zeit als Modediagnose galt, liest du hier.
ADS
Die Bezeichnung ADS ist veraltet und beschreibt das ADHS-Syndrom ohne das Symptom der Hyperaktivität. Bereits seit den 1990er Jahren wird dabei von als „ADHS - überwiegend unaufmerksamer Typ“ gesprochen. In Deutschland fällt ADHS unter die Hyperkinetischen Störungen (F90) und wird in verschiedenen Ausprägungen differenziert. Seit 2022 ist ADHS international im ICD-11-Katalog unter den entwicklungsneurologischen Störungen aufgeführt. ADHS und Hochbegabung können oft zusammen vorliegen, lies gerne meinen Artikel zu möglichen Fehldiagnosen.
Akzeleration
Der Begriff Akzeleration stammt vom lateinischen „accelerare“ und bedeutet „beschleunigen“. In Verbindung mit Hochbegabung wird dieser Begriff mit beschleunigten Lernprozessen verwendet. Somit soll eine Unterforderung vermieden und das individuelle Lerntempo angepasst werden. Praktisch wird dies mit vorzeitigen Einschulungen, Überspringen einer Klasse oder Drehtürmodellen umgesetzt.
Anstrengungsbereitschaft
Die Bereitschaft, sich anzustrengen, um beispielsweise in der Schule Leistung zu erbringen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dafür erforderlich sind Eigeninitiative und die Bereitschaft, auch bei Herausforderungen dranzubleiben. Gefördert wird die Anstrengungsbereitschaft durch das Erleben von Selbstwirksamkeit und der Anerkennung der erbrachten Leistung bzw. des gemeisterten Lernprozesses.
Arbeitsgedächtnis
Das Arbeitsgedächtnis ist die Fähigkeit, Informationen kurzfristig abzuspeichern, zu verarbeiten und abzurufen. Je größer das Arbeitsgedächtnis ist, desto besser gelingt das Lösen von komplexen Aufgaben oder das Verknüpfen von Informationen. In einem IQ-Test wird das Arbeitsgedächtnis als einen von vier oder fünf Bereichen getestet. Es gibt Aufschluss darüber, wie gut die Voraussetzungen für den (schulischen) Lernerfolg sind. Ein schwaches Arbeitsgedächtnis kann trotzdem Teil eines hohen Intelligenzquotienten sein, wenn andere Bereiche stärker ausgeprägt sind.
Asynchrone Entwicklung
Die asynchrone Entwicklung wird oft bei hochbegabten Kindern beobachtet. Hier geschieht die kognitive Entwicklung schneller als die soziale-emotionale Entwicklung. Das kann zu Missverhältnissen führen im eigenen Erleben, wenn das Kind komplexe Zusammenhänge versteht, aber sich andererseits kindgerecht verhält. Auch das Umfeld kann mit Unverständnis reagieren, wenn das Kind beispielsweise sprachlich bereits sehr weit ist, aber emotional altersgemäß reagiert.
Begabungsdiagnostik
In einer Begabungsdiagnostik wird der Intelligenzquotient mittels eines IQ-Tests gemessen. Der Fokus liegt nur darauf im Gegensatz zu einer klinischen Diagnostik, in der ein IQ-Test oft ein Teil einer defizitorientierten Diagnostik (ADHS, Autismus Spektrum Störung und andere) ist. Ein weiterer Unterschied ist, dass bei einer Begabungsdiagnostik meist nur ein Ansprechpartner da ist und daher besser Vertrauen aufgebaut werden kann. In einem wohlwollenden Umfeld kann der Proband sein Potenzial besser zeigen. Ein Vorgespräch sowie ein Nachgespräch finden statt. Ein Gutachten wird gemeinsam mit den Testergebnissen ausgehändigt und dient als Hilfestellung für die pädagogischen Einrichtungen wie Kindergarten oder Schule. Hier erhältst du weitere Informationen zur Begabungsidagnostik vs. klinischer IQ-Diagnostik.
Digitale Drehtür
Eine sinnvolle Enrichment-Maßnahme ist die Digitale Drehtür. Sie hat ihren Sitz in Hessen und ist ein länderübergreifendes Bildungsangebot für Schülerinnen und Schüler. Verschiedene Projekte auf unterschiedlichen Themengebieten stehen bereit. Schulen können das Angebot der Digitalen Drehtür nutzen und besonders begabte oder hochleistende Kinder und Jugendliche teilhaben lassen. Hier findest du weitere Informationen zur Digitalen Drehtür.
Drehtürmodell
Neben der Digitalen Drehtür gibt es das schulinterne Drehtürmodell. Wenn Lehrkräfte merken, dass hochbegabte Kinder sich langweilen und beginnen zu resignieren, ist es möglich, sie in ausgewählten Lernfächern eine Klassenstufe höher zu beschulen. Praktisch sieht dies so aus, dass das Kind in der 2. Klasse beispielsweise den Matheunterricht der 3. Klasse besucht und dort mitwirkt. So können besondere Interessen berücksichtigt und kognitiv gefördert werden.
Enrichment
Mit Enrichment-Maßnahmen geschieht eine Anreicherung des Unterrichts. Ist ein Kind mit seinen Aufgaben fertig, kann es sich mit anderen Dingen beschäftigen, die von der Lehrkraft vorgegeben werden. Hier ist zu beachten, dass diese Aufgaben für das Kind sinnvoll sein müssen. Mandalas ausmalen oder weitere Aufgaben erledigen zu lassen frustriert diese Kinder oft noch mehr. Hier gilt es, mutig zu sein und den Kindern komplexe und über den Lernstoff hinausgehende Aufgaben zu geben, auch wenn es sich der Basisaufgaben verweigert. Gerade komplexe Aufgaben, die einen Lerntransfer beweisen oder Aufgaben, die einer gewissen Lösungsbegabung bedürfen, sind sinnvoll, um hochbegabte Kinder zu fordern und um ihnen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Lies hier alles weitere zu Enrichment und den Unterschied zur Akzeleration.
Extrinsische Motivation
Im Gegensatz zur intrinsischen Motivation entsteht der Antrieb, Dinge zu erledigen, aus einem äußeren Anreiz heraus. Externe Anreize, wie Belobigungen, Anerkennung von anderen aber auch das Vermeiden von Strafen liegen der Motivation zugrunde. Im schulischen Kontext bedeutet dies, dass Kinder extrinsisch handeln, wenn sie von der Lehrkraft gelobt werden möchten, gute Zensuren erlangen wollen oder sich wünschen, dass die Eltern zufrieden sind. Fällt der äußere Anreiz weg, erlischt die Motivation und damit die Anstrengungsbereitschaft.
Fixed Mindset
Das Fixed Mindset ist im Gegensatz zum Growth Mindset ein fixiertes Selbstbild, welches als unveränderlich und angeboren betrachtet wird. Herausforderungen und persönliche Entwicklungen werden vermieden, das Kind stagniert entmutigt in seinen Fertigkeiten, was in der Schule zu Frustration und Resignation führen kann.
Growth Mindset
Das wachsende Selbstbild ist konträr zu dem Fixed Mindset auf Entwicklung und das Meistern von Herausforderungen ausgerichtet. Das Konzept, das von einem positiven Wachstumsdenken geprägt ist, stammt von der amerikanischen Psychologin Carol Dweck. Ein Mensch mit einem Growth Mindset ist in der Überzeugung, dass es immer dazulernen kann. Scheitern wird als positive Fehlerkultur wahrgenommen und als Lernchance gesehen. Gerade für hochbegabte Kinder ist die Entwicklung eines Growth Mindset eine wertvolle Möglichkeit, sein Selbstbild zu verbessern und Selbstwirksamkeit zu erleben. Lies hier mehr über das Growth Mindset.
Hochbegabung
Eine Hochbegabung wird objektiv mit einem IQ-Test gemessen und ist ein kognitives Potenzial. Mit einem IQ von 130 bis zu einem IQ von 144 gilt man als hochbegabt. Viele Merkmale begleiten eine Hochbegabung, wobei die Eigenschaften in unterschiedlicher Intensität ausgeprägt sein können, wie eine schnelle Auffassungsgabe, ein hohe Lösungsbegabung, schnelle Transferleistungen, ein tiefes Interesse an Spezialthemen, Perfektionismus, nonkonformes Verhalten, ein schnelles und komplexes Denkvermögen, eine hohe Sensibilität aber auch ein negatives Selbstkonzept oder ein schlechtes Selbstwertgefühl. Erfahre hier mehr über die Merkmale von Hochbegabung.
IQ
Ein IQ ist ausgeschrieben ein Intelligenzquotient. In einem IQ-Test wird er aus verschiedenen Teilwerten, wie räumlich visuelles Denkvermögen, Arbeitsgedächtnis, Sprachverständnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit zusammengesetzt. Mehr über den IQ liest zu hier.
Minderleistung
Minderleistung ist die deutsche Übersetzung für Underachievement.
Neurodivergenz
Das Konzept der Neurodivergenz gibt es seit den 1990er Jahren und wurde von Judy Singer der Autismus-Community eingeführt. Neurodivergent sind Menschen, deren Gehirne anders funktioniert und somit von der neurotypischen Norm abweicht. Zu den Neurodivergenzen zählen u. a. ADHS, Autismus Spektrum Störung, LRS, Dyslexie, Dyspraxie, Hochbegabung und Hochsensibilität. Das Konzept stellt die Stärken dieser Menschen in den Vordergrund. Lies hier, was die Neurodivergenz von der Neurodiversität unterscheidet.
Scanner-Persönlichkeit
Wenn jemand vielinteressiert und vielbegabt ist, sprechen wir von Scannerpersönlichkeiten. Sie widmen sich mehreren Projekten gleichzeitig und interessieren sich auch für scheinbar gegensätzliche Themengebiete. Sie verfügen über ein breites Spektrum von Wissen und Kompetenzen.
Selbstregulation
Das Konzept der Selbstregulation beruht darauf, dass der Mensch bewusst lernt, sich selbst zu regulieren. Er begibt sich dabei auf eine Metaebene, die ihm den Blick von außen auf ihn selbst ermöglicht. In der Schulentwicklung findet dieses Konzept immer stärkere Beachtung, unterstützend dazu gibt es Forschungsgebiete in den Erziehungswissenschaften. Kinder, die sich selbst regulieren lernen, haben die Möglichkeit, aktiv und bewusst in ihren Lernprozess einzugreifen und diesen zu lenken. Für hochbegabte Kinder ist das Erlernen von Selbstregulation eine gute Lernstrategie, um den eigenen Lernprozess besser steuern zu können. Hier erfährst du mehr über Selbstregulation in der Schulpraxis.
Schulabstinenz
Die Abwesenheit vom Schulgebäude wird Schulabstinenz genannt. Denn es besteht in Deutschland eine Schulgebäudeanwesenheitspflicht für Schülerinnen und Schüler. Die Gründe für eine Schulabstinenz (oder Schulverweigerung) sind vielfältig. Schulangst, Krankheiten, psychische Herausforderungen, Unlust aber auch Hochbegabung und Underachievement können dahinterstecken. Wichtig ist es, die Ursachen von Schulabstinenz herauszufinden, um Möglichkeiten zu finden, die Situation für die betroffenen Kinder oder Jugendlichen zu verbessern. Lies hier mehr über die Schulpflicht, die zu einem Damoklesschwert für Eltern hochbegabter Kinder werden kann.
Twice exceptional students (2e)
Hat ein Kind zwei Neurodivergenzen, zum Beispiel in der Kombination von Hochbegabung und ADHS, sprechen wir von einem twice exceptional student (zweifach außergewöhnlichen Schüler / Schülerin). Die Herausforderung ist, dass sich die Neurodivergenzen gegenseitig beeinflussen können und es zu einem Masking kommen kann. So kann eine Hochbegabung aufgrund eines ADHS unerkannt bleiben, oder ein ADHS aufgrund der Hochbegabung unbehandelt. Erfahre hier mehr über twice exceptional students.
Underachievement
Wenn ein Kind hochbegabt ist, aber weniger Leistung in der Schule erbringt als sein kognitives Potenzial es erwarten ließe, sprechen wir davon, dass es in ein Underachievement rutscht. Im Deutschen wird dies meist übersetzt mit „Minderleistung“, wobei die Eingrenzung auf eine schulische Minderleistung zielführender ist. Die Ursachen von Underachievement liegen in den Merkmalen von Hochbegabung begründet. Dies kann ein Perfektionismus sein, ein mangelndes Selbstwertgefühl aber auch Passungsprobleme, Langeweile oder Unterforderung. Das Kind resigniert im Unterricht. Erfahre hier mehr über Underachievement.
Dieses Glossar wird fortlaufend erweitert.
Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.
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