Die Holschuld der Eltern: Warum wir bei twice exceptional auf uns allein gestellt sind

10. Juli 2026
6 Minuten Lesezeit

Viele runzeln die Stirn, wenn sie das erste Mal von twice exceptional students hören, was auch mit 2e abgekürzt wird. Ich bin auf diesen Begriff das erste Mal gestoßen, als ich nach einer geeigneten Schule während der 2-jährigen Schulverweigerung unseres Sohnes recherchierte. Ich habe sie gefunden. Die einzige Förderschule für Hochbegabte verwendete diesen Begriff auf ihrer Website. Das war für mich ein Aha-Erlebnis, denn das Schulprofil passte 1:1 zu unserem Sohn. Leider sind diese Informationen eine Holschuld der Eltern. Warum das so ist, und warum wir bei dem twice exceptional ganz oft auf uns allein gestellt sind, erläutere ich in diesem Artikel.

Was ist twice exceptional?

Neulich sprach mich eine Mutter an. Sie sei dankbar, dass ich auf meinem Blog einen Artikel zu twice exceptionals habe, und auch ein Video in meinem YouTube-Kanal darüber gemacht habe. Sie hätte schon recherchiert, aber es sei so wenig im Internet darüber zu finden. Bevor wir näher darauf eingehen, warum das so ist, erlaube mir zuerst eine kleine Begriffserklärung.

Twice exceptional, kurz 2e, bedeutet übersetzt „zweifach außergewöhnlich". Gemeint sind Kinder, die gleichzeitig hochbegabt und anders neurodivergent sind. Sie sind dann zum Beispiel mit einem ADHS oder einer Autismus Spektrum Störung diagnostiziert. Beide Ausprägungen (Hochbegabung und Neurodivergenz) können sich gegenseitig überdecken, was man auch als Masking bezeichnet. Was das im Detail bedeutet und wie sich das bei Hochbegabung plus ADHS zeigt, habe ich in einem eigenen Grundlagenartikel „Was sind twice exceptional students?" ausführlich beschrieben.

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Mehr Informationen

Hochbegabung plus ADHS

In dem verlinkten Artikel erfährst du auch (inkl. Quellen), dass aktuelle Studien aus den USA bei Hochbegabten einen Anteil von ca. 6 % vermuten lassen, die gleichzeitig twice exceptional sind. In Deutschland gehen wir aufgrund von Beobachtungen davon aus, dass über 3 % der ADHS-Kinder gleichzeitig hochbegabt sind. Wenn wir mehr über das Thema erfahren wollen, müssen wir in die Vereinigten Staaten schauen. Dort ist die Studienlage schon wesentlich weiter als hier in Deutschland. In den USA gibt es spezielle 2e-Screeningstellen für Eltern.

Speziell zu ADHS möchte ich anmerken, dass diese Beeinträchtigung nicht in Stein gemeißelt ist. Ich habe an anderer Stelle bereits beschrieben, dass sich ein ADHS im Laufe der Pubertät auch verändern oder sogar auswachsen kann. Genau diese Beweglichkeit der Diagnosebilder macht die Sache zusätzlich kompliziert. Wenn wir das beachten, ist es auch logisch, dass Fehldiagnosen bei ADHS ein weiteres ernstzunehmendes Thema sind. Aber natürlich sind auch Doppeldiagnosen möglich, wobei wir uns hier in das Feld der twice exceptionals begeben.

Twice exceptional ist in der Diagnostik eine Herausforderung

Du siehst, das Thema ist sehr komplex und umfassend. Wir haben ein großes Feld an Neurodivergenzen, wozu neben ADHS und der Autismus Spektrum Störung auch LRS, Dyskalkulie, Dyslexie etc. gehören. Als häufigste Kombination kann jedoch ADHS plus Hochbegabung angesehen werden. Daneben gibt es auch multi exceptionals. Das trifft dann zu, wenn mehrere Neurodivergenzen gleichzeitig aufeinandertreffen.

Die Herausforderung bei uns in Deutschland ist also die, dass wir zurzeit nur sehr spärliche Informationen haben. Das ist der Grund, warum die Mutter, die mich ansprach, so wenig dazu gefunden hatte. Aber damit hört es nicht auf. Denn die nächste Herausforderung ist die, eine gezielte Diagnosestelle zu finden. Oft landen die Eltern in unterschiedlichen Beratungsstellen, weil ein Zusammenschluss der unterschiedlichen und verlässlichen Diagnostiken in Deutschland noch nicht flächendeckend erfolgt ist.

Solltest du als Leserin oder Leser jemanden empfehlen können, schreibe es bitte unten in die Kommentare, damit wir diese Info an andere Betroffene weitergeben können.

Die erste IQ-Auswertung, die sie je gesehen hat

Als unser jüngerer Sohn aufgrund von Mobbingvorfällen den Schulbesuch immer mehr verweigerte, machten wir uns ebenfalls auf die Suche nach der Ursache. Zwischenzeitlich hatte unser älterer Sohn eine Begabungsdiagnostik absolviert. In diesem IQ-Test kam die Hochbegabung heraus, er war 16 Jahre alt. Unser jüngerer Sohn forderte dann ebenfalls einen IQ-Test ein. „Wenn er einen machen durfte, möchte ich das auch“. Es kam ebenfalls eine Hochbegabung heraus.

Das erzählten wir der Förderschullehrerin, die unseren Sohn in der Gesamtschule betreute. Sie war sehr neugierig und wollte unbedingt die Testauswertung haben. Es sei der erste, den sie in ihrem Berufsleben sehen würde. Ich muss gestehen, diese Aussage machte mich ein wenig fassungslos. Denn ich war bis dahin der Überzeugung, dass sich gerade Förderschullehrkräfte mit diesem Thema wenigstens am Rande ein wenig auskannte.

Hochbegabung, Underachievement und twice exceptional fehlen in der Lehramtsausbildung

Dass das Thema Hochbegabung und Underachievement im Lehramtsstudium nicht vorkommt, war mir klar. Das kannte ich so aus meinem eigenen Grundschulstudium. Insgeheim hatte ich gehofft, dass sich das im Laufe der Jahre geändert hat. Aber offensichtlich sind diese Themen inkl. twice exceptional, weder im Lehramtsstudium noch in der Förderschullehrkraft-Ausbildung Inhalt. Und das, obwohl es bei Inklusion und Förderung eigentlich um alle Förderbedarfe gehen sollte. Auch um hochbegabte Underachiever.

Frustriert hat mich das doppelt. Denn gerade von einer Förderschullehrkraft hatte ich mir Unterstützung erhofft. Stattdessen war ich diejenige, die aufklären musste. Genau das ist die Holschuld, von der ich spreche: Wir als Eltern müssen uns das Wissen selbst zusammensuchen, obwohl eigentlich die Verantwortlichen in der Bringschuld wären. Und wir hatten es noch vergleichsweise gut. Es gibt viele Eltern, die es aus den unterschiedlichsten Gründen nicht schaffen, sich selbst durch dieses komplexe Thema zu kämpfen: fehlende Zeit, Sprachbarrieren, Überforderung, oder schlicht, weil niemand ihnen sagt, wo sie überhaupt anfangen sollen. Wir waren komplett auf uns allein gestellt. Und so sind es viele Eltern heute noch.

Lies unsere persönliche Geschichte hier inkl. 2 Jahre Schulverweigerung.

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Warum twice exceptional students so schwer zu erkennen ist

Die Forschung zeigt: Das Übersehen von 2e-Kindern ist kein Zufall, sondern liegt in den Neurodivergenzen selbst begründet. Ein Grund liegt im sogenannten Masking. Ein ADHS kann eine Hochbegabung überdecken, und eine Hochbegabung kann umgekehrt ein ADHS überdecken. Die Betroffenen kompensieren, oft über Jahre. Eine Diagnostik, die stark auf Beobachtung angewiesen ist, tut sich mit diesem Wechselspiel naturgemäß schwer.

Die erste Diagnostik unseres älteren Sohnes ergab ein ADHS mit einer überdurchschnittlichen Begabung. Also lag der Fokus lange nur auf dem ADHS, auf der Bewältigung von Defiziten. Die besondere Begabung, die zu dem Zeitpunkt „nur" überdurchschnittlich ausfiel, geriet dabei aus dem Blick. Im Nachhinein frage ich mich, ob das selbst schon ein Masking-Effekt war?

Ein systemisches Problem: Im Zweifel gegen eine Hochbegabung

Eine US-Studie mit Daten aus der ECLS-K-Langzeituntersuchung hat genau diesen Punkt systematisch untersucht. Die Forscher verglichen die Leistungswerte von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Das Ergebnis war, dass rein rechnerisch, nur nach Leistung betrachtet, Kinder mit Förderbedarf 10,8 % der Plätze in Begabtenprogrammen belegen müssten. Tatsächlich sind es deutlich weniger. Besonders häufig übersehen wurden dabei Jungen, nicht-weiße und einkommensschwache Kinder sowie Kinder mit einem eher zurückhaltenden, introvertierten Verhalten.

Genau das ist der Kern des Problems. Sobald bei einem Kind ein Förderbedarf sichtbar oder diagnostiziert ist, schaut man durch eine Defizit-Brille auf dieses Kind. Die unbewusste Erwartung lautet, dass Beeinträchtigung und Höchstleistung nicht gleichzeitig existieren können. Bei stillen, zurückhaltenden Kindern kommt erschwerend hinzu, dass sie ohnehin nicht auffallen, weder durch ihre Begabung noch durch ihre Herausforderung. Sie werden schlicht in beide Richtungen übersehen. Das Muster ist international dasselbe: Wo ein Defizit sichtbar ist, wird das Potenzial übersehen.

Eine Förderschule für twice exceptionals in ganz Deutschland

Wie ernst es um die strukturelle Förderung von 2e-Kindern in Deutschland steht, zeigt eine einzelne Zahl besonders deutlich. Es gibt in ganz Deutschland genau eine Schule, die sich gezielt an twice exceptional Kinder richtet. Es ist die eingangs erwähnte Oswald-von-Nell-Breuning-Schule – Abteilung 2e - in Offenbach am Main. Lass dir das nochmal auf der Zunge zergehen: Eine einzige Förderschule für twice exceptionals für ein ganzes Land.

Für Underachievement gibt es immerhin vereinzelte Pilotprojekte. Die KARG-Stiftung ist in Zusammenarbeit mit verschiedenen Landesministerien hier tätig. Aber flächendeckend wurde bislang nichts umgesetzt. Für twice exceptional existiert praktisch nichts Vergleichbares. Dabei bräuchte gerade diese Gruppe eine besondere individuelle Förderung, weil Potenzial und Beeinträchtigung bei jedem Kind anders zusammenspielen. Aber individuelle Förderung setzt Bewusstsein voraus. Und genau dieses Bewusstsein fehlt an den meisten Stellen im System.

Ein Weckruf in zwei Richtungen

Dieser Artikel soll zweierlei bewirken. Zum einen möchte ich Eltern informieren, dass es dieses Phänomen gibt und sie mit ihrer Verwirrung nicht allein sind. Zum anderen soll dies ein Weckruf an das Bildungssystem und sämtliche Bildungsverantwortliche sein, dass Potenzial und Defizit gleichzeitig auftreten können und beides gesehen werden muss. Eine Hochbegabung schließt ein ADHS nicht aus, und ein ADHS verdeckt nicht automatisch die Begabung dahinter.

Die Holschuld darf nicht dauerhaft bei den Eltern bleiben. Es braucht Bewusstsein in der Lehramtsausbildung, in der Förderschullehrkraft-Ausbildung und in der Diagnostik. All das müssen Pflichtelemente in der Ausbildung sein, damit die Holschuld der Eltern zu einer Bringschuld der Bildungsverantwortlichen wird. Nur so werden Eltern entlastet und ernst genommen, sodass gemeinsame Lösungen entstehen können.

Letztendlich geht es darum, Glaubenssätze aufzulösen, dass Begabung und Einschränkungen nicht gleichzeitig vorliegen können. Es braucht eine achtsame Begleitung der Herausforderungen und im gleichen Zuge eine Förderung des Potenzials im Sinne einer klugen Begabungsförderung.

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Susanne Burzel Autorin
2024 veröffentlichte ich mein Buch "Hochbegabt gescheitert - und neue Türen öffnen sich". Seitdem schreibe ich in meinen Blogartikeln über meine Erfahrungen zum Selfpublishing aber auch über Hochbegabung und allem, was das Thema berührt. 

Ich führe seit über 12 Jahren meine eigene Werbeagentur und profitiere von einer vielfältigen Erfahrung (Grundschullehramt, Diskothek, Werbekauffrau, Dipl. Betriebswirtin, Dirigentin, Autorin, Podcasterin). 

Meine eigene Hochbegabung entdeckte ich erst, als ich 53 Jahre alt war. Ich möchte Eltern Mut machen und Lehrkräfte sowie Verantwortliche für das Thema sensibilisieren.

Meine Publikationen

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